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Schönheits-OPs: Bomben statt Brüste

Vielleicht ist eine gehörige Portion Schadenfreude mit dabei, doch in den USA boomen Websites über missglückte Schönheitsoperationen. Gerade Celebrities wird dabei schonungslos ins Dekolletee oder auf die Nase geschaut.

Von Jörg Isert

Dass Schönheitschirurgie ein hässliches Geschäft sein kann, weiß die Welt spätestens seit Michael Jackson. Der Ex-King of Pop ist nur das prominenteste von zahlreichen Chirurgen-Opfern. Entsprechend beschäftigen sich inzwischen dutzende US-Internetsites mit daneben gegangenen OPs von Stars. Und weil von den meisten "Celebrities" Fotos aus jeder Lebensphase vorhanden sind, kommt es auf Seiten wie awfulplasticsurgery.com zu erstaunlichen Enthüllungen: Ob Pop- oder Filmstars, fast alle haben etwas machen lassen. Und: "Plastic surgery" hat viel mit Plastik zu tun.

Es gibt zwei Kurzfilmchen, die einen schaudern lassen. Das Erste: Auf ihren jenseits-von-gut-und-böse-Look angesprochen, wirft Jocelyn Wildenstein einem Reporter den Satz "Das ganze Leben ist extrem, ob in der Politik oder in der Schönheitschirurgie" entgegen und lacht schallend. Mit ihrem straff gepumpten Antlitz sieht die Milliardärsgattin dabei wie das Michelin-Mädchen aus. Wobei Mädchen nicht ganz stimmt: Tatsächlich ist Wildenstein 69 - auch wenn ihr Alter nicht mehr auszumachen ist.

Eher eine Comic-Figur statt Marylin Monroe

Oder Amanda Lepore. Die New Yorkerin war im früheren Leben ein Mann. Weil sie aber immer eine "Mischung aus Jessica Rabbit und Marylin Monroe" sein wollte, ließ sie sich die Brust zum Doppel-D hochtunen - der Fragestellerin entfährt an dieser Stelle ein anerkennendes "Oh my". Und zu guter Letzt noch die Rippen brechen, der schlankeren Taille wegen. Jetzt sieht Amanda La Poche zwar nicht nach Marylin Monroe aus, doch zumindest wie eine Comicfigur. Und das ist Jessica Rabbit ja auch. Mission erfüllt.

Die unheimlichen Videoclips, sie sind zu finden bei awfulplasticsurgery.com. Die Website, deren Name übersetzt schreckliche Schönheitschirurgie bedeutet, ist eines von zahlreichen US-Internetangeboten, auf denen die Verschlimmbesserungen an US-Stars dokumentiert werden. Ins Leben gerufen wurde awfulplasticsurgery vor vier Jahren von der 30-jährigen Tara: "Die Idee kam mir, als ich in einem Forum Kommentare von Usern las, die sich über nicht notwendige Operationen bei Stars wie Al Pacino ausgelassen haben. Ich dachte, es wäre witzig, eine Liste mit Celebrities zu machen, an denen herum gepfuscht wurde."

Eine Barbie-Puppe im XXL-Format

Ursprünglich gab es nur vorher-nachher-Fotos, seit neuestem sind auch Kurzfilme auf der Website anklickbar. Etwa 200.000 User surfen die Seite täglich an, womit awfulplasticsurgery eines der erfolgreichsten Angebote der schrecklich-schönen Art ist. Als "am häufigsten nachgefragte Berühmtheit" läuft eine 40jährige Schauspielerin: Glaubt man awfulplasticsurgery und weiteren Surgery-Sites, dann ist von der ursprünglichen Nicole Kidman nicht mehr viel übrig. Es gibt aufschlussreiche Fotos: Einst, der Film hieß "Dead Calm", hatte Kidman einen welligen Rotschopf und feine Gesichtszüge, eine kleine Kuhle auf der Nasenspitze und schmale Lippen. Inzwischen, der Film heißt Realität, ähnelt die Australierin einer Barbie-Puppe in XXL-Format. Die Wangenknochen prominenter, die Lippen einen Tick voller, das Haar komplett erblondet und glatt gebügelt. Was in der 40jährigen vor sich geht, man weiß es nicht mehr so recht: Bei der Oscar-Verleihung schien ihr Gesicht schockgef! rostet. Nicht schrecklich zwar, aber erschreckend - von der attraktiven Frau zur gemachten Schönheit.

Hinter Kidmans keimfreien Look vermutete Doktor Anthony Youn "möglicherweise" den Lippenauffüller Restylane - "die Lippen bewegten sich nicht ganz normal". Eine eventuelle Brustvergrößerung - "falls ja, dann hat sie es nicht übertrieben." Und das klassisches Nervengift-Problem: "Botox Brows" - Botox-Augenbrauen. Wird das Gift falsch gesetzt, scheinen die Brauen aus der Spur geraten. Bei einem denkwürdigem Gerichtsauftritt Michael Jacksons Ende 2002 - über seiner Nasenspitze schien ein fleischfarbenes Pflaster zu kleben - vermutete Youn gar, dass ein Implantat die Haut durchbohrt haben könne. Autsch.

Amerikas Werner Mang

Tony Youn meint zu stern.de: "Sie haben recht, Amerika ist besessen von Schönheit und dem äußeren Erscheinungsbild. Und daraus hat sich ein Interesse an plastischer Chirurgie entwickelt, besonders wenn es um Berühmtheiten geht." Youn, ein Mann vom Fach, betreibt seit eineinhalb Jahren das Weblog celebritycosmeticsurgery.blogspot.com: "Damals gab es noch keine Weblogs, in denen sich Schönheitschirurgen mit operierten Stars beschäftigten. Ich dachte, bei dem immensen Interesse an dem Thema wäre es an der Zeit, dass ein Arzt über mehr schreibt als nur langweilige medizinische Details."

Youn hält die meisten Blogs gleicher Machart für trocken und humorlos: "Sie fokussieren sich auf Eigenwerbung. Dem wollte ich etwas entgegen setzen." Der Chirurg hat gut reden: Dank seines Blogs ist der dynamische Doc innerhalb kürzester Zeit zu Amerikas Werner Mang aufgestiegen. Wenn regionale, nationale oder internationale Medien eine Meinung vom Fach zu gestrafften Stars und Sternchen brauchen, klingeln sie bei Youn durch. Der Mann ist überall, ob in "In Touch", "National Enquirer" oder beim Fernsehsender "Entertainment Television". Youns Weblog ziert ein rot markierter Hinweis, in dem auf Interviewmöglichkeiten mit dem allzeit gesprächsbereiten Doc hingewiesen wird.

Der Ex-Mann von Liza Minelli beschwerte sich

Youn, der - fernab von Hollywood - in Michigan schönheitelt, schreibt die Blog-Einträge in seiner Freizeit, "wenn mein Sohn im Bett ist". Der Nachteil des Web-Tagebuchs: "Neben viel Lob gibt es auch Feedback von Menschen, die ich als "Haters" bezeichne. Sie sind rundherum gegen Schönheitschirurgie, egal für wen. In Schönheitschirurgen sehen sie geldgierige Gauner. Die meisten unserer Zunft sind das aber nicht." Ein weiteres Problem: Manch' eine Spekulation erwies sich als Boomerang. In einem Fall musste ein Klatschmagazin die Druckerpresse stoppen: Ein Topstar, der in einer Klinik gesehen worden war, drohte mit einer Klage, falls Youns Kommentar erscheine.

Auch Tara bekam schon Schwierigkeiten: "Die Mutter der Sängerin Debbie Gibson war absolut aufgebracht, als ihre Tochter auf meiner Site auftauchte. Dabei habe ich geschrieben, dass Debbie besser aussieht als zu ihren Karriere-Hochzeiten." Weitere Zwischenfälle: Der Ex-Mann von Liza Minelli schickte einen Brief, in dem er verlangte, nicht mehr "hässlich" genannt zu werden. Und als awfulplasticsurgery vor drei Jahren eine Brustvergrößerung bei Britney Spears vermutete, war diese schwanger.

Jocelyn Wildenstein sieht aus wie eine Katze

Der Tonfall bei awfulplasticsurgery ist erbarmungslos. Sharon Stone, die nach eigener Auskunft nie an sich werkeln ließ, titulierte Tara als fischlippigen "Crypt Keeper". Das ist eine mumienähnliche Gestalt aus einer Horror-Fernsehserie namens "Geschichten aus der Gruft". Und Jocelyn Wildenstein läuft bei awfulplasticsurgery gar als "scariest celebrity". Dabei steckt hinter Wildensteins Hui-Buh-Look eine traurige Geschichte. Als ihr reicher Ehemann das Interesse an ihr verlor, beschloss sie, dass sie wie eine Katze aussehen wollte. Der Grund für den Irrsinn: Alec Wildenstein mag Löwen und anderes wildes Getier. In den USA läuft die spleenige Jocelyn heute als ""Tiger Woman", "Queen of the Jungle" oder "Bride Of Wildenstein" - einer Abwandlung des englischen Filmtitels von "Frankenstein Braut".

Tragik hin oder her, Tara findet: "Die Menschen, die auf meiner Site vorkommen, sind alle in einer sehr glücklichen Lage. Was ich schreibe, sollte an ihnen abprallen. Ich finde, dass es einen Preis gibt, den man zahlen muss, wenn man so viel Geld wie sie verdient. Zudem: Wenn eine Person berühmt wird, ist sie nach US-Recht öffentliches Eigentum - und damit "fair game"." Fair game: Vogelfrei. Tara selbst, im wahren Leben Verwaltungsassistentin in einer Internetfirma, hat darauf allerdings weniger Lust: Ihren Nachnamen verrät sie nicht. Genauso wenig will sie ein Foto von sich veröffentlicht sehen.

"Make Boobs not Bombs"

Und so bleiben es die Stars, die vogelfrei bei awfulplasticsurgery sind. Manchmal vielleicht zu Unrecht - einige "Additions" scheinen auf Verdachtsmomente hin auf die Website gehievt worden zu sein. So ist ein Unterschied zwischen dem früherem und dem heutigen Look von Sandra Bullock nicht zu erkennen. Zu ihr findet sich einer der neuesten Einträge.

Bei den meisten Promis allerdings gehen dem Leser die Augen auf - so sehr, als ob die eigenen Lider angezogen worden wären. Auf diversen Sites gibt es Uralt-Fotos von Stars wie Gisele Bündchen, Halley Berry, Angelina Jolie, Scarlett Johansson - und Paris Hilton. Darauf wirken deren Nasen erstaunlich, hm, anders. Und auch das starke Geschlecht kommt nicht zu kurz: Dirty Dancer Patrick Swayze wirkt inzwischen, als ob er im Windkanal ein dauerhaftes Zuhause gefunden hätte. Die legendären schorfigen Stellen an den Ohren von Michael Douglas sind genauso inkludiert. Es ist ein Jahrmarkt der Blutigkeiten.

Selbst Heidi Klum bleibt nicht verschont: Von Klum gibt es ein altes Bild, auf dem sie erstaunlich flachbrüstig wirkt. Immerhin läuft sie als "Supermodel With Good Implants" - bei, auch das gibt es, goodplasticsurgery.com. In Sachen Oberweite findet sich auch die schrägste Website. "Make Boobs not Bombs" - Brüste statt Bomben. Die Macher dieses Angebots wünschen sich, dass statt Bomben "bessere Brüste gebaut werden". Der Grund: "Bomben sind zerstörerisch und destruktiv. Brüste dagegen sind schön und bringen Freude in die Welt." Na denn.