HOME

Stern Logo Stern-Stimmen

M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Jetzt kriegst du die Quittung! Mein Leben als strukturschwache Region

"Ich bin eine alte Schlampe": In dieser Kolumne outet sich Micky Beisenherz als Prokrastinator. Was in seinem Leben zu einigen Problemen führt.

Micky Beisenherz

Micky Beisenherz schreibt über sein chaotisches Leben

Diese Kolumne ist ein kleines Wunder. Weniger inhaltlich, sondern die Entstehung ebendieser. Ich bin eine alte . Schriftwechsel überfordern mich. Um es kurz zu machen: Mein Leben ist eine strukturschwache Region.

Schaffe ich es gerade noch, pünktlich Texte abzugeben, ist alles, was nicht den beruflichen Bereich schrammt, schlicht zu viel. Die Papiere stapeln sich auf dem Tisch, die Briefe, die Couverts, Strafzettel. Dabei ist es nicht einmal wichtig, dass es für mich nachteilige Briefe sind, nein, nein. Auch vermutlich vorteilhafte Korrespondenz bleibt ungeöffnet liegen wie eine Ordensschwester. Oder wandert in "Ablage M". Den Mülleimer.

Meine Frau hat es damals sogar schon geschafft, ungeöffnete Mahnbescheide vom Straßenverkehrsamt aus dem Abfall zu fischen und mir zur umgehenden Bezahlung wieder vorzulegen. Den von mir darauf zaghaft angezettelten (!) Streit wegen üblen Eingriffs in meinen postalischen Intimbereich hab ich schnell wieder eingestellt. Was sollte ich ihr auch vorwerfen? Dass sie mich als eine Art soziales Exoskelett vor der völligen Verwahrlosung zu bewahren versucht?

Ich erwarte stündlich, dass bei mir im Wohnzimmer steht, um mich abzuholen. Dazu müsste ich mir lediglich noch den Schädel zwei, dreimal mit Schwung am Waschbecken andengeln, schätze ich.

Was ein genialer Kniff von mir, Strafzettel einfach aussitzen zu wollen. Der Betrag wird ja bekanntermaßen von Bescheid zu Bescheid immer geringer, bis er gen null konvertiert.

Ich bin der Prokrastinator. Halb Mensch, halb Maschine. Nicht aus der Zukunft, sondern bestrebt, alles, was wichtig ist, eben dorthin zu verlegen, bzw. verleben.

Flaschen im Gegenwert von Malta

Gut, ganz so schlimm, wie ein Kollege von mir bin ich gottlob noch nicht. Der wurde von seiner Gattin angehalten, endlich Flaschen im Gegenwert von zum Automaten zu bringen. Was er auch getan hat. Vermeintlich.

Dass dem nicht so war, stellte man erst fest, als der VW-Bulli des Pärchens verkauft werden sollte. Dieser stand monatelang vorm Haus an der Straße. Im Rahmen einer Fahrzeugpräsentation wurde die Schiebetür an der Seite betätigt, woraufhin es anklagend aus dem Fond des bereiften Altglascontainers aus Wolfsburg schepperte. Das Kfz wurde daraufhin ein paar Tage zum Schlafen genutzt.
Das Scheitern der Anderen. Beruhigend. Und doch: Warum bin ich so? Ich kann mir das nur so erklären, dass jemand, dessen Leben aus Abgabefristen und "Deadlines" (es klingt schon so lebensbejahend) besteht, dies als Akt der Auflehnung versteht. Ein inneres Falling Down gegen das Dekret der umgehenden Beantwortung. Frist und Frust trennt nur ein U. Wie Unlust. Oder Unfähigkeit.

Die Hundeleine des modernen Menschen

Lesebestätigungen, zwei blaue Haken oder digitale Zustellbescheide - die Hundeleine des modernen Menschen. Sogar das Lesen(!) von Glückwunsch-SMS oder -WhatsApps, vor allem in gebündelter Form, wird zur Belastung. Und auf einen günstigeren Zeitpunkt verschoben. Nächster Geburtstag. Oder so.

Es stresst mich. Ehrlich. Wenngleich ich auf den Empfang der digitalen Bauchpinseleien natürlich nicht verzichten möchte. Kollegin Meike Winnemuth berichtete unlängst im stern davon, dass sie es immerhin geschafft hatte, ihre Stapel zu einer Art Ablage-Manhattan aufzutürmen. Dem gegenüber bin ich dann wohl King Kong. Bei mir hat es eher was von Falludscha. Ein undefinierbarer Haufen (Stress). Vergewaltung. Lageso-Feeling. 

Lediglich einmal im Quartal schaffe ich es, mich mit letzter Kraft aufzuraffen, Quittungen, Tank- oder Restaurantbelege zu sortieren. Wenn meine Steuerberaterin anruft. Eine sehr resolute Frau. Ich habe regelrecht Angst vor ihr - und komme ihrem Drängen nach. Einmal hatte sie es fertig gebracht, mich psychisch so unter Druck zu setzen, dass ich die Tüte voll mit Papierkram mit in den Flieger nach Australien habe nehmen müssen.

Voltaren für die rastlose Seele

So habe ich mir mein Luxusleben immer vorgestellt: Mittags, bei 30 Grad irgendwo in Queensland in Sichtweite eines Leguans am Pool sitzen und wie Rain Man Quittungen sortieren.

Als Sportler ist der psychologische Kniff der, das Ganze als eine Art Bürokratie-Triathlon zu begreifen: Sortieren, Abheften, Abschicken. Ohne Zielfoto. Dafür mit dem befriedigenden, kurz aufkommenden Gefühl, ich hätte mein Leben im Griff. Voltaren für die rastlose Seele.

Außerdem glaube ich in diesen Augenblicken wirklich, da irgendwo in einem Steuerbüro eine Person durch meine erledigte Post sehr glücklich gemacht zu haben. Gerade jetzt zu Weihnachten muss man ja auch an die anderen denken.

Themen in diesem Artikel