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Mark-Rothko-Ausstellung: Ein Schicksal, das Millionen wert ist

Für Bilder von Mark Rothko zahlen Sammler schon mal bis zu 50 Millionen Euro. Das Leben des Künstlers jedoch war eine Qual: Verfolgung, Krankheit, Depression. Nach seinem Freitod 1970 begann das Schachern um sein Erbe. Jetzt macht die große Rothko-Retrospektive in Hamburg Station.

Von David Scherf

Mit 66 Jahren gibt Mark Rothko auf. Im Februar 1970 schneidet sich der schon zu Lebzeiten berühmte Maler in seinem New Yorker Atelier die Pulsadern auf. Angeblich hatte die Blutlache die gleiche Fläche wie seine berühmten Bilder - großformatige Leinwände mit meist drei übereinander gestaffelten bunten Rechtecken, deren verwischte Ränder ihnen etwas Pulsierendes geben.

Es ist das Ende eines von Depressionen und schwerer Krankheit gekennzeichneten Lebens, in dessen Mittelpunkt die Kunst stand. Rothko kämpfte für die optimale Beleuchtung und Hängung seiner Bilder, achtete penibel darauf, dass das Umfeld dem Charakter der Werke entsprach. War dies nicht der Fall war, kaufte er die Bilder einfach zurück. So wie 1959, als er den prestigeträchtigen Auftrag des Restaurants "Four Seasons" im New Yorker Seagram Gebäude zurückgabt. Ihn hatte all die neureichen Gäste geärgert.

Das Kämpfen beginnt für Rothko 1913 im russischen Dvinsk. Als Zehnjähriger musste er mit seiner Familie aufgrund der Pogrome in die USA emigrieren. Ein Jahr später stirbt sein Vater, fortan ist Rothko für den Familienunterhalt mit verantwortlich. Sein Kampf geht auf akademischer Ebene weiter, er bekommt ein Stipendium an der Elite-Universität Yale, wo er zwei Jahre Psychologie und Philosophie studiert. Dann bricht er ab. Er will endlich Emotionen zeigen. Erst im Theater, dann in der Musik. Schließlich in der Malerei.

"Mich interessiert nur der Ausdruck elementarer menschlicher Gefühle - Tragik, Begeisterung, Schicksal", hat Rothko oft gesagt und ballte die Emotionen in die geometrischen Farbflächen, die er Farbschicht für Farbschicht penibel genau auf die Leinwand auftrug. "Komplexe Emotionen und Gedanken lassen sich am Besten durch größtmögliche Vereinfachung vermitteln", argumentierte er. So entstehen seine "Multiforms". Rothko befürchtet allerdings, dass sie aufgrund ihrer Farbigkeit und Größe nur als dekoratives Wandelement gesehen werden. "Sie sind genau das Gegenteil. Sie sind intim und intensiv", sagte er und forderte: "Der Betrachter muss sich mit ihnen auseinander setzen."

Rothkos Furcht um seine Bilder, seine labile Gesundheit - er litt an einer lebensbedrohlichen Erweiterung der Schlagader -, die depressiven Phasen - all dem setzt Rothko 1970 mit seinem Freitod ein Ende. Der Kampf um seine Bilder ging allerdings weiter. Nur mit neuen Gegnern.

Der Ausverkauf des Erbes

Kurz vor seinem Selbstmord hatte Rothko mit seinem Finanzberater und Freund Bernard Reis eine Stiftung gegründet, der er testamentarisch den Großteil seines Nachlasses vermacht. Was Rothko damals nicht ahnt: Reis ist parallel bei der renommierten Marlborough Galerie in New York angestellt. Nach Rothkos Tod verkauft Reis die Werke dorthin - und lässt sich von der Galerie fürstlich entlohnen. Durch dubiose Insider- und Auslandsgeschäfte fließt der Großteil der Einnahmen nicht, wie von Rothko gewollt, in die Stiftung, sondern in die Kasse der Galerie. Seine Bilder, die ihm alles bedeuteten, werden jetzt von den eigenen Freunden zu Geld gemacht.

Erst durch das gerichtliche Einschreiten von Rothkos Kindern Kate (damals 19 Jahre alt) und Christopher (sechs Jahre) wird dem Ausverkauf von Rothkos Erbe Einhalt geboten. Nach jahrelangem Prozessieren wird die Galerie zu einer Schadenszahlung von 9,2 Millionen Dollar verurteilt, die beiden Kinder erhalten ferner das Besitzrecht an dem Großteil der verbliebenen Bilder zugesprochen. Die bereits verkauften Werke sind allerdings auch für sie verloren. "Ich kann mich hauptsächlich daran erinnern, wie desillusioniert ich von der Kunstwelt war", sagt Kate Rothko heute. "Ich wurde mit einer ziemlich idealisierten, harmonischen Auffassung von Kunst erzogen und hatte sie nie als Wirtschaftsgut gesehen."

Zu teuer fürs Museum

Dem Wert eines "Rothkos" hat das Prozess-Drama nicht geschadet - mit Tragik aufgesogene Werke steigern den Sammlerwert. Rothkos Bild "White Center" wird 2007 für 32,5 Millionen Euro von einem arabischen Scheich gekauft. Nimmt man allein die Verkaufssummen der letzten acht Rothko-Bilder kommt man auf stolze 170 Millionen Euro.

Das hat allerdings zwei Folgen: Auf der einen Seite fürchten Sammler immer mehr um ihre wertvollen "Rothkos" und verleihen sie nur noch ungern für Ausstellungen. Auf der anderen Seite sind die Versicherungssummen für die Bilder ins Wahnwitzige gestiegen. Kaum noch ein Museum wird sich bei weiterhin steigenden Preisen für zeitgenössische Kunst in Zukunft die Übernahme dieser Kosten leisten können, vor allem wenn es, wie jetzt in Hamburg, gleich siebzig dieser teuren Kaliber zeigen will. Die Hamburger Kunsthalle schafft das nur, weil es zusammen mit München und London eine ganze Tour der Retrospektive organisiert hat.

Bevor die Ausstellung zur Tate Gallery nach London weiterzieht ist sie aber noch bis zum 24. August als eines der Kunsthighlights dieses Frühjahrs in Hamburg zu sehen. Möglicherweise wird es auf absehbare Zeit die letzte Chance sein, Mark Rothko in einer derartigen Fülle zu erleben. Rothko, der seine Werke ungern einzeln zeigen wollte und sie am Liebsten in geballter Zusammenstellung sah, hätte das Wegschließen seiner Bilder wahrscheinlich nicht gefallen. Er hätte für sie gekämpft, ganz sicher.

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