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Musikalischer Jahresrückblick 20 Alben, die man 2020 unbedingt gehört haben sollte

Nur wenige Konzerte, keine Festivals: 2020 war ein schreckliches Jahr für die Musikbranche. Musikalisch hatte das Jahr der Pandemie dennoch etwas zu bieten. NEON nennt euch 20 Alben, die ihr in diesem Jahr unbedingt gehört haben solltet.

Anfang Dezember war Corona für ein paar Stunden besiegt. Zumindest den Postings nach zu urteilen. Denn kaum jemand verlor auch nur ein Wort über die Pandemie. Stattdessen bestimmte (mal wieder) die Selbstdarstellung das Geschehen in den sozialen Netzwerken: Die Nutzer teilten ihre Spotify-Jahresrückblicke. Wer auch immer in der Marketing-Abteilung von Spotify darauf gekommen ist, es ist eine brillante Idee.

Die Timelines und Storys der Social-Media-Plattformen wurden auch in diesem Jahr mit Künstlern und Songs überflutet, die unsereins im Jahr 2020 gehört hat. In der Regel also: Capital Bra, Drake und Billie Eilish. Allerdings fehlten einige wichtige Alben oft in diesem Rückblick. Dabei wurden in diesem Jahr trotz Pandemie richtig gute Platten veröffentlicht. NEON hat sich einmal die Mühe gemacht, 20 Alben aufzuzählen – aus den drei beliebtesten Musik-Genres Pop, Rock und Hip-Hop –, die ihr in diesem Jahr unbedingt gehört haben solltet:

Pop

Taylor Swift – Folklore

Erst Country, dann Bubblegum-Pop und nun "eine Kaskade in Lo-Fi", so nennt stern-Autor Tim Sohr das Album. "Folklore" ist eines der besten Alben des Jahres, soviel steht fest. Swift besinnt sich darin auf ihre Stärke: das Songwriting. Es gibt im Pop kaum eine Frau, die bessere Liebeslieder schreibt als Swift. Zudem passt das Album einfach in dieses Jahr. Allein schon das schwarz-weiße Cover, auf dem Taylor allein in einem Wald steht.

Ava Max – Heaven & Hell

Belanglos, sagen die Kritiker. Der Erfolg sagt das Gegenteil. Wer in den vergangenen Monaten beim Autofahren Radio gehört hat, kennt mindestens einen Song der amerikanischen Sängerin mit albanischen Wurzeln. Ava Max lief unter anderem mit "Kings & Queens" rauf und runter. Ihr Debütalbum "Heaven & Hell" mag kein Meisterwerk sein, es ist dennoch voll mit Ohrwürmern – und deswegen eine solide Platte, die perfekt ist, um sie beim wöchentlichen Saubermachen zu hören.

Dua Lipa – Future Nostalgia

Die Parallelen zu Ava Max sind bei Dua Lipa offensichtlich. Sie macht tanzbare Pop-Musik, läuft in Dauerschleife im Radio und hat ebenfalls albanische Wurzeln. Und doch ist die öffentliche Wahrnehmung eine andere. Dua Lipa gilt als Inkarnation der Pop-Musik. Ihr Album "Future Nostalgia" wird von Kritikern mit Lob überschüttet. Völlig zurecht, denn gerade in Zeiten der sozialen Distanzierung, des Nichtstuns, lenkt Dua Lipas Musik von dem ab, was in der Welt da draußen gerade passiert.

Provinz – Wir bauten uns Amerika

Sie sind die Entdeckung des Jahres. Eine Newcomer-Band, wie sie im Buche steht. Ihr Debütalbum ist ein Beleg dafür, dass guter deutschsprachiger Pop nicht revolverheld-esk sein muss, also platt und beliebig. "Wir bauten uns Amerika" oszilliert zwischen klavierlastigem Pop und Indie-Rock. Spätestens bei "Diego Maradona" erwacht aber der Festzelt-Deutsche in einem – und man will wild neben dem Takt klatschen.

AnnenMayKantereit – 12

"Die Kneipen schließen, die Kinos auch und im Schauspielhaus fällt der letzte Vorhang aus": So könnte jeder Leitartikel über den Lockdown und das Corona-Jahr beginnen. Doch stattdessen ist es eine Zeile aus "Gegenwart", Track drei auf AnnenMayKantereits Album "12". Kein deutschsprachiges Album trifft den Nagel so auf den Kopf wie dieses. Dazu die Stimme von Henning May. Mehr muss man nicht sagen. Grandios.

The Weeknd – After Hours

Es wirkt wie ein Relikt der Vergangenheit. "After Hours" ist ein Konzeptalbum. Es gibt keine Features, dafür einen roten Faden. Dass es das in Zeiten von Spotify-Playlisten und wöchentlicher Neuerscheinungen noch gibt, gleicht einem Wunder. Allein deshalb sollte man dieses Album hören. Dazu kommt, dass The Weeknd ein begnadeter Musiker mit einer einzigartigen Stimme ist. Rein phonetisch weckt die Platte Erinnerungen an den King of Pop.

Hip-Hop

Haftbefehl – Das weisse Album

Wer Gangsterrap sagt, muss auch Haftbefehl sagen. Der Offenbacher Cho ist und bleibt der König dieses Genres. Sein neues Album "Das weisse Album" besticht durch monströse Beats gepaart mit einer bestialischen Aggressivität. Dazu kommt diese Erscheinung, dieser 1,90 Meter große Typ mit aggressivem Blick, dem man freiwillig sein Handy gibt, wenn er vor einem steht. Wie rappte er doch einst: Chabos wissen, wer der Babo ist? Richtig, Haftbefehl!

Kitschkrieg – Kitschkrieg

Es reicht allein, sich die Namen der Künstler durchzulesen, die auf "Kitschkrieg" vertreten sind: Jan Delay, AnnenMayKantereit, Nena, Trettmann, Peter Fox, Gzuz, Kool Savas, RIN, Ufo361, Marteria, Bonez MC, Cro. Das ist die Crème de la Crème der deutschen Musikszene. "Das war Band Aid 30 auch – und trotzdem klang es schrecklich", werden einigen nun sagen. Das stimmt. Allerdings produzierten den Song auch nicht Kitschkrieg. Das Produzenten-Trio, bestehend aus Fizzle, Fiji Kris und °awhodat°, hat einen unverwechselbaren Sound: Sanfte Beats, Auto-Tune und Minimalismus. Ihr Album ist ein Muss für jeden Hip-Hop-Fan.

Apache 207 – Treppenhaus

Apache 207 ist die personifizierte Ambivalenz des deutschen Hip-Hops: ein großer, schlaksiger junger Mann mit langen dunklen Haaren, der sein T-Shirt in die Hose steckt und Dr. Martens trägt. Das passe nicht ins Bild von Hip-Hop, findet Rapper Fler, wie er in einem Interview bei "hiphop.de" sagte. Das mag in Teilen stimmen. Auf der anderen Seite ist Apache 207 der beste Beweis dafür, wie vielfältig Hip-Hop inzwischen ist. Sein Debütalbum "Treppenhaus" belegt genau das.

Roddy Ricch – Please Excuse Me For Being Antisocial 

"Please Excuse Me For Being Antisocial" erschien zwar bereits im Dezember 2019. Durch die Decke ging das Album aber erst, nachdem Roddy Ricch im Februar mit "The Box" die Spitze der Billboard-Charts erobert hatte. Der Song verkaufte sich über neun Millionen Mal. Auf seinem Debütalbum schafft er es, den Atlanta-Trap-Sound mit der West Coast zu verbinden.

Ufo361 – Rich Rich

Wenn es um die erfolgreichsten Rap-Künstler geht, wird sein Name häufig vergessen: Ufo361. Sowohl 2019 als auch 2020 war er einer der meistgestreamten Künstler in Deutschland. Ufo, wie er von seinen Fans liebevoll genannt wird, ist der deutsche König der Trap-Musik. Sein Album "Rich Rich" ist ein Meilenstein. Er trifft den Zeitgeist und ist fast all seinen Deutschrapkollegen – bis auf wenige Ausnahmen – mit seinem Sound meilenweit voraus. Die fehlende Themenvielfalt ist vielleicht das einzige Manko des Albums. Marken- und Namedropping ist die größte Konstante neben Neid, Erfolg, Geld, harter Arbeit und seinem Ehrgeiz.

Loredana – Medusa

Veränderung braucht Zeit, heißt es so schön. Eine absolute Plattitüde. Was den Deutschrap angeht, trifft sie allerdings den Nagel auf den Kopf. Lange war Hip-Hop in Deutschland eine Männerdomäne – Sabrina Setlur mal ausgenommen. Doch seit zwei, drei Jahren wandelt sich das. Es gibt immer mehr Frauen, die erfolgreich sind. Loredana ist eine davon. Während die vom Feuilleton gefeierte Hayiti Alben für Kritiker macht, macht sie welche für die Hörer. Ihr neues Album "Medusa" demonstriert das – von vermeintlichen Experten zerrissen, von Rap-Fans gefeiert.

K.I.Z. – Und Das Geheimnis Der Unbeglichenen Bordellrechnung

Eigentlich ist "Und Das Geheimnis Der Unbeglichenen Bordellrechnung" nur ein Album zum Album. Im Mai 2021 erscheint K.I.Z.' sechste Album "Rap über Hass“. Somit ist diese Platte nur Promo. Und dennoch besteht für Battle-Rap-Fans eine Hörpflicht. Denn die selbsternannten Kannibalen In Zivil begeben sich auf "Und Das Geheimnis Der Unbeglichenen Bordellrechnung" auf eine Zeitreise ins Jahr 2011. Vulgär, phasenweise pubertär, aber witzig – zumindest, wenn man den Humor von KIZ versteht: "Ich bin mit deiner Frau im selben Yogakurs / Und versau' euch die Beziehung wie 'ne Totgeburt".

Rock

AC/DC – Power Up

Brian Johnson feiert sein Comeback als Sänger von AC/DC. Allein das ist für jeden Rock-Fan schon Anreiz genug, die neue Platte zu lieben. Seit 2016 hatte Axl Rose Johnson bei Live-Auftritten interimsweise vertreten, nachdem dieser die Tour wegen gesundheitlicher Probleme absagen musste. "Power Up" erfindet das Rad zwar nicht neu, aber wie heißt es so schön? Never change a winning team.

Die Ärzte – Hell

Acht Jahre lang machten Die Ärzte Farin Urlaubs Namen alle Ehre. In diesem Jahr meldeten sie sich ENDLICH zurück aus der musikalischen Abstinenz. Ihr Album "Hell" ist politisch und witzig wie eh und eh je. Es setzt zwar keine neuen Maßstäbe, hat sogar einige schwache Momente, ist aber insgesamt ein gutes Album. Und allein weil es Die Ärzte sind, sollte man es sich anhören. PUNKT.

Machine Gun Kelly – Tickets to my Downfall

Eminem sei Dank! Wer weiß, ob es ohne seinen Disstrack gegen Machine Gun Kelly überhaupt dieses Album gegeben hätte. MGK hatte zwar bereits zuvor mit dem Punk geflirtet. Aber spätestens nach dem Beef mit dem Rap God war MGKs Rap-Karriere beendet. Auf "Tickets to my Downfall" vollzieht er nun den musikalischen Wandel von Tech-Rap zu Pop-Punk. Das Ergebnis ist ein Sound, der an Green Day und Blink 182 erinnert. Was auch daran liegt, dass der Produzent des Albums Travis Barker heißt und der Schlagzeuger von Blink 182 ist.

Bring Me The Horizon – Post Human: Survival Horror

Drei Worte, die dieses Album am besten beschreiben: Schrei, schrei, schrei. "Post Human: Survival Horror" ist unglaublich befreiend. Es holt einen aus der Enge der eigenen vier Wände heraus – und lässt einen in eine Welt abtauchen, die so fernab dieser Pandemie ist. 32 Minuten Hier und Jetzt. Für Nu-Metal- und Linkin-Park-Fans ein Muss.

Liam Gallagher – MTV Unplugged

"Liam, Liam, Liam", schreit das Publikum in Kingston-upon-Hull, eine Stadt im Norden Englands, unweit von Leeds. Die Stimmung ist ausgelassen. Es herrscht Ekstase. Die Grundvoraussetzung ist erfüllt, damit ein Liam Gallagher überhaupt abliefert. Der König braucht schließlich seine Huldigung, sonst ist er beleidigt. Da Gallagher sie bekommt, läuft er zur Bestform auf. Sein "MTV Unplugged"-Album bestärkt jeden Oasis-Fan in seinem Wunsch, dass es bald endlich eine Oasis-Reunion gibt. Auch der König selbst weiß das, und entschädigt seine Fans mit Klassikern wie "Some Might Say" und "Champagne Supernova".

The Killers – Imploding The Mirage

Alles an diesem Album ist schön. Das Cover, eine Illustration des Künstlers Thomas Blackshear, ist bereits ein Meisterwerk. Die Konzeption, ein roter Faden durchzieht den Longplayer. The Killers entfernen sich wieder etwas vom Pop. Ihr neues Album wähnt sich in den 1980er-Jahren – viele Synthies, harmonievolle Klänge, guter amerikanischer Rock.

Green Day – Father of all Motherfuckers

16 Jahre ist her, dass Green Day eins der besten Alben der 2000er-Jahre veröffentlicht haben: "American Idiot" war eine Blaupause. Musikalisch weiterentwickelt hat sich die Band seitdem nicht. Stattdessen scheinen die Jungs in der Zeit stehengeblieben zu sein. Das beweist der "Father of all Motherfuckers". Es mag stellenweise bedeutungslosschwanger daherkommen, aber es ist dennoch guter Pop-Punk, den man wunderbar beim Joggen hören kann.

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