"Elektra" Studie über Hysterie


Kaum eine Oper tobt so laut und so archaisch wie Richard Strauss' "Elektra". Der Komponist hat Sigmund Freuds Psychoanalyse Töne gegeben und zeigt den Menschen als Kreatur.
Von Axel Brüggemann

Wie klingt Wut? So wie der furiose Tanz der Elektra: rhythmisch, archaisch, brachial! Das Erstaunlichste an Richard Strauss' aufwühlenden Klangwelten ist die Arbeitsweise des Komponisten. Der Mann mit Glatze und penibel geschnittenen Schnauzbart war im realen Leben ein Pedant: Er stand pünktlich auf, komponierte nach Stundenplan bis zum Mittagessen und ließ den Tag dann mit einer Partie Skat und einem Bier ausklingen, um am nächsten Tag wieder pünktlich am Schreibtisch zu sitzen. Wenn Strauss seine eigenen Werke dirigierte, verzog er kaum eine Miene, schlug stoisch den Takt. Trotzdem tobte, paukte und trompetete aus seinen Orchestern ein musikalisches Monstrum. Für Strauss war die Musik eine Klangmaschine, die nicht unter der Haut nach Gefühlen sucht, sondern ganz tief in die Innereien seiner Charaktere eindringt, um ihnen Herz, Leber und Seele herauszureißen. Mit seinen Klängen schockte der Komponist seine Zeitgenossen, und seine Musik ist bis heute geeignet, uns zu schockieren.

Elektra, die Tochter des griechischen Heerführers Agamemnon wird von ihrer eigenen Mutter Klytämnestra und deren Geliebten, dem Mörder ihres Vaters, Aegisth, wie ein Hund gehalten. Die störrische Elektra will die neue Herrschaft, die über die Leiche ihres Vaters gegangen ist, nicht akzeptieren. Erst als der verloren geglaubte Bruder Orest auftaucht, um Agamemnon zu rächen, gräbt Elektra ein Beil aus, mit dem der Bruder den neuen Herrscher töten soll. Jahrelang hat sie ihre Wut gepflegt, nun gerät sie über den Mord in Extase und tanzt sich zu Tode.

Richard Strauss war bereits mit seiner Oscar-Wilde-Adaption "Salome" die spektakuläre Neuerfindung der Oper gelungen. Das Drama um die schleiertanzende Königstochter, die den Kopf von Johannes dem Täufer fordert und am Ende selbst stirbt, elektrisierte ganz Europa. Als Strauss nun Hofmannsthals "Elektra"-Version im Theater sah, wusste er, dass er das psychologische Drama noch weiterspinnen könnte. Er erinnerte sich wie folgt: "Als ich zuerst Hofmannsthals geniale Dichtung im 'Kleinen Theater' sah, erkannte ich wohl den glänzenden Operntext und, wie seinerzeit in 'Salome', die gewaltige musikalische Steigerung bis zum Schluss: in 'Elektra' nach der nur mit Musik ganz zu erschöpfenden Erkennungsszene der erlösende Tanz - in 'Salome' nach dem Tanz die grausige Schlussapotheose."

Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal haben in ihrer Sophokles-Bearbeitung den Zeitgeist getroffen. In Wien wurde gerade die Psychoanalyse populär, Sigmund Freud hatte seine "Studien über Hysterie" veröffentlicht und das Unterbewusste wanderte langsam ins Bewusstsein der Menschen. Der Komponist und sein kongenialer Textdichter haben diesem geistigen Aufbruch einen Soundtrack gegeben: Sie legen ihre Elektra auf die Couch und analysieren sie durch ein Panoptikum archaischer Tönen und krachender Stille.

Das Unterbewusste wanderte ins Bewusstsein

Den aufrüttelnden Eindruck, den diese Oper noch heute hinterlässt, verdankt sie der Tatsache, dass Strauss und Hofmannsthal das antike Drama als einaktiges Extrakt erzählen, als dramatisch-psychologischen Sog, als gigantischen Rausch der Rache, in dem jeder Charakter tiefenpsychologisch vorgestellt wird: die schuldbewusste Mutter, der schmierige Verräter Aegisth, die fürsorgliche aber hilflose Schwester Chrysothemis, der kühl planende Bruder Orest und seine dem Wahnsinn entgegenlebende Schwester Elektra.

Diese fünf Charaktere entspinnen ein Psychogramm um Schuld und Sühne, um Vergebung und Rache, um Gut und Böse, um unterbewusste Prozesse innerhalb einer Familientragödie, die auch heute noch die "Bild"-Zeitung auf den Titel heben würde.

Der Regisseur Harry Kupfer taucht Strauss' Seelendrama in seiner Inszenierung an der Wiener Staatsoper in eine dunkel düstere Welt, und Claudio Abbado ist am Pult fest entschlossen, den Wahnsinn in seine Extreme zu führen. Dazu stehen ihm mit Eva Marton, Brigitte Fassbaender und Cheryl Studer die drei vielleicht dramatischsten Sänger-Darstellerin ihrer Zeit zur Verfügung. Entstanden ist ein brutaler Opernabend, der zum Fest der Rache wird - kaum vorstellbar, dass die Musik nach einem strengen, fast schon spießigen Stundenplan komponiert wurde.


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