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Bayreuther Festspielbilanz: Das "Projekt Schlingensief" ist gelungen

In diesem Jahr genossen die Bayreuther Festspiele eine Medienpräsenz wie schon lange nicht mehr. Zu verdanken hat der "Grüne Hügel" dieses neu erwachte Interesse vor allem einer Person: Christoph Schlingensief.

Wenn sich für den "Tannhäuser" zum letzten Mal in dieser Saison im Bayreuther Festspielhaus der Vorhang hebt, geht eine der spannendsten Spielzeiten seit Jahren am "Grünen Hügel" zu Ende. Zu verdanken ist dies der "Parsifal"-Neuinszenierung von Christoph Schlingensief. Wie selten zuvor ein Regisseur hat der Berliner Theaterprovokateur die Gemüter erhitzt.

Schlingensief polarisierte, doch er sorgte längst nicht für den von vielen erwarteten Skandal. Seine auf afrikanische Traditionen und Mythen verweisende Interpretation von Richard Wagners Spätwerk stieß beim überwiegend konservativen Festspielpublikum durchaus auf Interesse. Doch fühlten sich viele Besucher von der an Anspielungen und Symbolen überreichen Inszenierung überfordert und kritisierten, Orchester und Sänger würden in den Hintergrund gedrängt.

Heftiger Streit mit "Parsifal"-Sänger

Auch außerhalb der Bühne machte Schlingensief durch seinen Streit mit dem "Parsifal"-Sänger Endrik Wottrich, der die Inszenierung mehrfach scharf attackierte, Schlagzeilen. Wegen des Zwistes durfte der Regisseur bei den Aufführungen sogar nicht mehr hinter die Bühne. Doch trotz manchen Ärgers kann sich Festspielchef Wolfgang Wagner zu Schlingensiefs Verpflichtung gratulieren. Nach der Absage des dänischen Filmemachers Lars von Trier, der 2006 den neuen "Ring" inszenieren sollte, war Wagner mehr denn je auf ein Gelingen des "Projekts Schlingensief" angewiesen. Ein Scheitern hätte unabsehbaren Schaden für die Festspiele bedeuten können.

So jedoch wurde der Mut, sich auf das ungewöhnliche Experiment einzulassen, als positives Zeichen für die Erneuerungskraft des Festivals gewertet. Ohnehin ist die Anziehungskraft ungebrochen. Sämtliche 30 Aufführungen waren wie immer ausverkauft, knapp 60.00 Besucher - davon etwa ein Drittel aus dem Ausland - pilgerten nach Bayreuth. Bestellungen lagen aus 84 Ländern vor. "Bayreuth hat eine 'Gemeinde' von wirklichen Fans", bilanziert Festspielsprecher Peter Emmerich.

Warten auf den neuen Ring-Regisseur

Diese Fans warten nun mit Spannung darauf, wer der "Ring"- Regisseur für 2006 wird. Von Steven Spielberg über Dieter Dorn bis zu Tankred Dorst sind jede Menge Namen im Gespräch. Wagner hatte angekündigt, die Verpflichtung zum Ende der diesjährigen Festspiele bekannt zu geben - nun wird sie sich aber doch noch verzögern. Das Regieteam einschließlich Bühnen- und Kostümbildner stehe noch nicht komplett fest, sagte Festspielsprecher Emmerich.

Sicher ist dagegen, dass die nächsten Festspiele am 25. Juli 2005 mit einer Neuinszenierung von "Tristan und Isolde" in der Regie von Christoph Marthaler eröffnet werden. Am Pult steht der japanische Dirigent Eiji Oue. In den Titelrollen werden der amerikanische Tenor Robert Dean Smith und die schwedische Sopranistin Nina Stemme zu hören sein, wie die Festspiele am Freitag mitteilten.

Smith ist bereits seit Jahren als Stolzing, Lohengrin oder Siegmund eine feste Größe in Wagners Personalplanungen. Auch Stemme war bereits im Festspielhaus zu Gast: In den 1990er Jahren sang sie die Freia im "Rheingold". Im "Ring"-freien Jahr - die Inszenierung von Jürgen Flimm nahm in diesem Jahr Abschied - stehen außerdem "Parsifal", "Der fliegende Holländer", "Tannhäuser" und "Lohengrin" auf dem Spielplan. Der Kartenvorverkauf beginnt am 15. Oktober.

Stephan Maurer, DPA / DPA