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Meinung

Model-Castingshow: Nackt-Eklat um Kandidatin Mareike zeigt deutlich, was bei GNTM völlig falsch läuft

In der vergangenen Folge von "Germany's next Topmodel" fiel Kandidatin Mareike gleich doppelt auf – aus Sicht der Jury negativ. Unsere Autorin sieht das allerdings anders. 

GNTM 2020: Eklat um Kandidatin Mareike

GNTM-Kandidatin Mareike gehört zu den Favoritinnen der diesjährigen Staffel. In der vergangenen Folge stand sie aber nicht wegen ihrer guten Leistung im Fokus.

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Dass "Germany's next Topmodel" in vielerlei Hinsicht nicht mehr zeitgemäß ist, ist nichts Neues. Und da hilft es auch nicht, dass sich ab und zu ein Transgender-Model unter die Kandidaten mischt oder ein vermeintliches Curvy-Model. Dass bei der Castingshow noch viel Grundsätzliches schief läuft, hat die vergangene Folge mal wieder offenbart.

Denn da gab es gleich zwei Mal einen Eklat um Kandidaten Mareike. Zumindest aus Sicht der Jury. Als es ans Fotoshooting mit Starfotograf Yu Tsai ging, sollten sich die "Meeedchen" mitten auf dem berühmten Hollywood Walk of Fame in einen Glaskasten stellen und einen auf Marilyn Monroe machen. Von unten kam Wind, die Model-Anwärterinnen trugen Perücke und sollten sexy und Filmstar-like posieren.

"Weniger Rotlichtviertel, mehr Filmstar": Fotograf provozierte GNTM-Kandidatin Mareike

Kandidatin Mareike zählt bei GNTM eigentlich zu den Favoritinnen. Doch diese Aufgabe schien nicht so ganz ihr Ding zu sein. Zumindest fand das der Fotograf. Er rief ihr zu: "Weniger Rotlichtviertel, mehr Filmstar" in die Sache zu stecken. Und man merkte es der 24-Jährigen schon an: Dieser Spruch gefiel ihr so gar nicht. Später sagte sie, sie habe versucht, das an sich abprallen zu lassen. Auch als der Fotograf mit noch mehr frechen Sprüchen ("Wenn du lächelst, siehst du wie ein Goldfisch aus.") um die Ecke kam, versuchte das angehende Model noch, ihre Wut mit Lachen zu überspielen. Als aber auch das von Yu Tsai kritisiert wurde, ließ Mareike bei ihren Konkurrentinnen Dampf ab. Völlig verständlich. Kritik schön und gut, aber wenn man die so dreist verpackt, muss man das wirklich nicht hinnehmen.

GNTM: Beim "Action-Shooting" müssen sich die Kandidatinnen mit Pyrotechnik und Geländemotorrad ablichten lassen.

Heidi Klum sah das allerdings anders. Sie fand, Mareike hätte die Kritik einfach annehmen und umsetzen müssen und riet ihr: "Weißt du, was ich dann mache, wenn jemand was zu mir sagt? Dann mache ich noch bessere Fotos. Weil ich ihm zeigen will, dass ich viel geiler bin, als er denkt, dass ich bin." Ihre Einstellung in allen Ehren, aber heißt das wirklich, dass man Beschimpfungen und Vergleiche mit einer Prostituierten einfach so hinnehmen muss? Und sich nicht mal darüber ärgern darf? Heißt GNTM also, dass man als Kandidatin mundtot gemacht wird und alles annehmen muss, was einem die mehr oder weniger durchgeknallten Profis aus dem Business auftragen? Mareike jedenfalls erklärte dem Fotografen und der Klum, dass es wirklich respektlos war, was er gesagt hat. Das schien aber im vom oberflächlichen Modelbusiness offenbar vernebelten Bewusstsein der beiden nicht anzukommen. Das merkte auch Mareike und beendete die Situation souverän. 

GNTM-Kandidatin Mareike zeigte sich fast komplett nackt auf Instagram

Aber noch etwas störte die Verantwortlichen, wenn es um Mareike ging. Das kam auch beim Interview mit "taff"-Moderator Christian Düren zu sprechen: Mareikes Nacktfoto auf Instagram. Auf der Bilderplattform zeigte sich die 24-Jährige im Januar 2018 nur mit Pflastern an den Brustwarzen und im Intimbereich. Damit wollte sie die Tattoos auf ihrem Körper präsentieren. Und mal ehrlich: So skandalös ist das heutzutage doch wirklich nicht. Vor allem, weil das Heidi Klum in ähnlicher Form auf Instagram doch auch regelmäßig macht.

Heidi Klums fürchterliche Doppelmoral 

Aber gut, wenn das eine der Kandidatinnen macht, ist das natürlich ein handfester Skandal. Also erklärte der Moderator: "Ist man ein gutes Vorbild, wenn man sowas postet? Was ich da sehe, ist eine nackte Frau, die den Intimbereich zeigt." Und auch die Klum gab ihren Senf dazu: Wenn potenzielle Kunden das Foto entdecken würden, bekäme sie nie wieder Jobs.

Bitte was? Und warum zur Hölle müssen sich die jungen Frauen dann bei "Germany's next Topmodel" jedes Jahr aufs Neue nackig machen? Damit ihre Karriere schneller vorbei ist, als sie angefangen hat? Diese lächerliche Situation macht die fürchterliche Doppelmoral mehr als deutlich: Privat darf man sich also nicht völlig freiwillig halbnackt auf dem eigenen Account zeigen; in der TV-Show, in der man dazu gedrängt wird und in der Millionen Menschen zusehen, ist das aber Pflicht, um weiterzukommen? Das macht doch nun wirklich null komma null Sinn. 

Und was ist überhaupt mit der Liebe zum eigenen Körper? Ist es nicht eigentlich lobenswert, dass Mareike gerne freiwillig und auf ihre ganz eigene Weise ihren verzierten Körper präsentiert? Macht ein gutes Model nicht genau solch ein selbstbewusster Umgang mit dem eigenen Körper aus? Anstatt mal zu zeigen, wie modern man bei GNTM ist, wie man junge Frauen dazu ermutigt, zu ihrem Körper zu stehen und den Mund aufmachen zu dürfen, zeigt man mal wieder: Man hinkt in vielerlei Hinsicht zurück. Und beweist, warum es nur logisch ist, dass die Show an Zuschauern verliert. Es bräuchte nämlich eigentlich mehr Offenheit, Toleranz, Respekt, Vielfältigkeit und Positivity. Und nicht das Stürzen auf jeden vermeintlichen "Skandal", der überhaupt keiner ist. Und erst recht kein frecher Ton jungen, angehenden Models gegenüber. 

Model-Anwärterinnen wurden kategorisiert

Zu allem Überfluss mussten sich die Mädchen dann auch noch nach dem Interview mit Christian Düren Hashtags zuschreiben lassen, die für ihre Persönlichkeit stehen: #langweilig, #Zicke, #Spielerfrau, #Barbie oder #Alphatier etwa. Mit einem überdimensionalen Bilderrahmen mit dem jeweiligen Hashtag über dem Kopf mussten sie dann über den Laufsteg gehen und sich in Schubladen stecken lassen. Was bitte hat das mit dem Beruf als Model zu tun? Und können wir mal darauf eingehen, wie es denn sein kann, dass sich die Kandidatinnen auf der Website der Show nach ihrer Persönlichkeit bewerten lassen müssen? Wie soll das überhaupt funktionieren?

Am Ende musste dann auch noch die Kandidatin gehen, die zumindest wirklich etwas Diversität und positive Vibes in die Show brachte: Transgender-Model Lucy. Bleiben also noch 15 Kandidatinnen, die sich den teilweise völlig überholten Aufgaben stellen müssen und um den Sieg einer Show kämpfen, der es an allen Ecken und Enden an Modernität mangelt. Glückwunsch. 

Quellen: "Germany's next Topmodel" auf Prosieben / Instagram Mareike Lerch