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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier Hart, aber herbstlich

Micky Beisenherz
© Illustration: Dieter Braun/stern
Kaum rieseln die ersten Blätter, überkommt unseren Kolumnisten die Melancholie. Das hat aber wirklich nichts mit dem Alter zu tun.
Von Micky Beisenherz

Es war klar, dass dieser Tag kommen würde. Und doch war da diese unangenehme Erinnerung daran, dass dieser Sommer unwiederbringlich vorbei ist, als der Kellner in meinem Stammcafé Decken aushändigte für diejenigen, die draußen sitzen wollten. Natürlich wollten sie. Wir saßen die letzten Monate schließlich nur draußen. In der Sonne.

Wie ist das in diesem Winter eigentlich mit den Heizpilzen? Wer da als Gastronom arglos den Gashahn des Wärmespenders aufdreht, sieht sich schnell den bitteren Vorwürfen von aufgebrachten Anwohnern ausgesetzt, "Putins dreckiges Spiel mitzuspielen". Es wird der Herbst der ausgebreiteten Decken.

Melancholie ist Traurigkeit, die man sich leisten will

So sitze ich da mit meinem Glas Augustiner, den Oliven und schaue auf den gepflasterten Marktplatz vor mir, während der Wind die braunen Blätter im Gegenlicht der fast schon peinlich goldenen Herbstsonne von den Bäumen regnen lässt. In meinen Ohren klingt das wunderbare "There'd Better Be a Mirrorball" von den Arctic Monkeys. Ein Song, der in seiner exquisiten Sentimentalität so exakt meine postalkoholische Melancholie bedient, dass mir fast Tränen in die Augen treten. Hilfe, ist das schön.

Melancholie ist Traurigkeit, die man sich leisten will. Eine warme, gleichsam schwere Decke, die man sich umlegt.

Was für ein Jahr. Zeitenwende im Bundestag, Omma stirbt, die Kleine wird eingeschult, die Queen wird beerdigt, der Neffe wird 18, und über alledem dieser schier endlose Sommer.

Wird er sich noch mal aufbäumen? Werde ich noch einmal die Gelegenheit bekommen, auf dem Steg zu liegen, in die Dove-Elbe zu springen und mich durch das Aroma algigen Wassers zurück in die Kindheit tragen zu lassen, während ich artig Entenscheiße wie löslichen Kaffee zu mir nehme?

Es hat sich etwas verändert. Habe ich die letzten Jahrzehnte die Sommer in mich hineingeschüttet, die Monate weggefressen, als sei Lebenszeit ein All-you-can-eat-Büfett, so wird mir langsam, aber stetig bewusst, dass all das endlich ist. "Ach, das war ein schöner Sommer. Freue mich schon auf den nächsten." Doch, halt. Dann bin ich ja schon 46. Eindeutig näher an der 50 als an der … 30?

Ich muss es akzeptieren: Der Sommer ist zu Ende

Für gewöhnlich brauche ich so zwei, drei Tage, um die quälende Unausweichlichkeit zu akzeptieren, dass der Sommer zu Ende ist. Jetzt also sitze ich hier in Strickjackenlaune und genieße diesen steten Wechsel von Sonne, leichtem Regen, Wind. Ich freue mich auf diese Tage. Den Herbst, den Winter. Die Jahreszeiten, die mehr sind als nur die Warentrenner auf dem Kassenband des Lebens.

So erstrebenswert es mir manchmal erscheint, in Regionen wie Kalifornien zu ziehen, dort, wo die Sonne nie aufhört zu scheinen, so dankbar bin ich, dass unsere Zeit doch so deutlich in Abschnitte unterteilt ist.

Durch den steten Wechsel lernen wir, unser Dasein zu schätzen, es intensiver zu genießen. Anstatt in Malibu zu hocken, in einer Wanne aus Sonnentagen, bis man eines Tages auf seine schrumpeligen Hände blickt und spontan feststellen muss: Huch, ich bin ja bereits alt.

Es ist der stete Wechsel, der das Leben aufregend macht. Die unterschiedlichen Qualitäten. Selbst der mieseste Tag taugt noch zur Kaffeebohne inmitten einer Weinprobe.

Sie sehen, ich habe mir das alles ganz ordentlich schöngelogen. Fragen Sie mich noch mal, wenn ich aus dem ersten Matsch klatschnass nach Hause komme …


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