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Billy Bob Thornton: "Ich stand an der Säge im Baumarkt"

In die Schlagzeilen kam er durch seine Ehe mit Angelina Jolie. Als Drehbuchautor bekam er einen Oscar, als Schauspieler wurde er berühmt. Jetzt feiert er auch als Musiker Erfolge. Im stern.de-Interview spricht Billy Bob Thornton über Angelina, seine Arbeit als Roadie, die Armut in seiner Kindheit und wie Clinton ihm einen Job vermittelt hat.

Herr Thornton, Sie sind jetzt 53. Ist das nicht etwas spät als Einstiegsalter für einen Popstar?

Wissen Sie, über mein Alter mache ich mir überhaupt keine Gedanken. Ich fühle mich immer noch, als wäre ich 18 und manchmal benehme ich mich auch so.

Heißt das, Sie nehmen jede Nacht Hotelzimmer auseinander?

Nein, so etwas mach ich grundsätzlich nicht, denn hinterher müsste ich alles bezahlen. (lacht)

Sie haben doch schon einen eigenen Stern auf dem Hollywood Boulevard. Sie sind ein berühmter Filmstar. Warum in aller Welt müssen Sie jetzt unbedingt Musik machen?

Je schwieriger die Aufgabe ist, desto leichter löse ich sie. Am besten funktioniere ich, wenn ich Widerstände spüre. Wenn mir alles automatisch zufliegt, kann ich gar nicht erst kreativ werden. Hindernisse sind mir lieber.

Es gibt ja bereits einige Filmstars, die sich an Musik versuchen. Bei Ihnen wirkt es ernsthafter. Warum?

Die Leidenschaft für Musik war schon da, als ich noch nicht wusste, was ein Film ist. Als ich vier Jahre alt war, hat mich meine Mutter in meiner Heimatstadt in Arkansas mit zur Hauptstraße genommen: Sie wusste, der Tourbus von Elvis würde vorbeifahren. Als er tatsächlich für ein paar Sekunden Staub aufgewirbelt hat, habe ich wie wild gewunken. Keine Ahnung, ob mich der King gesehen hat, aber seither wollte ich Popstar werden.

Es hat dann doch länger gedauert.

Reingeschnuppert ins Rockbiz habe ich bereits Ende der sechziger Jahre. Ich war damals ein richtiger Hippie und arbeitete mehrere Jahre als Roadie für die Countryrockgruppe The Nitty Gritty Dirt Band. In jenen Jahren habe ich alles über Pop, Country und Folk aufgesogen. Auch meine Songtexte sind autobiografisch geprägt. Ich habe privat harte Zeiten durchgemacht. Als Jugendlicher war ich immer pleite, meine Familie wuchs in Armut auf. Wir haben manchmal in einer Art Blockhütte gehaust. Aber diese entbehrungsreichen Zeiten lehrten mich auch, Songs zu schreiben, die die einfachen Leute nachvollziehen können. Wenn ich die Universität von Harvard besucht hätte, gäbe es wahrscheinlich keine so spannenden Erlebnisse zu beschreiben.

Sie covern zum Beispiel einen alten Country-Song namens "Saw Mill", also Kreissäge.

Das ist mein Spezialthema, denn in den Siebzigern habe ich selbst eine Weile an der Kreissäge im Baumarkt gestanden. Ich weiß, wie sich das anfühlt. Aber ich habe es tatsächlich geschafft, dass alle Finger heil geblieben sind. (lacht)

Stimmt es eigentlich, dass Ihnen der frühere US-Präsident Bill Clinton einmal höchstpersönlich eine Arbeit verschafft hat?

Das ist korrekt. Er ist mit meiner Mutter befreundet und hat, als er noch im Amt des Gouverneurs von Arkansas waltete, dafür gesorgt, dass ich in der Autobahnmeisterei arbeiten konnte. Ich wurde für Teerarbeiten auf Highways eingesetzt und trug so ein orangefarbenes Sicherheitsjäckchen. Das war ein Spaß, sage ich ihnen. Bill Clinton ist nach wie vor Fan meiner Musik und meiner Filme. Ab und an erkundigt er sich bei meiner Mum, wie es mir geht.

Und ihre Ex, Angelina Jolie, erkundigt die sich auch noch nach Ihnen?

Ja klar, sie ist einer meiner größten Fans. Als ich meine ersten beiden Alben im Studio fertig gestellt habe, war sie sogar bei den Aufnahmen anwesend. Sie ist eine großartige Person.

Haben Sie sich deshalb auch eine Tätowierung mit ihrem Namen machen lassen?

Eine? Es sind drei. Aber das, was sich besonders auf Angelina bezieht, ist schon wieder übermalt. Aber wir sind im Guten auseinandergegangen.

Sind Sie froh, dass die Paparazzi jetzt wieder aus ihrem Windschatten verschwunden sind?

Die sind ohnehin mehr an Celebrity-Paaren interessiert als an einzelnen Figuren wie mir. Aber ich mache mir da nichts vor, ich werde immer irgendwie im Rampenlicht stehen, mit all seinen Schattenseiten.

Und wie halten Sie das aus?

Es nervt gewaltig, aber ich habe mich arrangiert: Ich gehe kaum aus und verlasse mein Haus nur, um zu arbeiten.

Wie sieht denn so ein typischer Tag im Leben des Billy Bob Thornton aus?

Ich wache am späten Vormittag auf, denn ich bin nachtaktiv und arbeite an Drehbüchern. Nach dem Frühstück schaue ich mit meiner vierjährigen Tochter Trickfilme an. Später kommen dann meine beiden 14- und 15-jährigen Söhne dazu. Dann gehen wir in ein Einkaufszentrum, holen uns etwas zu essen oder schauen uns Baseball an. Ehrlich gesagt bin ich ein hartgesottener Baseball-Fan.

Haben Sie deswegen einen Song komponiert, der davon handelt, wenn einen der Partner während einer Sportübertragung stört?

Ja, das ist echt hart. Meine Freundin Connie fragt immer genau dann, wenn es am spannendsten ist, ob ich mit ihr spazieren gehen möchte. Ich möchte natürlich nicht. Aber es ist kein weltbewegendes Problem, es ist auch ein bisschen komisch. Genau darum geht es in "Watching the Game".

In ihren Filmen, beispielsweise in "The Man who wasn't there", wie auch in ihrer Musik verströmen sie überhaupt gerne Nostalgie.

Die Musik, die Filme und die Einstellung der Leute waren früher einfach besser. Alles, was mir gefällt, ist vor 1974 passiert. Vielleicht bin ich ein hoffnungsloser Romantiker, aber ich versuche, sowohl in meinen Filmen als auch mit meiner Musik, den Geist dieser alten Zeiten wieder auferstehen zu lassen.

Was genau gefällt Ihnen daran?

Die rebellische Einstellung, die die Leute damals hatten. Wenn heute etwas populär ist, dann fühlt es sich an wie ein Fertigprodukt. Aber in den fünfziger und sechziger Jahren kam Popmusik von Herzen, während viele Songwriter heute Musik komponieren, als würden sie Zahnpasta erfinden oder Hula-Hoop-Reifen.

Wohnen Sie eigentlich immer noch im ehemaligen Haus des Guns'n'Roses-Gitarristen Slash in Los Angeles?

Seit neun Jahren schon. Ich fand das sehr reizvoll, weil es ein Aufnahmestudio im Keller gibt. Da spiele ich immer Musik.

Wie ist denn die perfekte Atmosphäre, wenn Sie Musik komponieren oder an einem Drehbuch arbeiten?

Ich brauche Ablenkung, dann kann ich mich fokussieren! Am besten läuft nebenbei der Fernseher und die Kinder spielen in meiner Nähe. Ich brauche einen bestimmten Lärmpegel, Abgeschiedenheit macht mich eher nervös.

Interview: Julian Weber