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"Damage": Die Blues-Bastarde

"Damage", das neueste Werk der Blues Explosion um Jon Spencer, klingt gefährlich und ist es auch. Die Mischung aus schwülem Bluesrock und funkigem HipHop treibt nicht nur den Puls in die Höhe.

Es gibt Alben, bei denen man erleichtert ist, dass man doch noch jung genug ist. Dass man noch keine Kinder im Teenie-Alter hat. Dass man nicht versucht ist, irgendwas im Giftschrank einzuschließen. Und das müsste man - denn das, was Jon Spencer und seine Jungs von der Blues Explosion auf dem neuen Album "Damage" abliefern, ist mal wieder schlicht und einfach nicht jugendfrei.

Eine Band, drei Blues Brothers

Wer bei Blues an dickliche, traurige Gestalten mit Schlapphut und Weltschmerzmiene denkt, an heruntergekommene Provinz-Truckstops oder Frauen mit zu viel Make-up, der liegt völlig falsch. "Hier geht es nicht um Gitarren, es geht um Rhythmus", sagen die New Yorker Rocker und haben dem Blues im Bandnamen zu Recht das Explosive hinzugefügt. "Blues Explosion", betonen die Musiker, sei ihr offizieller Name. Ohne den bisher üblichen "Jon Spencer"-Zusatz.

"Wir sind Brüder", sagt Jon Spencer, "das hier war nie ein Soloprojekt". Sagt es und wird doch immer der sein, auf den sich alle Augen richten. Er ist der Coole mit der Samtjacke und dem Blick, für den man seine Seele verkaufen möchte. Seine Mitstreiter Russel Simmins und Judah Bauer stehen ihm zwar musikalisch in nichts nach, bleiben aber stets im Hintergrund. Glamour hat man oder man hat ihn nicht. Wer ihm den Glamour übel nimmt, vergleicht Spencer mit Mick Jagger oder Elvis. Der Rest ist bezaubert.

Tanzen unvermeidbar

Dabei legen die Jungs von Blues Explosion auf glamouröses Auftreten gar nicht so viel Wert. Im Gegenteil: An schlechten Tagen sehen sie aus wie etwas, das die Katze aus der Gosse mit hereingebracht hat. Und nach Gosse klingen sie auch - im besten Sinne: Schließt man die Augen, umgeben die zwölf "Damage"-Songs den Hörer mit einem Ambiente aus regennassem Straßenpflaster, billigem Whisky, verrauchten Hinterhofkneipen und tanzenden, schweißnassen Leibern in leicht angeschmutzten, aber eng anliegenden Klamotten. So klingt Musik, die innerhalb eines Gitarrenakkords den Sommer zurückbringt. Unwillkürlich überkommt einen die Lust, auf öffentlichen Plätzen oder Bartresen zu tanzen, die Menschheit zu umarmen und ausgewählte Exemplare bis zum nächsten Morgen nicht mehr loszulassen. "Damage" explodiert direkt in den Eingeweiden. So rollig klingt Rock heute nur noch selten.

Die Masse macht's

Wie weit weg vom Klischeeblues die Blues Explosion steht, machen aber auch die unverkennbaren HipHop-Einflüsse auf dem Album klar. "Hot Gossip" klingt zu Recht nach Public Enemy, weil Chuck D am Mikro steht. Und "Fed up and low down", die Partyhymne des Albums, wäre vielleicht ein winziges bisschen weniger tanzbar, wenn nicht Breakbeat-Künstler DJ Shadow seine Finger am Mixer gehabt hätte. Auch "Dan the Automator", der es zuletzt mit den Gorillaz sogar in die Charts schaffte, beteiligte sich an der Produktionsarbeit.

Über diesem Inferno aus Stilrichtungen und Einflüssen schwebt verlässlich die wispernde, keuchende, verführerische Stimme von Jon Spencer. Verstummt er, so wird der Beweis für die gute alte These erbracht, dass mit Herzblut gespielte Gitarren immer noch den einzig wahren Gitarrenklang verbreiten.

"These blues are gonna rip out your heart and gonna rearrange your mind, no shelter anywhere" heißt es in "You been my baby". Jon, du darfst auch weiterhin mein Blues-Baby sein.

Claudia Fudeus
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