HOME

"Alles ist rund oder gekrümmt": Nemirovas "Rheingold" in der Frankfurter Oper

Richard Wagners Mammutwerk "Der Ring des Nibelungen" zu stemmen, gilt als Prestigeobjekt für jedes Opernhaus. Zum dritten Mal nach 1945 wendet sich die Oper Frankfurt jetzt der Tetralogie zu und hat dafür die junge Regisseurin Vera Nemirova engagiert. Die Premiere wurde umjubelt.

Walhall gibt es nicht mehr. Am Ende vom "Rheingold" tragen die Götter Smoking und Abendkleid, singen noch einmal, verlassen dann die Bühne und nehmen Platz im Publikum. Ihre Zeit ist zu Ende, der Niedergang der Welt eingeläutet. Wo Richard Wagner in seinen Regieanweisungen die Götter über einen Regenbogen in ihre neue Burg einziehen lässt, greift Regisseurin Vera Nemirova beherzt ein: Sie liest den Vorabend zum "Ring des Nibelungen" ganz abstrakt-analytisch als Niedergang göttlicher Macht.

Dazu haben sie und ihr Bühnenbildner Jens Kilian Bilder bezwingender Intensität entworfen: Den kompletten Abend siedeln sie auf einer schräg im Raum stehenden Scheibe an, die aus vier konzentrischen Ringen besteht. Diese sind jeweils frei drehbar, so dass aus der Weltenscheibe je nach Einstellung auch ein mehrdimensionales, verwobenes Gebilde werden kann. "In der Natur existiert keine gerade Linie. Alles ist rund oder gekrümmt", sagt Kilian, der bereits für die Stuttgarter "Rheingold"-Inszenierung das Bühnenbild entworfen hat. "Kreis und Strich sind die Grundformen allen menschlichen Schaffens."

Rund herum um diese Scheibe existiert nichts. Der Bühnenhintergrund ist blau beleuchtet. Während der Es-Dur-Akkorde des Vorspiels, die den Naturzustand symbolisieren, dient die Weltenscheibe als Projektionsfläche für fallende Wassertropfen. Zugleich gerät jene Scheibe aber auch zum Symbol der alten Macht der Götter, die in den folgenden drei Opern "Die Walküre", "Siegfried" und "Götterdämmerung" mehr und mehr einer menschlichen weichen wird - die Welt als Scheibe und Vorstellung.

Auch von der musikalischen Umsetzung zeigte sich das Premieren- Publikum begeistert: Am Pult stand der Frankfurter Generalmusikdirektor Sebastian Weigle. Er gilt in Fachkreisen als versierter Wagner-Kenner - nicht nur, weil er in den vergangenen Jahren bei den Bayreuther Festspielen "Die Meistersinger von Nürnberg" dirigierte. Tosenden Applaus gab es auch für Jochen Schmeckenbecher als Alberich und Terje Stensvold als Wotan.

Die Messlatte für Nemirova, deren erster "Ring" dies ist, liegt hoch. Denn in Frankfurt gab es seit 1945 zwar erst zwei vollständige "Ring"-Inszenierungen: eine von Michael Gielen, Ruth Berghaus und Axel Manthey (1985-1987) sowie die aus Brüssel übernommene Produktion von Herbert Wernicke (1994/95). Doch beide gelten als Meilensteine der Wagner-Rezeption. Ob der dritte Frankfurter "Ring" sich in diese Tradition einreihen kann, wird sich aber erst 2012 zeigen. Denn dann erst ist das aus vier Teilen bestehende Musikdrama abgeschlossen.

Christian Rupp, DPA / DPA