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Nemirova inszeniert "Die Walküre": Liebe und Tod in Scheiben

Es geht wieder einmal um Liebe und Tod - und den Niedergang göttlicher Macht: Regisseurin Vera Nemirova hat in Frankfurt mit einer gefeierten Inszenierung von Richard Wagners "Die Walküre" ihre Arbeit am "Ring des Nibelungen" fortgesetzt.

Überväter sehen anders aus: Dieser Mann ist gramgebeugt. Ein hemdsärmeliges Etwas, das den Smoking längst abgelegt hat und sich mit einem ordentlichen Schluck aus dem Flachmann den Abschied von der Tochter erleichtern will. Für Regisseurin Vera Nemirova ist Richard Wagners gigantisches Bühnenfestspiel "Der Ring des Nibelungen" ein Symbol für den Niedergang göttlicher Macht - hier die Macht Wotans. Mit einer umjubelten Premiere der "Walküre" am Sonntag setzte sie ihre Arbeit an dem Mammutwerk für die Oper Frankfurt fort.

Wie schon im "Rheingold", mit dem das Haus in der vergangenen Saison die Arbeit an der Tetralogie aufnahm, siedeln Nemirova und ihr Bühnenbildner Jens Kilian den kompletten Abend auf einer schräg im Raum stehenden Scheibe an. Diese besteht aus vier konzentrischen Ringen, die jeweils frei gegeneinander drehbar sind, so dass aus der Weltenscheibe je nach Einstellung auch ein mehrdimensionales, verwobenes Gebilde werden kann.

Doch aus dem Wasser und dem Blau des Vorabends sind nun Baumringe geworden. Symbole des Vergänglichen, ein Spiegel der Zeit. "Es werden ganz irdische Themen angesprochen. Wichtig sind die beiden Pole Liebe und Tod", sagte die junge Regisseurin unlängst in einem Interview.

Entsprechend legt sie in ihrer Lesart des Stoffes die Betonung auch auf das Vergängliche und den Neubeginn allen Lebens: Brünnhilde (Susan Bullock) entschließt sich beherzt, Sieglinde (Eva-Maria Westbroek) zu retten, weil diese mit Siegfried schwanger ist. Wotan (Terje Stensvold) und Fricka (Martina Dike) streiten vor einer großen Wandtafel, auf der mit Kreide die Verwandschafts- und Liebesbeziehungen der Götter und Menschen aufgezeichnet sind. Und Siegmund (Frank van Aken) trägt mit großem Waffengeklirr den todbringenden Streit mit Hunding (Ain Anger) aus.

Dass diese kühl-analytische Herangehensweise an den alten Frankfurter "Ring" von Ruth Berghaus erinnern mag, verwundert nicht, denn Vera Nemirova war einst Assistentin bei der großen Dame des Regietheaters. "Man hat das immer im Hintergrund, man kommt aus einer bestimmten Tradition, Richtung", räumt sie da unumwunden ein. Und wie Berghaus greift auch Nemirova gern auf einzelne aussagestarke Symbole zurück: Zum Walkürenritt tragen Uniformierte die Särge der gefallenen Helden auf die Bühne. Brünnhildes Ross Grane wird zur kleinen Bronzefigur am Bühnenrand, und ihre Schwestern sind an geflügelten Asterix-Helmen zu erkennen.

Nicht nur von der szenischen, auch von der musikalischen Umsetzung war das Premierenpublikum begeistert: Am Pult stand der Frankfurter Generalmusikdirektor Sebastian Weigle. Der gilt in Fachkreisen längst als versierter Wagner-Kenner - nicht nur, weil er seit vier Jahren bei den Bayreuther Festspielen "Die Meistersinger von Nürnberg" dirigiert. Er schwelgt nicht in Klängen, sondern betrachtet gleichsam von außen den großen Melodiebogen - fast, als hätte er Angst, in den Emotionen des Augenblicks zu versinken.

Die Messlatte für Nemirova, deren erster "Ring" dies ist, liegt hoch. Denn in Frankfurt gab es seit 1945 zwar erst zwei vollständige "Ring"-Zyklen: jene von Michael Gielen, Ruth Berghaus und Axel Manthey (1985 bis 1987) sowie die aus Brüssel übernommene Produktion von Herbert Wernicke (1994/95). Aber beide gelten als Meilensteine der Wagner-Rezeption. Ob sich Nemirova da einzureihen vermag, ist fraglich. Immerhin: Das Frankfurter Publikum ist so gierig auf "Die Walküre", dass die kommenden Vorstellungen längst ausverkauft sind.

Christian Rupp, DPA / DPA