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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Unter Geiern

Manchmal will man im Café ja einfach nur seine Ruhe haben. Aber irgendeiner will immer was. Schlimmstenfalls den Platz, auf dem man sitzt.

Von Micky Beisenherz

Meine Abneigung ist mittlerweile heißer als mein Espresso. Ich verbringe ja ungewöhnlich viel Zeit in Cafés. Freiberufler und Latte-macchiato-Daddy.

Unschön, wie Leute die Entspannungsblase, die ich mühsam um mich herum aufgebaut habe, mit ihrer bloßen Anwesenheit zum Platzen bringen.

Ich beobachte mit Sorge eine gewisse Erosion der Manieren. Der Mensch braucht seinen geschützten Raum. Das ist aber vielen egal. Ungehemmt setzen sie sich direkt neben einen und drücken empfindlich die eigene Aura zusammen. Nicht selten blicken sie auch unverhohlen mit in die Zeitung, ja, einige scheinen sogar beleidigt zu sein, wenn man umblättert, bevor sie den Artikel haben fertig lesen können! Dass sie einem das Blatt nicht aus den Händen reißen, kann nur einem Rest von Zivilisation geschuldet sein.

„Hm? Was das ist? Rührei.“

Auch die Einmischung fremder Menschen in die persönliche Nahrungsaufnahme kann sehr belastend sein. Wie unlängst, als ein Herr mittleren Alters, Typ Boulevardtheatermann, sich zu mir rüberbeugte. „Oh, das sieht aber interessant aus. Sagen Sie, was ist denn das wohl für eine Speise?“ – „Hm? Was das ist? Rührei.“ Rührei. Der neueste Trend aus Amerika. Das Bedürfnis nach Austausch muss schon sehr groß sein, wenn man bereit ist, sich dafür derart dumm zu stellen.

Aber das alles ist nichts gegen die Platzgeier. Zumeist stehen sie in Dreiergruppen und lauern darauf, dass man endlich die Sitzecke räumt. Was eigentlich so gar nicht geht. In der Regel hat man im Stammcafé ja feste Plätze, die selbst, wenn man schon gegangen ist, noch von der eigenen Restaura besetzt sind. Da hat sich ein Fremder nicht hinzusetzen. Die Plätze sind nicht übertragbar. Die werden vererbt. So wie Grundstücke auf Sylt. Oder wie dieser Leguanfelsen auf den Galapagosinseln.

Was für ein Druck sich da aufbaut, wenn die Platzgeier um einen kreisen! Diese Vorfreude in den Augen. Dieser erwartungsvolle Glanz. Wer mag sich unter diesem Stress denn noch 'nen weiteren Kaffee bestellen?

„Ja, aber. Hier sitzt doch niemand!?“

Manchmal mutieren diese Leute zu regelrechten Hyänen. Unlängst war ich in einer Tapasbar. Ich hatte bereits gezahlt und war im Begriff, entspannt meine Cola auszutrinken, als sich eine muntere Gruppe gemischten Alters gut gelaunt auf meinen Tisch zubewegte und sich plaudernd um mich herum setzte. Freilich ohne mich beim Einkesseln anzusehen.

„Ehm … was soll das jetzt hier werden?“ Ich dachte, ich frag mal nach. „Die Kellnerin meinte, hier wird frei“, entgegnete mir die Rädelsführerin in leicht fragendem Ton. „Ja ja. Wird. Aber doch jetzt noch nicht.“ – „Ja, aber. Hier sitzt doch niemand!?“

„Wat?!“ In diesem Moment musste ich dann doch kurz an mir herabschauen und mich abtasten, um sicherzugehen, dass ich nicht versehentlich zum Hollow Man mutiert und durch eine falschen Tapa plötzlich unsichtbar geworden war. Nicht nur, dass man ohne Hoheitsabzeichen meinen Platz annektiert, nein: Mir wird gleich die komplette Existenz abgesprochen! Einigermaßen fassungslos über so viel Bräsigkeit räumte ich final den Platz. Nicht ohne mich anschließend zu ärgern, dass ich nicht einfach sitzen geblieben war und spontan doch noch etwas bestellt hatte. Ein Konterbier, quasi.

Vielleicht sollte ich einfach weniger Zeit in der Gastronomie verbringen. Oder mir eine geregelte Arbeit suchen. Irgendwas ohne Menschen.

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