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All Saints sind zurück: Warum 90er-Comebacks auch okay sein können

Sie hatten mehr Soul und Stil als die Spice Girls, und wollten nicht nur nett sein: All Saints waren eine der besten Girlgroups, die die 90er zu bieten hatten. Jetzt sind sie wieder da.

Zurück in der Gegenwart: Melanie Blatt, Natalie Appleton, Shaznay Lewis und Nicole Appleton von den All Saints.

Zurück in der Gegenwart: Melanie Blatt, Natalie Appleton, Shaznay Lewis und Nicole Appleton von den All Saints.

Als Neon, Tattooketten und Krepphaare zurückkehrten, wünschte ich mir, man hätte die Phänomene der 90er in einen Giftschrank gesteckt. Dann meldeten sich All Saints auf Twitter an und verkündeten ihre Rückkehr, mit einem neuen Album, in derselben Konstellation. Man könnte jetzt streiten, ob die All Saints eher ein End-90er oder frühe 2000er Erscheinung nennt, die Quintessenz dessen ist aber dieselbe: juchei.

All Saints, das waren vier junge Frauen, die Schwestern Nicole und Natalie Appleton, Melanie Blatt und Shaznay Lewis. Sie fanden in den modischen Wirren der 90er stets das coole Understatement. Ihre Musik siedelten sie zwischen R&B, Pop und Soul an, Lieder wie "Pure Shores" oder "Black Coffee" kann man heute noch in die eigene Playlist integrieren, ohne beim Abspiele verschämt zu rufen "ist doch total ironisch."

Die Schwestern Appleton erlaubten den selbsternannten coolen Jungs der Stadt (Robbie Williams, Liam Gallagher von Oasis, Liam Howlett von The Prodigy) mit ihnen auszugehen. Und wenn die Damen mal schlechte Laune hatten, dann übespielten sie das nicht mit einem Traumfabriklächeln, sondern stritten sich auch mal vollmundig und medienwirksam. Schnell galten sie in der Presse als "bitchy", so wie das mit Frauen, die nicht immer nur brav grinsen, sondern insistieren, eben ist. "Wir wussten einfach nicht, damit umzugehen, plötzlich nicht nur befreundet, sondern auch Kollegen zu sein", erklärt Shaznay Lewis am Telefon. Den Mythos, dass sie sich 2001 trennten, nachdem sie sich bei einem Shooting um eine Jacke stritten, bestätigten sie kürzlich. Eine Designerjacke als Symptom. "Wenn wir uns damals nicht getrennt hätten, hätten wir unser Freundschaft geschädigt." 2006 versuchten sie sich an einem Comeback – der Erfolg war eher mäßig.

Und so mussten erst die Backstreet Boys anrufen und All Saints dazu einladen, als Support Act auf ihrer Jubiläumstour 2014 zu spielen, dass die Frauen erkannten: Wir müssen es noch mal versuchen., "Wir hatten so viel Spaß, dass wir dachten: Wir müssen zurück ins Studio", so Lewis. Der 90er-Nostalgie-Motor war angesprungen.

Ein Neuanfang, also. All Saints verschwanden, kurz bevor das Zeitalter der Social Media anbrach, jede noch so kleine Regung eines mehr oder weniger bekannten Gesichtes wird heute geteilt und kommentiert, oder mit Häme bedacht. Gleichzeitig alterten Fans und All Saints gleichermaßen. Die Bandmitglieder, alle in ihren 40ern, haben alle Kinder, die zum Teil erwachsen sind.

Eine Hälfte der All Saints wohnt jetzt auf Ibiza

Nicole Appleton hatte sich inzwischen von Oasis-Rüpel-Liam getrennt, nachdem sie erfuhr, dass er ein Kind mit einer Anderen bekam. Sie zog zu ihrer Bandkollegin Melanie Blatt nach Ibiza, "erstaunlich. Davon hatten wir schon geträumt, als wir jünger waren", sagt Appleton. Manchmal verbringen sie ganze Tage damit, Serien zu schauen. „Wir sind wie Joey und Chandler von ‚Friends’ “; scherzt sie. Shaznay Lewis hingegen fühlt sich derzeit vor allem als eines: Mutter. „Alle anderen Termine sind zweitrangig.“

Ist das die neue Milde des fortgeschrittenen Alters? "Wir haben die letzten Jahre genutzt, an unserer Freundschaft zu arbeiten", erklärt Shaznay Lewis, als konferiere sie aus einer Familienaufstellung. Streitereien sind passé, man sei jetzt ehrlich zueinander, könne seine Gefühle ausdrücken, verstehe sich selbst - und die anderen sowieso.

Es klingt, als wollten sie diesmal alles richtig machen. Aber kann das das funktionieren? Lewis sagt, sie seien immer echt gewesen, und werden es auch in Zukunft sein. Auf „Red Flag“, der neuen Platte klingt alles ein bisschen poppiger, ein bisschen synthiemäßiger, All Saints Version 2016 sozusagen. Und auch vor ein bisschen Pathos haben sie nicht geschreckt, soll ja jeder hören, dass sie reifer und weiser sind. Tatsächlich kehrt aber blitzschnell das alte All Saints-Gefühl, irgendwo zwischen Sonnenschein und Alles-egal zurück, schon bei den ersten Tönen des neuen Songs "One Strike".

Willkommen zurück in der Gegenwart. Diesmal nur bitte ohne Kleiderzank.

 Das Album "Red Flag" ist am 8. April bei Universal Music erschienen.