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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Alles muss raus!

Wer sich erfolgreich reproduziert hat, konnte sogar dem ungemütlichen Wetter der vergangenen Wochen etwas abgewinnen

Das war insofern eine Unverschämtheit, als der meteorologische (ich bin immer stolz, wenn ich dieses Wort im ersten Anlauf fehlerfrei schreibe) Frühlingsanfang bereits hinter uns lag und der Deutsche ja über einen Rechtsanspruch auf geregelte Jahreszeiten verfügt.

Winter, vor allem, wenn er so verschneit ist, wie dieser es in den vergangenen Wochen war, hat grundsätzlich eine sehr einfache Aufgabe: schön aussehen, wenn man in der kurzen Netflix-Pause aus dem Fenster guckt. Immerhin eignet sich das weiße Garagendach vom Nachbarn als Fotomotiv für Instagram und als Anregung, mal wieder ein Heißgetränk zu konsumieren. Vorzugsweise mit Schuss. Es ist ja kalt.

Der Winter mit Kinderaugen ist schön

Jenseits ihrer beruflichen Pflichten nehmen viele im Winter nur dann Kontakt mit der ungemütlichen Außenwelt auf, wenn sie mit dem Hund oder dem Kind rausmüssen.

Solche Ausflüge sind auf den ersten Blick unerfreulich, bieten aber völlig neue Perspektiven für alle, deren letzte 30 Winter als Nichtkind weitestgehend verbunden waren mit: Eiskratzen, Winterdienst, Nachbar nervt um sechs Uhr morgens mit Schneeschaufeln, Flugausfall, Zugausfall, Totalausfall des Verkehrs auf Autobahnen und in der Innenstadt, Schneematsch. Letztens ist ein Bekannter auf einer gefrorenen Urin(!)lache ausgerutscht, was konkurrenzlos in der Kategorie "traurigstes Erlebnis des Jahres" rangieren dürfte.

Den Winter mit Kinderaugen zu sehen ist hingegen sehr, sehr schön. Derjenige, der sich erfolgreich reproduziert hat, wird für all den Ärger, den so ein Nachwuchs macht, mit dem Privileg entschädigt, der Gewohnheit des Lebens mit einem Stellvertreter-Reset begegnen und vieles noch einmal zum ersten Mal erleben zu dürfen. Der erste Schneeball, der erste Schneeadler, das erste Mal Schlitten fahren. Wunderbar. Wobei noch nicht einmal viel von dem weißen Gold vonnöten ist. So ein Kind ist in der unmittelbaren Bedürfnisbefriedigung völlig stumpf. Hat sich ein kleines Mädchen entschieden, mit dem Schlitten gezogen zu werden, spielt es überhaupt keine Rolle, ob noch Schnee liegt – oder eben nicht.

Abgesehen davon, dass der gestreute Asphalt deutlich mehr Reibungswiderstand bietet als Schnee, ist das Ganze auch akustisch keine Freude. Auf der nach unten offenen Ohrenpein-Skala rangiert der Sound irgendwo zwischen Kreide auf Tafel und DSDS-Halbfinale.

Dort angekommen, wo der gezuckerte Abhang glänzt, ist reklametaugliche Eltern-Kind-Romantik angesagt. Wenn auch nicht exklusiv. Wo die letzten sechs Winter höchstens Matsche lag, herrscht in der Saison 2017/18 ein Betrieb wie in einer chinesischen U-Bahn oder einem chinesischen Freibad oder einem chinesischen, na ja, irgendwas Chinesisches halt. Rodel-Wahnsinn wie in einem Ali-Mitgutsch-Wimmelbild.

Pures Glück. Zumindest die ersten fünf Minuten. Danach fällt dir wieder ein, warum du bei so einem Wetter lieber zu Hause bleibst.

Das Kind denkt nur an sich und sein Vergnügen

Bei Temperaturen wie letzte Woche denke ich oft, dass ich für Stalingrad nicht wirklich der Richtige gewesen wäre. Was dem Kind völlig egal ist. Das denkt nur an sich und sein Vergnügen.

Aber als Erwachsener kannst du wenigstens den Abbruch des Outdoor-Experiments bestimmen. Es sei denn natürlich, du lebst auf der Straße.

Ernsthaft: Halten Sie die Augen und den Schrank offen. Da draußen sind viele, die richtig frieren gerade. Selbst wenn es nachts nicht mehr unter null geht.