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Studie: Menschen ohne Makel

Von der barock-fülligen Frau zur Kate-Moss-Figur - das Schönheitsideal hat sich über Jahrhunderte entschieden gewandelt. Eine aktuelle Studie beweist: Als attraktiv gelten Frauen, die reine Kunstprodukte sind.

Schon Babys wissen, was schön ist. Als der britische Psychologe Alan Slater 100 Säuglingen die Fotos von einem attraktiven und einem weniger hübschen Gesicht zeigte, blickten die Kleinen deutlich länger auf das schönere Gesicht. Fazit: Der Sinn für Schönes ist angeboren. Doch was macht Schönheit eigentlich aus? Die Frage fasziniert alle: Forscher und Filmemacher, Künstler und Model-Scouts. Wobei es hauptsächlich um die äußere Erscheinung geht.

Nach einer neuen Studie der Universität Regensburg stehen Normalsterblichen in puncto Schönheit schwere Zeiten bevor. Bei einem Experiment wurden ausgewählten Betrachtern Bilder von Frauengesichtern gezeigt. Allerdings: Die Frauen, die als die attraktivsten beurteilt wurden, existierten in der Realität überhaupt nicht. Die Porträts wurden durch spezielle Techniken verändert, Fältchen, Hautunreinheiten und Unregelmäßigkeiten verschwanden.

Schönheiten auf Titelseiten sind computertechnisch bearbeitet

"Es sind reine Kunstprodukte - Ergebnisse moderner Computertechnologie", schreiben die Forscher. "Auf Grund unserer Ergebnisse müssen wir bezweifeln, dass gegenwärtig die Attraktivität von Menschen noch mit Maßstäben bemessen wird, die sich an realen Gesichtern herausbilden." Schon jetzt strahlten von den Titelseiten der Fernsehzeitschriften computertechnisch bearbeitete Schönheiten. Selbst attraktivste Originalgesichter fallen bei solchen Vergleichen durch.

Entsprechend hart ist es im wahren Leben, etwa im Traumjob Model. Maximal fünf Prozent der Bewerberinnen haben nach Angaben der Hamburger Agenturchefin Heidi Groß das Zeug dazu. Sie muss es wissen, denn die Gründerin der Agentur Model-Management arbeitet mit Top-Schönheiten wie Claudia Schiffer, Heidi Klum und Gisele Bündchen zusammen. Nach wie vor gilt: Wer auf den Laufsteg will, sollte mindestens 1,75 Meter groß sein und ein großflächigeres Gesicht für verschiedene Schminktechniken haben. Gefragt ist der slawische Typ mit hohen Wangenknochen. "Der Osten hat ein großes Potenzial für den Modelmarkt", bestätigt die Agenturchefin.

Makellose Haut spielt bei Männern und Frauen eine große Rolle

Schöne Frauen besitzen nach neuen Untersuchungen eine braunere Haut, ein schmaleres Gesicht, vollere und gepflegtere Lippen. Sie sollten einen weiteren Augenabstand, dunklere und schmalere Augenbrauen, höhere Wangenknochen und eine schmalere Nase haben. Ähnliches gilt für attraktive Männer, jedoch sollten diese zudem einen markanteren Unterkiefer und ein markanteres Kinn haben. "Einen starken, positiven Einfluss auf die Attraktivität hat eine glatte, makellose Haut - nicht nur bei Frauen, sondern ebenso bei Männern", fanden die Regensburger Psychologie-Studenten heraus.

Israelische Wissenschaftler entwickelten jüngst ein Computerprogramm zur Messung weiblicher Schönheit. Hollywood-Star Angelina Jolie erhielt mit 6,8 fast die Bestnote, Schauspielkollegin Jennifer Aniston dagegen "nur" 5,3. Ansonsten wird der Schönheit - speziell in den USA - eben nachgeholfen. Ob Schauspielerinnen oder Sängerinnen, vielen schwant: Zu schön, um wahr zu sein.

Die Schönheitschirurgie boomt, auch in Deutschland. Seit der Jahrtausendwende stellt Prof. Werner Mang, Schönheitschirurg und Chef der Bodenseeklinik in Lindau, seltsame Veränderungen fest. Die Wünsche werden abstruser, die Patienten immer jünger, sagt Mang. "Es ist keine Seltenheit, dass heute zwölfjährige Mädchen in die Sprechstunde kommen und darüber klagen, dass sie sich mit ihrer Nase oder ihrem Busen nicht wohl fühlen. Ebenfalls ist es keine Seltenheit, dass heute Frauen mit 80 Jahren ein Facelift wollen oder gar einen straffen Busen."

Trend geht weg von Megabusen und Schlauchbootlippen

Doch Schönheit ist auch Ansichtssache. "Der Trend geht Gott sei Dank wieder weg von Megabusen, Stupsnasen (Barbienasen) und von den aufgespritzten Schlauchbootlippen", beobachtet der Chirurg. Beim Hinterteil darf es dagegen ruhig etwas mehr sein. "Seitdem die Schauspielerin Jennifer Lopez berühmt ist, wollen viele Frauen in Deutschland einen größeren Po", sagt Mang. Inzwischen sind auch die Männer auf dem Vormarsch. Mang: "Jeder Fünfte, der heute verschönert wird, ist ein Mann - Tendenz steigend."

Jutta Lauterbach/DPA / DPA
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