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Interview Michael Kunze: "'Evita' wird es in 30 Jahren noch geben"

Was fasziniert ein Millionenpublikum an Musicals? Deutschlands Musical-Papst Michael Kunze schreibt seit 20 Jahren Erfolgsstücke wie "Tanz der Vampire", "Elizabeth" oder "Mozart!" Im stern.de-Interview erklärt er, wie viel Drama das Publikum braucht und warum er nicht viel vom Feuilleton hält.

Von Ansgar Vaut

Herr Kunze, Sie nennen sich selbst Storyarchitekt. Wie wichtig ist die Story bei einem Musical?

Das kann ich nicht allgemein sagen. Bei einem ABBA-Musical ist die Musik von ABBA wichtig. Bei meinen Stücken dagegen ist die Story alles. Die Musik hat der Story zu dienen. Der Tanz muss die Geschichte weiterspinnen, sonst ist er nur Hopserei. Daher habe ich das Handwerk des Stückebauens gründlich studiert. In Deutschland hat man zuletzt in der Zeit von Richard Strauß Stücke architektonisch gebaut. Später hat man gedacht: Musiktheater ist Unterhaltung, da muss ich nur singen und zwischendurch tanzen - Blödsinn!

Wie viel Ernsthaftigkeit kann man dem Musical-Publikum zumuten?

Viel. Keiner zahlt 100 Euro, nur um einen netten Abend zu haben. Das Publikum will ein tiefes emotionales Erlebnis, das es sonst nur auf einer Reise bekommt oder bei einer ganz besonderen persönlichen Erfahrung.

Wie komplex darf die Story sein?

Vorausetzung ist, dass das Publikum sich mit der Hauptfigur identifiziert. Dann kann die Geschichte so komplex sein, wie sie eben sein muss, damit die Hauptfigur ans Ziel kommt.

Gilt das für Musicals generell?

Das Musical als solches gibt es überhaupt nicht. Der Begriff ist zu weit. Auch eine alberne Revue, in der einfach nur Lieder zusammengestellt sind, nennt sich Musical. Ich meine: Das Udo-Jürgens-Musical und die Inszenierung von "Wicked" in Stuttgart kann man nicht vergleichen. Das sind zwei Welten!

Auch qualitativ?

Ja natürlich, auch qualitativ! Inhaltlich und qualitativ. Würmer und Affen sind beide Tiere. Aber man kann nicht sagen, dass beide auf dem Boden kriechen, oder? Deswegen halte ich von dem Begriff Musical nichts. Im heutigen Musiktheater gibt es sowohl ein hohes Maß an Perfektion als auch ein hohes Maß an Dilettantismus. Wie in jedem anderen Genre.

Sie bezeichnen Ihre Werke auch als "DramaMusicals". Haben DramaMusicals ein anderes Publikum als Disney-Musicals oder vergleichbare Aufführungen?

Absolut. Ich glaube, dass meine Musicals ein Publikum anziehen, das nicht so sehr an leichter Unterhaltung interessiert ist, sondern etwas Ernstes will. "Die Schöne und das Biest" oder "Dirty Dancing" haben ein anderes Publikum.

Anders im Sinne von anspruchsvoller?

Ich würde das nicht werten. Mein Publikum ist wohl mehr an Drama als an Musical interessiert. Ich sehe im Übrigen gar keinen Unterschied zwischen Theater und Musicals. Für mich ist Musical eine Form des Theaters. Die Einschätzung einer gewissen Presse, die Musical als zweitrangiges Theater betrachten, kann ich nicht nachempfinden

Vielleicht ist der Unterschied der kommerzielle Anspruch des Musicals?

Es ist eine Legende, dass Musicals stets kommerziell sind. Die ganz großen Musicals haben ihren Ursprung alle am subventionierten Theater. Auch meine Stücke sind in Wien an einem subventionierten Theater entstanden. Aber über Musicals wird ein Stellvertreterkrieg geführt - von Feuilletonisten, die versuchen, das subventionierte Theater um jeden Preis zu schützen. Und in diesem Krieg ist sich auch eine "Süddeutsche Zeitung" nicht zu schade, ein bestimmtes Musical mit einer hämischen Bemerkung über das ganze Genre abzuqualifizieren.

Wie wichtig ist Ihnen die Anerkennung der Kritiker?

Wenn ich die Wahl habe, ist mir die Anerkennung des Publikums lieber. Aber natürlich lese ich, was die Feuilletons schreiben, und bei negativer Kritik bin ich gekränkt. Leider hört für das Feuilleton das akzeptable Musical bei Bernstein auf. Und den akzeptieren sie nur, weil er Klassik geschrieben hat. Die Zeit wird diese Einschätzung korrigieren. Einige der Stücke, die man heute als bloßes Musical abtut, werden auch in 30 Jahren noch aufgeführt werden. Und dann als Kunstwerke etabliert sein.

Geben Sie einen Tipp ab, welche drei Musicals die nächsten Jahrzehnte überdauern?

"Evita" wird es noch geben. Mein Stück "Elisabeth" wird es noch geben. Es wird "Sweeny Todd" noch geben. Mehr möchte ich nicht sagen. Aber diese drei werden sicher noch in 30 Jahren aufgeführt werden.

Interview: Ansgar Vaut

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Wie heißt der Film?
Hallo, seit langer Zeit bin ich auf der Suche nach einem Film, den ich vor ca. 25 Jahren gesehen habe. Es ist ein französischer Film von oder in der Art wie Eric Rohmer. Der Titel könnte "Betrug" oder ähnlich lauten. Es geht um eine Dreiecksgeschichte, bei der ein Mann von seiner Ehefrau und seinem besten Freund betrogen wird. Der Film erzählt seine Geschichte in Rückblenden und steigert die Spannung dadurch, dass der anfangs unwissende Zuschauer von Rückblende zu Rückblende mehr Informationen erhält, bis er gegen Ende sogar wissender ist als die Darsteller. Wie ein roter Faden zieht sich dabei die Frage durch den Film: Wer hat zu welchem Zeitpunkt was gewusst. - Ab wann wusste der betrogene Ehemann, dass er betrogen wurde? - Ab wann wussten die Betrüger, dass der Ehemann wusste, dass er betrogen wurde usw. Der Film beginnt äußerst langatmig. Wenn ich mich recht erinnere mit einer 20-minütigen fast statischen Kameraeinstellung. Zwei Personen (Ehefrau und Liebhaber) sitzen an einem Tisch eines sehr einfachen Restaurants. Aus dem Gespräch erfährt man, dass sie früher einmal ein Verhältnis hatten. Im Laufe der Unterhaltung verdichtet sich allmählich die Befürchtung, der Beste Freund/ Ehemann könnte eine Ahnung gehabt haben. Dann folgt die erste Rückblende. Dieses Prinzip von sich verdichtender Ahnung verstärkt sich immer mehr und verleiht dem Film eine - wie ich finde - einzigartige Dramaturgie. Wäre wundervoll, wenn jemand helfen könnte. Gruß Leo