HOME

Stern Logo Stern-Stimmen

M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Trumpocalypse now? Die gefühlte Leere

Hören die Amerikaner denn nicht auf die Wahlempfehlungen aus Deutschland? Haben sie doch tatsächlich Donald Trump zum neuen Präsidenten gewählt. Micky Beisenherz über 11/9.

Donald Trump

Micky Beisenherz schreibt über den Wahlerfolg Donald Trumps

Haben sie es also doch getan. Und das, obwohl Deutschland ihnen doch eine klare Empfehlung ausgesprochen hatte. Vielleicht aber empfindet Stan aus Detroit einfach anders als Grischa im Prenzlauer Berg, man weiß es nicht.

Gestern war wieder einer dieser Wo-warst-Du-als-Tage, die sich ins kollektive Gedächtnis gebrannt haben. Lady Di, Tsunami, Germanwings. 9/11, 11/9, eigentlich schon wurscht, oder? Spätestens, wenn ein Simpsons-Szenario Wirklichkeit geworden ist, weißt du als Nation, dass du echt am Arsch bist.

"Präsident Donald Trump." Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Wie Kugelfisch. Von einem cracksüchtigen Orang Utan zubereitet, ich weiß. Amerika hat mit dem 9.11. seinen ganz eigenen Mauer-Fall oder wie ein kluger Kollege unlängst schrieb: seinen Bad Hair Day.

Und wir haben einen Kater. Nach diesem monatelangen Rausch, diesem Exzess auf höchster Ebene. Wir haben täglich Memes, Tweets, Virals geschmissen wie Pillen im Berghain und dieses Dummheitsfestival gefeiert, als gäbe es kein Morgen. Gibt es ein Morgen?

Blickt man sich um, hat man den Eindruck: Nein. Im Weltuntergangs-Jenga legt gerade jeder noch einen Holzscheit drauf, in der Hoffnung, dass es in seiner Prognose noch heftiger kracht. Eine Stimmung, irgendwo zwischen Charlton Heston, auf dem Planeten der Affen vor der Freiheitsstatue kniend und Edward Norton, der sich am Ende von "Fight Club" die kollabierende Welt ansieht, während die Pixies "Where is my mind?" spielen.

Where is your mind, America? Weit weg von der politischen Kaste jedenfalls. Diese Wahl war ebensowenig eine Wahl für Trump wie der Brexit eine Entscheidung für den EU-Ausstieg der Briten war. Es ist die brutalstmögliche Abkehr von der kalten gesichtslosen Elite, von denen sich die Menschen immer weniger verstanden und deren Entscheidungen ihnen kalt und lebensfern erscheinen.

Donald Trump und seine stumpfen Phrasen

Gut, okay, diese Elite hatte schon ein Gesicht - aber das von Hillary Clinton war eben nicht das, welches diesen Schmerz auch nur ansatzweise hätte lindern können. Sie ist halt kein Typ für schoßwarmes Apfelkuchenflair. Und die Zumbadrahtigkeit einer Michelle Obama geht ihr auch ab. Spätestens, als auch noch herauskam, dass die Fragen bei der Vorwahl gegen Bernie Sanders zum Teil abgesprochen waren, war "Crooked Hillary" wohl nicht mehr zu retten.

So bescheuert und sinnlos die Phrasen eines Trump für uns Deutsche vielleicht waren - für den arbeitslosen Stahlarbeiter in Pennsylvania hatten sie Erlösungscharakter. Die Republikaner hätten vermutlich sogar einen Schimpansen als Kandidaten aufstellen können. Hauptsache, kein Berufspolitiker.

Es ist der Hass auf die kühlen Entscheider, der wie ein postfaktischer Supertanker durch die westliche Welt schiebt und von Land zu Land, von Wahl zu Wahl immer mehr Leute hinter sich bringt. Ein Szenario, auf das die AfD sich im Hinblick auf die Bundestagswahl 2017 am meisten freuen dürfte. Und wieder einmal waren es die wütenden, weißen, alten Männer, die die Statik einer ganzen Nation nachhaltig verändern. A low country for old men.

Triumph der Schamlosigkeit

Der Sieg Trumps ist ja auch ein Triumph der Schamlosigkeit, die ultimative Niederlage des respektvollen Umgangs miteinander. Von Zahlen, Daten, Fakten mal ganz abgesehen. Seit dem 9.11. 2016 ist klar, dass man wie Donzilla durch die Landschaft trumpeln kann - und am Ende damit sogar das wichtigste Amt der Welt erringen kann. Was für ein Signal. Postfuck. Respexit.

Dabei dachten wir Deutschen doch, wir könnten mit 120 Facebook-Posts die Wahl entscheiden. Also, ICH habe für Hillary getweetet! Immerhin beweist First Lady (!) Melania Trump, wie weit es Immigranten unter Trump bringen können. Ich bin so müde.

Wenn man bedenkt, dass der Wahlkampf 1960 noch dadurch entschieden wurde, dass Nixon beim Fernsehduell leicht zu schwitzen anfing, war dieses Schlammcatchen um das wichtigste Amt der Welt wahrlich nix für Feingeister. Statt aufzulisten, gegen wen Trump im Rahmen seines beispiellosen Frustriertenhamsterns alles gehetzt hat, erwähne ich lieber, wen er nicht beleidigt hat:





Fido. Ein Beagle-Schnauzer-Mischling aus Wisconsin.
Das war es, glaub ich.

Gehen wir jetzt alle drauf?

Was passiert jetzt? Lohnt es sich noch, ein Auto zu kaufen? Ein Haus? Muss ich jetzt die Weltreise antreten? Ich muss dringend meine Eltern fragen, wie sie sich damals gefühlt haben, als Reagan gewonnen hatte. Sicher waren die Gefühle kaum anders. Die Amerikaner brauchen jedenfalls keinen DeLorean und keinen McFly, um ins Jahr 1985 (zurück) zu reisen.

Gehen wir jetzt alle drauf? Vermutlich nicht. Auch, wenn Sigmar Gabriel und Co. sich mit öffentlicher Schockierung offenbar nicht zurückhalten können. Was mir wenig konstruktiv erscheint. Gut, er muss ja auch nie als Kanzler mit Trump zusammenarbeiten.

Womöglich fällt Letzterer jetzt erst einmal wie ein Soufflé in sich zusammen, da er dieses Amt errungen hat wie ein Oligarch die weltgrößte Jacht. Die postorgasmische Leere des Hypernarzissten.

Vielleicht kriegt er im Kongress kein Bein auf den Boden. Vielleicht aber rafft er sich auch auf , schart ein paar kluge Leute um sich und trifft wider Erwarten ein paar sehr kluge Entscheidungen, weil er, Ego-Atombombe, die er ist, allein aus Eitelkeit schon nicht als Totengräber der USA in die Geschichtsbücher eingehen will. Wer vermag das heute schon zu sagen?

Wer zieht nach Kanada?

Prognosen sind immer schwierig. Speziell, wenn sie die Zukunft betreffen. Zumal wir seit gestern wissen: Im Wort Vorhersagen steckt immer auch ein "Versagen". Es wird interessant sein, zu sehen, wer von den ganzen Großmäulern jetzt nach Kanada zieht oder seinen Pass abgibt. Sollten die zu allem entschlossenen Prominenten ihre Ankündigungen tatsächlich wahrmachen, ist auf den Flüchtlingsbooten demnächst Amerikanisch Amtssprache.

Von allen Reaktionen auf dieses immer noch surreale Wahlergebnis hat mir die Angela Merkels mit Abstand am besten gefallen, so elegant an die Würde des Menschen zu erinnern, unabhängig von Hautfarbe, Religion, Geschlecht oder sexueller Orientierung. "Auf der Basis dieser Werte biete ich dem künftigen Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, Donald Trump, eine enge Zusammenarbeit an." Das hätte sie gerne auch Erdogan anbieten dürfen, aber sei's drum.

Sollte sich Deutschland im nächsten Jahr für diese Art der Politik entscheiden, wäre ich tatsächlich einmal stolz, ein Deutscher zu sein. Bis es soweit ist, erwarte ich allerdings, dass die hiesigen Kandidaten in Sachen Wahlkampf mächtig aufstocken. In puncto Entertainment sind wir nach diesem Tough Mudder einiges gewohnt. Martin Schulz sollte schon mal mit einer Handvoll Funkemariechen Locker Room Talk oder besser gleich Antanzen üben. (Warum glaube ich eigentlich noch, dass ausgerechnet der SPD-Mann der wichtigste Gegenkandidat sein wird?)

Vermutlich kommt es aber eh anders, und wir dürfen im nächsten Jahr unser Kreuz bei Maschmeyer oder Doris Schröder-Köpf machen. Ist das alles eine irre Scheiße, oder?

Themen in diesem Artikel