VG-Wort Pixel

Hitzewelle und Klimawandel Die Trockenheit ist da und bleibt – der nächste Regen ändert das nicht

Trockenheit mit Grün in Senftenberg in Brandenburg
Trockenheit im brandenburgischen Senftenberg: Das Grün täuscht vielerorts darüber hinweg, dass unsere Böden teilweise schon dauerhaft von einer "außergewöhnlichen Dürre" gezeichnet sind.
© Patrick Pleul / dpa
Die Gleichung scheint einfach: Große Hitze führt zu großer Trockenheit und das zu Wassermangel – bis zum nächsten Regen. Doch das gilt nicht mehr. Die Trockenheit hat sich in unseren Böden festgesetzt. Sie ist gekommen, um zu bleiben. Was tun?

Eine Hitzewelle wie die aktuelle macht es sichtbar: Die Wiesen sind gelb, auf den Feldern staubt es, Feldfrüchte verkümmern oder verdorren. Kein Wunder angesichts neuer Wärmerekorde und anhaltendem Sonnenschein, wird sich so mancher denken. Es ist Sommer und es ist heiß. Der nächste Regen kommt bestimmt. Und der wird es wieder richten.

Doch davon kann längst keine Rede mehr sein. Von den besonders trockenen drei Sommern 2018 bis 2020 hat sich der Wasserhaushalt in Deutschland laut dem Umweltbundesamt bis heute nicht erholt. Insgesamt weitgehend normale Niederschlagsmengen wie 2021 reichen demnach nicht aus, um den in trockenen und heißen Perioden entstandenen Mangel auszugleichen – und das, obwohl es im vergangenen Jahr an manchen Orten (im Ahrtal, an der Erft und Teilen Bayerns) bekanntlich sogar zu Flutkatastrophen gekommen ist. Doch örtlicher Starkregen zahlt nur wenig auf den Wasserhaushalt ein, kann von den Böden kaum aufgenommen werden und fließt – ob kontrolliert oder unkontrolliert – ab.

Dürre: Verdunstung des Wassers entscheidende Größe

Trockenperioden mit großer Hitze wie im Moment haben in unseren Breiten bereits deutlich zugenommen und es wird sie wegen des Klimawandels künftig noch häufiger geben, so beispielsweise das Potsdam Institut für Klimafolgenforschung. Dabei geht es nicht nur um heiße Sommer, in denen die Trockenheit offensichtlich wird. Auch Frühjahr und Herbst verlaufen immer häufiger vergleichsweise niederschlagsarm. Der Dürremonitor Deutschland zeigt das für die vergangenen zwölf Monate deutlich an. In etlichen Gebieten Brandenburgs wird sogar schon dauerhaft eine Trockenheit im Boden ausgewiesen, die die Experten als "außergewöhnliche Dürre" einstufen. "Außergewöhnliche Dürre" – immer! Auch von November bis Februar, also in den Monaten, die als kalt und niederschlagsreich gelten.

Die Karten des Deutschen Dürremonitors sind zunehmend rot bis tiefrot gefärbt. Das gilt auch für die Deutschlandkarte, auf der das "pflanzenverfügbare Wasser", das sich in den oberen Bodenschichten bis 25 Zentimeter Tiefe befindet, ausgewiesen wird. Rund ums Jahr werden hier im ganzen Land – mit Ausnahme des äußersten Nordens und des südlichen Bayerns – Zustände ausgewiesen, die für die Pflanzen zwischen "beginnendem Trockenstress" und "Welkepunkt" liegen. Ein Dauerstress, der Auswirkungen auf die landwirtschaftlichen Erträge und mittelfristig auch auf die Nahrungsmittelversorgung hat. Allein mit weniger Regen lässt sich das nicht erklären, sagen Wissenschaftler:innen. Und so richtet sich der Blick inzwischen intensiv auf einen Aspekt der Wasserbilanz, der sogar in der Klimaforschung lange schlicht übersehen wurde: die Verdunstung von Wasser.

Nirgendwo ist der Wasserverlust größer als in Mittel- und Westeuropa 

Die Schweizer Umweltphysikerin Sonia Seneviratne von der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Zürich hat das Thema anders als viele andere Klimaforscher:innen früh erkannt. Schon 2006 erlebte sie mit einer im Fachblatt "Nature" veröffentlichten Studie ihren Durchbruch. Heute sagt sie, dass die Verdunstung vor allem in Europa sogar die entscheidende Größe für Trockenheit und Dürre sei. In einer kleinen Forschungsstation unweit von Zürich misst sie in Fünf-Minuten-Abständen, wie viel Regen in den Boden sickert und wie viel Wasser an der Oberfläche verdunstet. Im Juni schnellte die Verdunstungskurve in ihren Grafiken in die Höhe. 140 Liter Wasser verflüchtigten sich an der Messstelle – pro Quadratmeter. "Das ist der höchste Wert, den wir je gemessen haben", sagte Seneviratne der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" (FAS), schlimmer als im sogenannten Jahrhundertsommer 2003.

Eine solche Trockenheit, so früh im Sommer mitten im Alpenvorland, das ist nach Einschätzung der Wissenschaftlerin mehr als besorgniserregend – für den Wasserhaushalt der Schweiz, Deutschlands und halb Europas. Die Messungen der Zürcher Forscherin belegen, dass sich die Trockenheit bereits tief im Boden festgesetzt hat. Das passt zu Schlussfolgerungen, die Hydrologen aus den Daten der "Grace"-Erdbeobachtungssatelliten der Nasa zogen. Seit 20 Jahren überwachen die Satelliten das Schwerefeld der Erde und können so auch Wasserschwankungen auf den Landmassen sichtbar machen. Die Daten zeigen: Mittel- und Westeuropa sind die Regionen, die in den vergangenen zwei Jahrzehnten weltweit am meisten Wasser verloren haben. 

Verdunstung Hauptgrund für zunehmende Trockenheit

Die Hauptursache für diesen Wasserverlust ist laut Sonia Seneviratne nicht in erster Linie ausbleibender Regen, sondern die Zunahme der Verdunstung – mit weitreichenden Folgen. Größere Hitze und verstärkte Einstrahlung trockneten die Böden aus und beschleunigten das Verdunsten des Wassers in die Atmosphäre. Pflanzen beanspruchten den Boden zusätzlich, da sie durch verlängerte Vegetationsperioden mehr Wasser aus den Böden saugten. Da Starkregen häufiger werde, der zu großen Teilen nicht im Boden versickern könne, landeten an ihrer Forschungsstelle jährlich nur noch ein Drittel des Regens im Boden und bilde neues Grundwasser, erläuterte Seneviratne der "FAS". Mit der Bodenfeuchte gehe dann auch noch ein kühlender Effekt auf die Biosphäre verloren, sodass sich das Land noch stärker aufheize.

All' dies widerspricht der in Deutschland immer noch weitverbreiteten Auffassung, dass eine Dürre wie wir sie derzeit erleben, ein extremes Einzelereignis sei. Dabei ist es erst ein Jahr her, dass die laut Erkenntnissen einer Forschergruppe des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung schlimmste europäische Hitze- und Trockenphase in 250 Jahren zu Ende ging – nämlich die Jahre 2018 bis 2020 mit den dreien auch in Deutschland aufeinander folgenden Hitzesommern. Trinkwasserknappheit werde daher im traditionell wasserreichen Mitteleuropa und Alpengebiet künftig kein Fremdwort mehr sein. Erste Berichte von versiegenden Quellen mit entsprechenden Auswirkungen auf die lokale Wirtschaft und die örtliche Wasserversorgung gibt es längst – beispielsweise aus dem Fränkischen.

Nationale Wasserstrategie und Dürre-Frühwarnung

Um nicht bald buchstäblich auf dem Trockenen zu sitzen, gelte es, sich auf die neue und sich in den kommenden Jahren verstärkende Entwicklung einzustellen – neben der Absenkung der klimaschädlichen Emissionen, um die allerschlimmsten Folgen der Klimakrise zu vermeiden, wie Sonia Sene­viratne in der "FAS" betonte. Die Bundesregierung kündigte an, bis zum Jahresende eine Nationale Wasserstrategie verabschieden zu wollen, um die Trinkwasserversorgung trotz der Auswirkungen des Klimawandels auch langfristig sicherzustellen. Eine der wichtigsten Maßnahmen zielt dabei auf jene von Seneviratne dokumentierte Austrocknung der Böden: Sogenannte Schwammstädte sollen gefördert werden, die dem entgegenwirken. Hinter dem Begriff steht ein Städtebaukonzept, durch das Regenwasser innerhalb der Stadt aufgefangen und gespeichert werden kann statt sofort wieder abzufließen.

Vorbildcharakter dürfte ein Dürre-Frühwarnsystem haben, dessen Finanzierung der Schweizer Bundesrat jüngst bewilligt hat. Die Ideen von Sonia Seneviratne, deren Echtmessungen es ermöglichen, sich auf abzeichnende Trockenphasen rechtzeitig einzustellen, sind darin wiederzuerkennen. Wasserknappheit komme nicht einfach in ein paar Tagen zustande, sondern basiere auf verschiedenen Faktoren, erläuterte der Hydrologe Massimiliano Zappa dem Schweizer TV-Sender SRF. Zu diesen Faktoren gehöre der Grundwasserspiegel, die Schneeschmelze, das mögliche Versiegen von Quellen – die Bodenfeuchte gilt als insgesamt träge reagierendes System. Das ermögliche Warnungen schon Wochen im Voraus. Spätestens ab 2025 sollen den Schweizern frühzeitig kritische Phasen angekündigt werden können. Anders als bisher könnten sich Behörden, Trinkwasserversorger, Landwirte und andere Betroffene dann auf die Trockenheit einstellen und so mit den geeigneten Maßnahmen Schäden vermeiden.

Eine Aufgabe nicht nur für die Schweizer. Wenn Europas Böden auf absehbare Zeit immer weiter austrocknen, muss sich der Kontinent darauf einstellen – so wie es andere Regionen in der Welt, die bereits seit langem unter den Folgen der globalen Erwärmung leiden, längst tun.

Quellen: Dürremonitor Deutschland; Umweltbundesamt; Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung; FAZ.net (Bezahl-Inhalt); European Drought Centre; Deutsches Geo-Forschungszentrum; Nasa; Advancing Earth And Space Science; SRF; Süddeutsche Zeitung

Mehr zum Thema

Newsticker