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Städte in Texas: Kunst schmückt Kapital

Dallas und Houston rüsten mit Kunstmuseen auf - jenseits aller Superlative und Cowboy-Klischees. Ein Ritt durch texanische Metropolen, die mit Öl auf der Leinwand auftrumpfen.

Von Roland Brockmann

Auch Texas setzt nun auf "change". Die Städte wollen weg vom Erdöl-Image und in die internationale Welt der Kulturmetropolen aufrücken. Allen voran Dallas. Als Chance zum Wandel lobt der Schauspieler Sidney Poitier das neue "Center for the Performing Arts". Sein Statement hängt neben dem Modell vom größten Kunstviertel der USA, das im Oktober eröffnet werden soll.

Der Architekt Sir Norman Foster hat dafür die neue Oper entworfen, sein Kollege I. M. Pei das Symphony Center und Rem Koolhaas das Theater. Gerade erst flossen zehn Millionen Dollar in das gigantische Kulturprojekt, dessen Museum 23.000 Werke umfasst. Alles muss groß sein in dieser Stadt, die sich selbst das Motto gibt: "Live Large. Think big." Aber was hat der afroamerikanische Hollywoodstar Poitier mit Dallas zu tun? Eigentlich nichts. Sein Satz ist nur einem Werbeauftritt um Spenden geschuldet.

Klotzen in Dallas

Denn das muss man den Texanern lassen, sie wuchten ihr Kulturpaket nicht mit Steuergeldern auf die Bühne. Aber welcher Wandel ist gemeint? Sollte er statt aus dem Geldtopf nicht von der Basis kommen? Lauscht man den Imagespezialisten von Dallas, denkt man eher an Dubai. An viel Geld, gewonnen aus schwarzem Gold, das angelegt werden muss. Kunst schmückt Kapital.

Dabei ginge es auch anders. Stiehlt man sich nämlich von den offiziellen Touristenpfaden fort und marschiert zu Fuß nach Deep Ellum, als einsamer Wanderer unter sechsspurigen Highway-Brücken in ein Viertel ohne Glas und Stahl, stößt man auf Häuser aus gebrannten Klinkern. Hinter den niedrigen Fassaden mit ihren Bikershops, Plattenläden oder Cafés existiert auch in Dallas so etwas wie eine Alternativkultur - Menschen, die gerne eine Nummer kleiner leben, aber dafür aus sich heraus. Europäer atmen hier auf. Auch wenn die Graffiti an den Häuserwänden von Deep Ellum bestellt wurden und sich am frühen Nachmittag nur eine Handvoll Menschen auf der Straße zeigen. In einem der Hinterhöfe hockt eine Afroamerikanerin mit ihrem Hund neben einer verbeulten Buick-Limousine. Sie betreibt einen Secondhand-Laden. Die Geschäfte laufen schlecht, klagt sie. Kein Wunder, wenn die Stadtoberen lieber Hochkultur verkaufen.

Texas andere Hauptstadt

Da klingt Austin echter. Die Hauptstadt von Texas versucht ihre lokalen Bezüge zu stärken, eine eigene Identität zu entwickeln. Und das, ohne dafür Millionen auszugeben. Motor stattdessen ist die Musik. Willy Nelson kam einst hierher, weil ihm Nashville zu kommerziell geworden war. In Austin startete er 1974 das City Limits Studio – Amerikas älteste noch laufende Musikshow im Fernsehen. Hier treten live Bands der Subkultur auf. Das Studio gehört zum Campus der Stadt, ist kein eingekaufter Protzbau, sondern Teil des Studentenviertels. Hier fährt man sogar Fahrrad. Für eine texanische Großstadt ziemlich liberal. Im ehemaligen Warehouse-District reihen sich die Nachtclubs aneinander, im Red River District wird neben Hip-Hop sogar Elektro-Musik gespielt. Und Mitte März findet in Austin das South by Southwest-Musikfestival statt – es gilt als eines der weltweit größten Events der Independent-Szene.

Durch das entrückte Houston

Was Dallas mit Geld erreichen will, Austin gelingt es eher en passant; während Houston einem schockgefrorenen Albtraum aus Parkhäusern gleicht: Im Space Center außerhalb der Stadt können Besucher dem Nasa-Bodenpersonal durch eine dicke Glasscheibe dabei zuschauen, wie sie die Astronauten der Internationalen Raumstation ISS anleiten. Ein erhabener Moment, aber zurück im Citycenter von Houston ist die Welt noch viel entrückter.

Wer hier am helllichten Tag durch die Straßen streift, glaubt, der Sherriff habe gerade "Freeze!" gerufen. Alles steht wie still, selbst das Blech der Autos wie verlassen. Keine Bewegung. Starre aus Blech und Beton. Aus einem alten Lincoln klettert ein Mann mit Stetson-Hut und zerknittertem Gesicht. Als er den Fotoapparat bemerkt, fängt er an zu reden: "From Germany?" Und dann erzählt er von einer sehr alten deutschen Bibel, die man in einem kleinen Ort auf dem Weg nach Fredericksburg anschauen könne - einer alten deutschen Enklave, durch die heute deutschstämmige Pensionäre deutsche Touristen führen. Doch hier ist Houston, wo wir inmitten eines typisch amerikanischen Wohnviertels mit Holzhäusern und Vorgärten statt einer Bibel plötzlich die Rothko Capel entdecken. Mark Rothko gilt als der amerikanische Maler des abstrakten Expressionismus. Seine Kapelle ist weniger Kunstwerk, sondern ein meditativer Raum, der von Christen, Juden oder Muslimen aktiv zu Veranstaltungen genutzt werden kann. Ein Ort mit sehr aktuellen Bezügen. Ihr Stifter wollte sie 1971 Martin Luther King widmen, fand damit aber wenig Anklang im offiziellen Houston. Einem schwarzen Bürgerrechtler eine Kapelle zu widmen erschien den Stadtvätern zu gewagt. Also bot der Stifter an, sie der Stadt selbst zu schenken - unter dem Motto: "Denn sie wissen nicht, was sie tun." Was natürlich ausgeschlagen wurde.

Cattle Drive in Fort Worth

Umso selbstverständlicher reiten schwarze Cowboys durch Fort Worth. Jeden Mittag zum "Cattle Drive", einem Touristenspektakel, bei dem ein paar Rinder die Main Street entlang getrieben werden - und so doch noch das Cowboy-Image von Texas beschworen wird. Jedenfalls für ein paar Minuten. Aber schwarze Cowboys? Tatsächlich waren viele von ihnen "colored", vor allem arbeiteten Mexikaner auf den Ranches, was die Westernregisseure lieber ausblendeten. Dabei war Texas, der einzige ehemals unabhängige Staat der USA, einst ohnehin Teil Mexikos. Die mexikanischen Wurzeln würdigt die Smithsonian Institution von San Antonio - mit einem kleinen sorgsam eingerichteten Museum, wie man es sich wünscht, seltsam platziert neben einem Markt für Mexiko-Souvenirs und jenseits der Superlativen von Dallas.

Die Metropole im Süden

San Antonio, das seinen Charme vornehmlich dem mexikanischen Einfluss verdankt, der ältesten Stadt Texas, kommt europäischem Lebensgefühl am nächsten: Entlang des Riverwalk, einer durchs Zentrum führenden Flusspromenade, reihen sich malerisch Cafés und Restaurants. Aber auch hier flüchten die meisten nach Dienstschluss wieder aufs Land - so wie der Koch eines der Restaurants: dreißig Meilen jeden Abend, heim zu seinen beiden Schäferhunden, mit denen er dann auf Entenjagd geht.

Die Stadt, so scheint es, dient in Texas vor allem als Arbeitsort - Freizeit findet im Country Club statt, wo Landschaften die Gemälde an den Wänden bestimmen. Ein Leben im gediegenen Landhausstil, unbehelligt von abstraktem Expressionismus oder postmoderner Architektur. Das ist die Welt , die mehrheitlich gegen Obama stimmte - und in die George W. Bush vor ein paar Wochen heimflog.

Infos
Texas Tourism: www.traveltex.com
Dallas Convention & Visitors Bureau: www.visitdallas.com
Austin Convention & Visitors Bureau: www.austintexas.org
Greater Houston Convention & Visitors Bureau: www.visithoustontexas.com

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