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"Furchtbarer" Geburtstag: Musikerin Annette Humpe wird 60 Jahre alt

Sie war eine der Ikonen der Neuen Deutschen Welle, heute räumt sie mit Ich + Ich Preise ab. Annette Humpe mag um nichts auf der Welt selbst auf der Bühne stehen. Erfolgreich ist sie trotzdem. Jetzt wird die Musikerin 60 - und findet diese Zahl "furchtbar".

Ob "Blaue Augen", "Codo" oder "Du erinnerst mich an Liebe": Wer an Annette Humpe denkt, wird schnell einen Ohrwurm haben. Mit den Bands Ideal, DÖF und zusammen mit ihrer Schwester Inga war die Berliner Sängerin in den 80er Jahren eine der Ikonen der Neuen Deutschen Welle. Hits von den Prinzen, Rio Reiser, Udo Lindenberg und die Girlie-Hymne "Mädchen" gehen mit auf ihr Konto. Im Popduo Ich + Ich gelang ihr ein erstaunliches Comeback. An diesem Donnerstag (28. Oktober) wird Annette Humpe 60 Jahre alt.

Es ist kein schicker Geburtstag, wie die Musikerin in entwaffnender Ehrlichkeit sagt. "Eine olle Zahl, die klingt furchtbar", sagt Humpe im dpa-Interview. "Schön ist das nicht, das kann mir keiner erzählen. So tröstende Sprüche wie "60 ist die neue 40": Das will ich nicht hören, weil ich finde, es ist eine schreckliche Zahl."

Ein kleines Trostpflaster ist das Best-of-Album zum Geburtstag, auf dem nicht nur ihre eigenen Titel versammelt sind, sondern auch Versionen von Unheilig, Lindenberg und Ingas Band 2Raumwohnung. Diese befördert den alten Ideal-Hit "Berlin" ins Jahr 2011 mit Zeilen wie "Checkpoint Charlie Touri-Busse im Kreis / Und endlich 'ne Straße, die Rudi Dutschke heißt".

Mit Berlin fing alles an, zu Mauerzeiten in den 70ern, als Männer vor der Bundeswehr in den Westen der Stadt flohen und David Bowie dort lebte. Für Humpe, die aus Herdecke in der westfälischen Provinz stammt und in Köln Klavier und Komposition studierte, war es ein Kulturschock im besten Sinne. "Berlin war für mich das Allergrößte", sagt sie. "Ich kam am Bahnhof Zoo an und es war Liebe auf den ersten Blick. Ich dachte: Hier gehe ich nicht mehr weg."

Erste Erfolge hatte sie mit ihrer Schwester und der Band Neonbabies. Der Durchbruch kam 1980 mit Ideal. "Ich fühl' mich gut, wir steh'n auf Berlin!", sang die Band. Mit dem rotzigen, schnellen Lied brachte sie das Lebensgefühl einer ganzen Generation auf den Punkt. Es soll Leute geben, die nur wegen dieses Stücks in die Stadt gezogen sind. Auch "Blaue Augen", ein Liebeslied für Humpes damaligen Freund, "Eiszeit" und "Monotonie" wurden Hits. 1983 trennte sich Ideal. Die Neue Deutsche Welle wurde kommerziell und verflachte.

Von Rio Reiser als "König von Deutschland" bis zum krachenden Erfolg der Prinzen ("Küssen verboten"): Humpe schaffte es in den Jahren danach oft, Musik zu produzieren, die einen Nerv traf, aber nicht dem Zeitgeist hinterhechelte. "Ich pass' nur auf, dass die Gefühle stimmen. Wenn ich eine Zither in einem Stück haben möchte, überlege ich nicht, ob das "in" ist."

Seit 2004 erobert Humpe mit dem fast 30 Jahre jüngeren Sänger Adel Tawil im Duo Ich + Ich ("Du erinnerst mich an Liebe", "Vom selben Stern") und mit gefühlvollem Pop die Charts. Live mag sie nicht mehr auf der Bühne stehen, weil sie sich dort nicht wohlfühlt, so dass nur Tawil bei Konzerten zu sehen ist.

Gibt es etwas, das man ihr bieten könnte, damit sie wieder auftritt? "Nein. Wenn ich so singen könnte wie Beth Ditto, das kann ich aber nicht." Humpe produziert gerade ein Album mit Max Raabe, das im Januar erscheinen soll. Ich + Ich haben eine kreative Pause für Soloprojekte eingelegt.

Wenn ihre alten Hits im Radio laufen, freut sie sich. Ihr 18 Jahre alter Sohn hört lieber anderes, Bob Dylan oder Chillout-Musik, und will Schriftsteller werden. Über Schwester Inga (54) sagt sie: "Das ist große Liebe und trotzdem kann man sich auf den Wecker gehen, das ist wie bei einer Beziehung." Ihren Geburtstag will sie mit Freunden feiern. "Es wird schon irgendwas auf mich zukommen. Es ist ja auch zu spät, um jung zu sterben", sagt sie lachend.

Caroline Bock, DPA / DPA