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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier Horrorsong "My Way"– fragile Männlichkeit in Ton gegossen

Donald Trump (l.) und Clemens Tönnies
"Ich mach mein Ding": Donald Trump (l.) und Clemens Tönnies
© Mandel Ngan / Tim Rehbein / AFP / DPA
Manch ein Mensch ist wie schlechter Wein: Unangenehm im Abgang. Eben wieder erfahren bei dem vermutlich schlechtesten US-Präsidenten aller Zeiten, Donald Trump (Sie erinnern sich).
Von Micky Beisenherz

Als hätte er sich vorgenommen, das Amt bis auf die allerletzte Sekunde seiner Zeit so blamabel wie es eben geht auszufüllen, ließ er es sich nicht nur nicht nehmen Joe Biden die Hair Force One so spät wie möglich zu überlassen, nein: Im Flieger Richtung Florida, den Atomkoffer wie einen Teddy umklammernd, lief beim Abheben über die Lautsprecher auf dem Flugfeld Frank Sinatras "my way"- immer schon die Hymne für all jene, denen Selbstzweifel so fremd sind wie flache Hierarchien oder ein schlichtes "Nein".

So peinlich diese Songauswahl ist, so stimmig ist sie natürlich: He did it his way. Wer wollte das bestreiten. Wer, wenn nicht ein Mensch mit dem Empathiechip eines T-1000 würde sein Schaffen und seinen Einfluss auf andere so bilanzieren:

"Regrets, I've had a few But then again, too few to mention"

Muss man ja erstmal schaffen: Mit Mitte siebzig nichts Nennenswertes falsch gemacht zu haben, zumindest so wenig, dass es keiner größeren Erwähnung bedarf. Oder wenigstens bedauern.

Ode an die eigene Unfehlbarkeit

Selbst Charles Manson soll manchmal ins Grübeln gekommen sein. Es ist die Reflexionsgabe, die einen Menschen sympathisch macht - und dann ist da eben wiederum diese Form der kurzen charakterlichen Inventur, die mit einem "Nope. Alles top" zügig abgeschlossen wird.

Na, das muss doch ein herrlicher Kerl sein, der sich selbst ein nahezu makelloses Führungszeugnis ausstellt. Warum lange hadern. Es sind doch die anderen, die bekloppt sind.

"But through it all, when there was doubt I ate it up and spit it out"

Zweifel sind wie kleinere Unternehmen - man muss sie nur schlucken können. Die Verwendung dieser Ode an die eigene Unfehlbarkeit ist wie ein akustischer Rorschachtest.

Guckt man anderen Menschen gerne mal in den Einkaufswagen, um zu schauen, wie er oder sie wohl so tickt, liegt in diesen 4:37 Minuten purem "alle doof außer ich" alles offen vor einem.

Das Lied ist wie ein Paar vertonter Herrenschuhe mit hohen Absätzen- oder einfach pure Verdrängung. Dass ausgerechnet der an Bonsai-Ego nun auch nicht gerade leidende Frank Sinatra selbst dieses Lied deutlich weniger mochte als seine jammervollen Epigonen, ist eine schöne Pointe.

 "I hate this song - you sing it for eight years, you would hate it too!"- so kündigte er z. B. seine Performance 1978 im Cesar´s Palace, Las Vegas an.

Der westfälische Mischhack-Mubarak

Was bis heute natürlich keinen Mittelstandsmagnaten und Provinzfürsten davon abhält, nachts gegen 1 Uhr 30 auf der Firmenfeier den DJ mit Veltins-Fahne anzubrüllen, gefälligst die Tanzfläche zu räumen, um sich auf einem Stehtisch thronend gebührend abzukulten.

Jemand wie Clemens Tönnies hat sich den Song vermutlich längst testamentarisch für die eigene Beerdigung gesichert. Bis dahin verlustiert sich der westfälische Mischhack-Mubarak mit der deutschen kleinen Cousine des Songs und schmettert "ich mach mein Ding", während die Ämter prüfen, ob 25 bulgarische Fleischzerleger auf 18 Quadratmeter Wohnraum wirklich okay sind - und sich Udo Lindenberg einen der Likörelle-Pinsel quer in die Ohrmuschel rammt.

Wenig überraschend ist schon die Entstehungsgeschichte des gesungenen Spiegel-Selfies voll ungesunder Männlichkeitsphantasien: 1968 schrieben zwei französische Komponisten den Chanson "Comme d'habitude", zu der Melodie verfasste Bowie einen englischen Text und betitelte das Stück "Even a Fool Learns to Love". Da war die kritische Selbstbespiegelung noch impliziert. Veröffentlicht wurde das Lied nicht.

Wenig später kaufte Paul Anka die Rechte am französischen Original, schrieb es zu "My Way" um, das in der Interpretation von Frank Sinatra 1969 ein Welthit wurde. Dieser Erfolg von Ankas Version ärgerte Bowie und veranlasste ihn, mit "Life on Mars?" eine Parodie zu komponieren.

Möglich, dass Elon Musk sich dereinst für diese Variante entscheiden wird. Alle anderen entscheiden sich bis heute zielsicher für den klassischen Heldenpfad aus Ankas Feder.

Der akustische Schulterklopfer

Es sind doch auch immer dieselben Figuren, die schwer an ihren Hoden tragen. Ein Dasein irgendwo zwischen Maybach, VIP-Lounge und Uhren, größer als Gullideckel. Die Mäuschen rufen, Cohiba rauchen - und irgendwann den Frankie brauchen. Die vertonte Selbstabsolution als Ode an die toxische Männlichkeit bleibt erste Wahl.

Was sich vermutlich auch Altkanzler Gerhard Schröder gedacht haben wird, als er sich von der Militärkapelle das letzte Hadern wegtrompeten ließ. Ich hab's auf meine Art gemacht. Basta. My Way (Russisch: Мой путь) Aber so kann es gehen.

Manche gönnen sich diesen akustischen Schulterklopfer am Ende eines seltsamen Weges - andere wiederum fangen danach erst so richtig an. Anton Schlecker. Helmut Markwort. Martin Winterkorn. Dieses Lied ist auch für Euch.


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