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365 Tage ohne den King of Pop: Was von Michael Jackson übrig bleibt

Traurig, aber wahr: Nie war der King of Pop so erfolgreich wie ein Jahr nach seinem Tod. Die Michael-Jackson-Industrie verdient sich dumm und dämlich - dank des "Elvis-Effekts".

Von Sophie Albers

Ein Jahr ist es her, dass Michael Jackson im Alter von gerade mal 50 Jahren gestorben ist, weil er sich gegen die eigene Rastlosigkeit Betäubungsmittel spritzen ließ. Die Fans trauern nach wie vor. Auch die Kritiker können ihn nicht vergessen. Der Rest des Publikums lässt sich zu gern an ein skurriles Phänomen erinnern. Und offenbar kaufen alle seine CDs. In einem Jahr ohne den King of Pop wurden allein 383 Millionen Dollar mit seinen Alben verdient. Rund 400 Millionen Dollar hat der Film "This Is It" eingespielt - die Dokumentation der Proben seines letzten Konzertes, das nie zur Aufführung kam. Mit Lizenzgebühren, Fanartikeln, Namensrechten, DVDs, Klingeltönen und einem neuen Plattenvertrag sind laut dem Branchenblatt "Billboard" seit dem tragischen 25. Juni 2009 insgesamt eine Milliarde Dollar im Namen dieses Toten zusammengekommen.

Und der Tanz auf dem Grab hat Zukunft: Der Unterhaltungsriese Sony will in den kommenden sieben Jahren zehn Alben mit Jacksons Musik herausbringen. Darunter auch unveröffentlichte Songs. Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht unbekanntes Material gefunden wird (273 Songs der Jackson 5), andere Künstler Jackson mit Alben und Shows gedenken wollen (Sheryl Crow, Christina Aguilera und Marc Anthony) oder Shows in seinem Namen auf die Beine gestellt werden (Cirque du Soleil). Erinnerungsstücke an den Popstar sind seit seinem Tod das Fünffache wert, wie etwa die gerade für 27.500 Dollar versteigerten handschriftlichen Textzeilen zu "Beat It". Grenzenlos scheinen die Möglichkeiten, wenn es um die Michael-Jackson-Geldmaschine geht.

Und Mama Jackson schreibt ein Buch

Deren Knöpfe drückt letztlich der von Anwälten überwachte Fonds "Michael Jackson Estate". Hier werden Besitztümer, Schulden und Gewinne verwaltet, die Rechte an Jacksons Ton und Bild streng überwacht. Hier kommen die knapp 90.000 Dollar Unterhaltskosten her, mit denen Großmutter Katherine ihre Enkel - den 13-jährigen Michael Joseph Jr. (genannt Prince), die 12-jährige Paris Michael Katherine (genannt Paris) und den achtjährigen Prince Michael II. (genannt Blanket) - großzieht. Die Kinder, durch den Tod des Vaters in die Öffentlichkeit gerissen, sollen in diesem Jahr erstmals auf eine private Schule gehen.

Die Kindererziehung ließ Granny Jackson übrigens doch genug Zeit, um ein Buch zu schreiben. "Never Can Say Goodbye" (genau, wie der Jackson-5-Song) erscheint selbstredend pünktlich zum Todestag und ist für knapp 60 Dollar nur auf einer speziellen Fan-Website zu bestellen. Sie habe über ihren Sohn, nicht den Popstar schreiben wollen, so die Mutter, die bereits 1990 über die ganze Familie einen Zuckerguss in Buchform gekippt hat: "My Family: The Jacksons".

Joe Jackson und Conrad Murray

Währenddessen sitzt der allgemein verhasste und nach dem Willen seines Sohnes ohne jeden Anspruch hinterlassene Vater Joe Jackson in Las Vegas und versucht, doch noch irgendwie aus seinem abgestorbenen Spross Geld zu pressen. Ein Museum mit Hotel und Casino will er bauen. Zum Gedenken natürlich. Ob er das überhaupt darf, ist noch unklar.

Und die Fans? Die geben ihrer Trauer freien Lauf. Hassen Conrad Murray, Michael Jackson persönlichen Arzt, der ihm das Betäubungsmittel spritzte, und der sich nun vor Gericht verantworten muss. Und lieben uneingeschränkt und offenbar stetig zunehmend ihr Idol, das durch den frühen Tod in gewisser Weise auch gereinigt scheint.

Entertainment-Journalist Jim Moret nennt es den Elvis-Effekt. Der Mann mit der Schmalztolle war Jahre vor seinem Tod mit gerade mal 42 Jahren ein Wrack, übergewichtig, drogenabhängig und nur noch eine traurige Karikatur des Showstars, der einst die ganze Welt mit seinem Hüftschwung angeschubst hat. Doch als er starb, schienen die tragischen Jahre plötzlich vergessen. In Erinnerung blieben die 50er und 60er, der schöne junge Mann mit einem Blick wie warme Schokolade und einer Stimme, die Frauen zum Schreien brachte.

Der Elvis-Effekt

Das Gleiche passiere nun mit Michael Jackson, sagte Moret im Interview mit dem US-Sender CNN. Spätestens seit dem Missbrauchsprozess 2005 sei Jackson ein gebrochener Mann gewesen. "Er war eine Zielscheibe des Spotts, eine Pointe für Comedians, er galt als Jemand, der mal jemand war. Sein Tod hat ihn auf eine Ebene mit Elvis katapultiert. Er ist jetzt eine Legende." Alle Fragen, die sein Lebensstil aufgeworfen habe, seien durch seinen Tod vergessen.

Und tatsächlich: Nie war es einfacher, Michael Jackson zu verehren, als heute. Ein Jahr nach seinem Tod ist "Jacko" genau der, der er für jeden Einzelnen sein soll. Er kann sich ja nicht mehr wehren. Etwas Besseres konnte der Unterhaltungsindustrie überhaupt nicht passieren.