Billy Wilder Der Spötter aus Old Europe


Vor 100 Jahren wurde Billy Wilder geboren. Der gebürtige Österreicher verließ in den 30er Jahren die alte Welt und stieg zum erfolgreichsten Komödienregisseur Hollywoods auf.

Für Marlene Dietrich war Billy Wilder "der witzigste Mann, dem ich je begegnet bin". Die Distanz und der Zynismus des Zugereisten aus Old Europe befähigten ihn, sich so trefflich und tiefsinnig über Amerika lustig zu machen. Der Regisseur, der vielleicht die meisten Hollywood-Klassiker drehte, wurde vor 100 Jahren, am 22. Juni 1906 in Galizien in einem der hintersten Winkel der österreichisch-ungarischen K.u.K-Monarchie geboren. Doch bereits seine Mutter war so Amerika-versessen, dass sie ihn Billie nannte - nach dem Westernhelden Buffalo Bill. Schon früh stand für ihn fest, dass er nach Hollywood gehen würde. Seine Frau Audrey hat es später einmal so ausgedrückt: "Lange bevor Billy Wilder Billy Wilder wurde, dachte er bereits, er sei Billy Wilder."

Rasender Reporter in Wien und Berlin

Mit 18 Jahren schwirrte er als Reporter durch Wien. Einmal befragte er an einem Tag den Komponisten Richard Strauss, den Schriftsteller Arthur Schnitzler und den Psychiater Sigmund Freud, der ihn allerdings vor die Tür setzte. 1926 zog es ihn nach Berlin, in die brodelnde Metropole der Weimarer Republik. Dort gelang ihm der Sprung ins Filmgeschäft - "die wichtigsten Jahre meines Lebens". Er schrieb erfolgreiche Drehbücher, unter anderem für "Emil und die Detektive" nach dem Kinderbuch von Erich Kästner. "Dann kam Hitler, Feierabend." Wilder, ein Jude, verließ Deutschland und machte sich ohne ein Wort Englisch zu sprechen auf nach Hollywood.

Entscheidend für Wilders amerikanische Karriere war die Begegnung mit dem ebenfalls aus Deutschland geflüchteten Regisseur Ernst Lubitsch. Für ihn schrieb Wilder zusammen mit Charles Brackett die Bücher der von Lubitsch inszenierten Meisterkomödien "Blaubarts achte Frau" (1938) und "Ninotschka" (1939), einer der großen Erfolge von Greta Garbo. In Zweiten Weltkrieg fungierte Wilder zeitweise als Leiter der Filmabteilung der US-Armee. In Hollywood war er inzwischen mit seinem Partner Brackett zum höchstbezahlten Autoren der Traumfabrik aufgestiegen. Doch Wilder wollte endlich selbst Regie führen. Später hat er sich amüsiert erinnert an die Reaktionen der Filmbosse auf seine neuen Ambitionen: "Sie haben mich machen lassen und insgeheim gehofft, dass ich damit auf den Arsch falle und dann reumütig zurückkomme und weiter meine Drehbücher schreibe."

Erster Oscar für "Das verlorene Wochenende"

Es dauerte bis 1942, ehe er dort zum ersten Mal Regie führte. Doch schon ein Jahr später, nach seinem Erfolg mit "Frau ohne Gewissen", bemerkte Alfred Hitchcock: "Die beiden wichtigsten Wörter im Kino sind nun Billy Wilder." 1945 feierte Wilder mit dem Drama "Das verlorene Wochenende", die Geschichte eines alkoholsüchtigen Dichters, den ersten von etlichen Oscar-Triumphen: Wilder erhielt die Auszeichnungen fürs beste Drehbuch und die beste Regie. Der jüdische Emigrant mit dem deutschen Akzent, der einst Humphrey Bogart so nervte, hatte sich endgültig durchgesetzt.

Es folgten Jahre des Erfolgs, für die er mit sieben Oscars geehrt wurde. Er hat Kinomomente geschaffen, die in die amerikanische Kulturgeschichte eingingen - etwa Marilyn Monroe mit hochfliegendem Rock über dem Lüftungsschacht. "Die Leute strömten zusammen, als wir die Szene drehten", erinnerte er sich noch nach fast 50 Jahren.

Abrechnung mit Hollywood

Mit "Sunset Boulevard" ("Boulevard der Dämmerung") wagte er bereits 1950 in seiner Anfangszeit eine zynische Abrechnung mit der Traumfabrik Hollywood: Die abgehalfterte Stummfilm-Diva Norma Desmond sitzt in einer heruntergekommenen Villa und wartet auf ihr Comeback. Ihr Butler verfasst hinter ihrem Rücken haufenweise Fanpost, um sie damit in dem Glauben zu bestärken, sie wäre noch gefragt.

Wilder schuf unvergessliche Kinomomente, etwa die Schluss-Szene von "Manche mögen's heiß": Ein Millionär hat sich in eine Musikerin verliebt, doch am Ende lüftet sie ihre Perücke und gesteht ihm, dass sie in Wahrheit ein verkleideter Mann ist. Sein lapidarer Kommentar: "Nobody is perfect."

Auch Wilder hat in den letzten zwanzig Jahren seines Lebens etliche Ehrungen, aber keine Aufträge mehr bekommen, obwohl er gern weitergemacht hätte. Fast bis zum Schluss fuhr er immer noch jeden Tag ins Büro und wartete darauf, dass das Telefon klingelte. Es klingelte auch - aber es waren immer nur Journalisten mit Interviewanfragen und Offizielle, die ihm eine neue Auszeichnung verleihen wollten. Studiobosse hatten kein Interesse mehr an dem "Letzten Mohikaner des alten Hollywood". Als er am 27. März 2002 mit 95 Jahren in Beverly Hills starb, war er längst zur Legende geworden.

che mit DPA/AP AP

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