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Bill-Kaulitz-Doppelgänger: Hilfe, ich bin ein Star geworden

Um raus aus der Provinz zu kommen, legt sich Timo Barth mit 17 auf den OP-Tisch. Mit seiner neuen Nase sieht er aus wie Bill Kaulitz von Tokio Hotel. Das Jugendmagazin "Bravo" inszeniert ihn als dessen Doppelgänger, Timo tingelt von Talkshow zu Talkshow. Doch wer will schon der ewige Zweite sein?

Von Sebastian Winter

Als er 17 ist, ruft Timo Barth beim renommierten Schönheitschirurgen Werner Mang an. "Ich habe die Nase von Papa, schief und höckerig", sagt Timo. Mang willigt ein, ihn für 8400 Euro zu operieren. Im Juli 2004 liegt Timo auf dem OP-Tisch. Er bekommt Spritzen in die Nase, deren Flüssigkeit das Gewebe von innen auflöst. So zieht sich das Organ zusammen.

Nasen-OP statt Führerschein

Timo erinnert sich noch gut an die Schmerzen. "Klar, tut das weh, wenn die Narkose nachlässt", sagt Timo, "das ist wie in einem Horrorfilm", und lacht, wenn er das erzählt. Er hat eine hohe, klare Stimme. 3400 Euro hat Timo für die Operation zusammengespart, die restlichen 5000 Euro schenkte ihm seine Patentante zum 18. Geburtstag. Gedacht war das Geld für den Führerschein und ein Auto. Doch Timo hat das Geld nicht einfach nur für eine neue Nase ausgegeben. Für ihn erweist sich die Operation als eine Investition in die eigene Zukunft: Denn er will raus aus der schwäbischen Provinz, raus aus Aalen-Fachsenfeld, wo der Vater bei den Schwäbischen Hüttenwerken arbeitet und die Mutter im Landratsamt putzt.

Alle drei Monate zum Lippen-Aufspritzen in die Klinik

So stellt sich Timo seine Zukunft nicht vor. Er will ein Star werden, "am liebsten Model". Mit seiner schmalen Figur, den schwarzen Haaren und dem hübschen Gesicht hat er eine beinahe feminine Ausstrahlung. Er trainiert in einem HipHop-Kurs der Aalener Tanzschule. Seine Tanzlehrerin attestiert ihm zwar Talent in den lockeren Hüften, zu den Fortgeschrittenen schafft er es jedoch nicht. Er hat keine Zeit zum Üben - muss sich auf seinen Schulabschluss konzentrieren. Nach dem Hauptschulabschluss absolviert er eine Friseurlehre, die ihm aber nicht viel Spaß macht.

Der Zufall kommt ihm zu Hilfe, nach der Operation bei Professor Mang. "Da sagte der Professor plötzlich zu mir, dass ich aussehe wie Bill Kaulitz von Tokio Hotel." Tatsächlich sieht Timo dem Teenie-Star verblüffend ähnlich, wenn er sich schminkt. Und das macht er jetzt stundenweise, jeden Tag. Seit Anfang des Jahres ist er Zivi in einer Aalener Klinik, Station 48, Chirurgie. Um sieben Uhr beginnt seine Frühschicht. Timo steht um vier Uhr auf, um sich zu stylen. Er benutzt Make-up, Rouge, Wimperntusche und "auf die Spitzen meiner Fingernägel kommt Klarlack." Alle drei Monate muss er bei Professor Mang die Lippen mit dem Füllmittel Puragen neu aufpolstern lassen.

Sekt schlürfen mit dem Michael-Jackson-Double

Der Professor bleibt in der Zwischenzeit nicht untätig: Er berichtet dem Jugendmagazin "Bravo" von seinem Schützling. Dort setzt man ihn sofort als Bill-Kaulitz-Doppelgänger in Szene. Timo trifft Kaulitz im Backstage-Bereich von Tokio Hotel, als die Band in München vor tausenden kreischenden Mädchen spielt. "Bill ist ein bisschen erschrocken, als er mich sah", sagt Timo. Die beiden könnten Zwillinge sein in jenem Moment, doch sie unterhalten sich kaum. "Das ist auch überhaupt nicht meine Musikrichtung. Ich höre House oder HipHop. Wenn ich Snoop Dogg oder die Pussycat Dolls getroffen hätte, das wäre toll gewesen."

Egal, die Maschine rollt. Timo bekommt einen Exklusiv-Vertrag mit einem TV-Boulevardmagazin und darf mit dem Flieger von Stuttgart nach Berlin zur Doppelgänger-Show eines Musiksenders. Zwei Bodyguards begleiten ihn dort ins Studio. "Da hab ich dann mit dem Michael-Jackson-Double Sekt geschlürft und Erdbeeren gegessen", sagt Timo. Das Frauenmagazin "Cosmopolitan" druckt Autogrammkarten für ihn. Timo hat die Wahl, den Pro-Sieben-Doku-Soaps "Lebe Deinen Traum" und "We are Family" sagt er ab.

So langsam kommen die Liebesbriefe

Jetzt ist er ein kleiner Star, zumindest in seiner Heimatstadt Aalen. Er holt Brötchen beim Bäcker, die Leute in der Schlange erkennen ihn. Er läuft mit Diorbrille über die Straße, Mädchen rennen ihm kreischend hinterher. Vielleicht wissen sie gar nicht, wen sie da vor sich haben, dass das nur der Timo ist, der Junge aus Aalen-Fachsenfeld. Zwei Liebesbriefe hat er schon bekommen, einen davon schrieb eine über 30-Jährige. Timo hat ihn nicht beantwortet. "Ich wollte ihr keine Hoffnungen machen", sagt er.

Tokio Hotel sollte sein Schlüssel für die Zukunft sein. Doch nun, da die Tür zum glamourösen Leben auf ist, zumindest einen Spalt weit, will Timo nicht weiter im Schatten von Kaulitz stehen. "Ich wollte Bill gar nicht mehr ähnlich sehen. Mich nervt das total, immer wieder mit ihm verglichen und als Bill-Doppelgänger dargestellt zu werden", sagt Timo. "Ähnlich sind doch nur unsere Augen." Ruhm, der zum Fluch wird? Vielleicht aber auch der Sprung in eine neue Karriere: Ab November ist Timo Barth bei einer renommierten Modelagentur in München. Dann wohnt er in einer Model-WG. In eineinhalb Jahren lernt er laufen, sprechen, Interviews geben, schauspielern. Für die große Bühne. Er träumt von Paris, London und von New York.

Milchsäure für Wangen und Stirn

Dafür leidet Timo gerne. Vor einer Woche hat er Spritzen in die Wagen, in die Augenpartien und in die Stirn bekommen. Soft-Aging heißt die Methode auf Milchsäurebasis. Sie stammt aus den USA und wird auch von Hollywoodstars angewendet, bevor sie zu großen Galas gehen. Die Kosten, immerhin 1400 Euro, hat Mang Timo erlassen. Schließlich war auch eine Reporterin samt Kamerateam da. Im Herbst muss Timo noch einmal zu Professor Mang, die Augen straffen lassen. Und die Lippen spritzen. Letzteres ist inzwischen kostenlos - doch der Preis ist hoch: Wer weiß schon, welche Langzeitfolgen Schönheitsoperationen für die Gesundheit haben.

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