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stern-Gespräch

Amerikanischer Popstar: Billy Joel über die Enteignung seiner jüdischen Familie, Bühnentriumphe und gescheiterte Ehen

Bald spielt Billy Joel eines seiner seltenen Konzerte in Deutschland, der Heimat seines Vaters. Der Pop-Entertainer über die Flucht seiner jüdischen Familie, die von den Nazis enteignet und deren Geschäft von Josef Neckermann übernommen wurde.

Billy Joel über die Enteignung seiner Familie durch Josef Neckermann

Billy Joel als lässiger 69-Jähriger. Am 30. Juni 2018 tritt er in Hamburg auf

Ein großes Anwesen in Oyster Bay, einem Ort an der Atlantikküste, eine Stunde östlich von New York. Billy Joel sitzt auf seiner Terrasse. Zigarre im Mund, Kaschmirschal um den Hals, ausgebeulte Jeans. Im Nachmittagslicht schaukeln die Boote der Austernfischer in der Bucht. Als Teenager arbeitete er selbst einen Sommer lang auf so einem Boot und fragte sich oft, welcher fette Geldsack wohl in diesem prächtigen Haus lebe. Heute gehört es ihm. Aus den unsichtbaren Terrassenboxen kommt klassische Musik.

Mister Joel, wir hören Beethoven. Warum?

Beethoven ist für mich der Größte. Etwas in seiner Musik bringt meine Seele zum Schwingen. Diese widerstreitenden Kräfte seiner Melodien. Das berührt mich zutiefst. Ich glaube, das ist mein deutsches Erbe.

Ihr Vater Helmut wuchs in Nürnberg auf und war der Sohn des jüdischen Unternehmers Karl Joel.

Ja, aber ich wusste als junger Mann viele Jahre nichts über die Herkunft meines Vaters. Es war eine Geistergeschichte, die wie ein Schatten über meiner Familie lag. Meinen Vater umhing nach dem Zweiten Weltkrieg etwas Düsteres, etwas Gebrochenes. Er sprach nicht viel. Stattdessen schloss er die Tür hinter sich und spielte Chopin oder Beethoven.

Was machte das mit Ihnen?

Ich war acht Jahre alt und setzte mich heimlich vor die Tür. Ich wurde high vom Zuhören. Ich dachte: Wenn ich so spielen könnte wie er, wäre ich ein glücklicher Mensch. Doch während mich die Musik in Euphorie versetzte, verdunkelte sich die Stimmung meines Vaters. Einmal sagte er mir etwas, was ich niemals vergessen werde: "Billy, das Leben ist eine Jauchegrube!"

Woher rührte seine Verbitterung?

Mein Vater war traumatisiert von dem, was ihm in seiner Kindheit widerfahren war. Er wuchs in einer Villa in Nürnberg auf und besuchte ein Elite-Internat in St. Gallen in der Schweiz. Doch diese Welt zerbrach, als die Nationalsozialisten an die Macht kamen. Im Park in der Nähe seines Elternhauses in Nürnberg beobachtete mein Vater Naziaufmärsche, die gegen Juden hetzten.

Billy Joel als junger Wilder am Klavier

Billy Joel als junger Wilder am Klavier

Ihr Großvater Karl Joel war zu dieser Zeit Eigentümer eines der größten Versandhäuser in Deutschland.

Er war ein erfolgreicher Geschäftsmann. Aus einem kleinen Wäscheladen in Süddeutschland hatte er in wenigen Jahren einen großen Textilversandhandel geschaffen. Es ist schwer, das Unrecht, was ihm damals widerfahren ist, nicht persönlich zu nehmen. Er wurde aus Deutschland vertrieben und gezwungen, sein Unternehmen an einen Deutschen abzugeben.

Der Mann, der sich das Geschäft Ihres Großvaters aneignete, hieß Josef Neckermann ...

... ein katholischer Unternehmer. Der wollte selbst in den Versandhandel einsteigen.

Josef Neckermann wurde nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem der wohlhabendsten Unternehmer des Landes.

Ja, und ich vermute, ohne das Unternehmen meines jüdischen Großvaters, das sich Neckermann mithilfe der Nazis unrechtmäßig aneignete, wäre dieser Aufstieg wohl kaum möglich gewesen. Er bot meinem Großvater 2,3 Millionen Reichsmark an. Das war ein Witz. Das entsprach nicht mal einem Fünftel des tatsächlichen Werts.

Josef Neckermann übernahm 1938 nicht nur die Firma Ihres Großvaters, sondern auch das Familienhaus in Nürnberg. Ihre Großeltern flohen in die Schweiz. Dort lebte die Familie in einer Einzimmerwohnung in Zürich.

Es ist mir unbegreiflich, aber mein Großvater hoffte damals immer noch, dass er zumindest ein wenig Geld aus dem Zwangsverkauf seiner Firma erhalten würde. Mit falschen Pässen war er in die Schweiz geflohen. Das war kurz nach der Reichskristallnacht.

Josef Neckermann bestellte ihn dann nach Berlin, um die Angelegenheit zu klären.

Ja, es sollte abgerechnet werden. Das waren die Worte. Mein Großvater fuhr tatsächlich noch einmal nach Berlin. Mitten ins finstere Herz von Nazideutschland. Dort traf er sich mit einem Mittelsmann in einem Café, aber wieder einmal erhielt er kein Geld. Mit sehr viel Glück schaffte es mein Großvater zurück in die Schweiz.

Ihre Familie konnte über Kuba in die USA fliehen, wo Sie 1949 in der New Yorker Bronx geboren wurden.

Das hat mir eine ironische Sicht auf die Dinge gegeben: Hätte es die Katastrophe des Zweiten Weltkriegs nicht gegeben, ich wäre heute nicht am Leben. Meine Eltern begegneten sich in Amerika, beide kamen aus Flüchtlingsfamilien. Amerika war ihre Rettung. Mein Vater Helmut sah das anders. Er hasste Amerika. Er fluchte über die materialistische, ungebildete Kultur des Landes. Für ihn war es Disney World ohne Herz.

Früher verteilte Billy Joel auch mal harte Schläge (r.); inzwischen lässt er es ruhiger angehen. L.: im April 2017 bei einem Konzert in New York

Früher verteilte Billy Joel auch mal harte Schläge (r.); inzwischen lässt er es ruhiger angehen. L.: im April 2017 bei einem Konzert in New York

Woher kam diese Verachtung?

Mein Vater hat nie überwunden, was meinem Großonkel Leon passierte. Er floh mit seiner Familie aus Deutschland auf dem Passagierschiff "St. Louis". An Bord waren knapp tausend Juden, die auf der Flucht vor den Nazis waren. Das Ziel war Florida, aber die USA wies die Flüchtlinge ab. Das Schiff musste also umkehren. Zurück nach Europa. Es war ein Todeskommando. Mein Großonkel Leon Joel wurde nach seiner Ankunft nach Auschwitz deportiert. Dort starb er.

Wie hat das Schicksal Ihrer Familie Ihr Bild von Deutschland geprägt?

Als ich das erste Mal für ein paar Auftritte in den 70er Jahren nach Deutschland kam, hatte ich sehr gemischte Gefühle. Heute ist Deutschland einer der Orte, wo ich am liebsten spiele. Ich bin gern dort und fühle mich verbunden mit der deutschen Kultur. Nachdem mein Vater meine Familie verließ, ging er zurück nach Europa, wo er noch einmal heiratete. Ich habe einen deutschen Halbbruder, Alexander, der in Hamburg lebt. Er ist Operndirigent. Ich lernte ihn erst als erwachsener Mann kennen. Heute stehen wir uns sehr nahe.

Barbra Streisand weigerte sich aufgrund des Holocausts über viele Jahrzehnte, in Deutschland zu singen.

Bei mir ist es anders. Ich bin niemand, der die Sünden der Väter auf die Kinder überträgt. Was geschehen ist, ist geschehen. Einmal habe ich sogar die Enkel von Josef Neckermann getroffen, weil ich verstehen wollte, wie sie über ihn denken.

Wie war diese Begegnung?

Ich hatte Angst davor, weil ich befürchtete, wir würden uns gegenseitig anschreien. Doch die Neckermann-Enkel waren sehr herzlich, aber auch ein bisschen naiv. Sie sagten: Unser Großvater wollte doch nur Gutes. Er habe die Wehrmacht, die vor Stalingrad feststeckte, mit Winterklamotten versorgt. Ich dachte: Das muss ja ein toller Trost für die russischen Soldaten gewesen sein, dass Neckermann die Firma meines Großvaters dazu nutzte, der Wehrmacht zu helfen, die gerade in Russland einmarschiert war. Aber ich trage den Neckermann-Enkeln nichts nach. Es war nicht ihre Schuld.

Ihr Vater Helmut wäre selbst gern Musiker geworden. Hat er seine unerfüllten Träume an Sie weitergegeben?

Er wäre gern ein berühmter Klaviervirtuose gewesen, aber dafür fehlte ihm das Talent. Ich bin jetzt 69 und denke so wie er damals: Ich bin ein lausiger Klavierspieler. Meine linke Hand ist unbrauchbar. Die reine Verschwendung. Da spiele ich nur mit zwei Fingern. Die rechte Hand macht einiges wett.

Familienbande: 1995 treffen sich Vater Helmut und Bruder Alexander (l.) mit Billy Joel (r.), der in Nürnberg ein Konzert gibt 

Familienbande: 1995 treffen sich Vater Helmut und Bruder Alexander (l.) mit Billy Joel (r.), der in Nürnberg ein Konzert gibt 

Dafür haben Sie es ziemlich weit gebracht: Sie haben mehr als 150 Millionen Alben verkauft und Welthits wie "Uptown Girl" oder "We Didn't Start the Fire" geschrieben.

Sagen wir es so: Ich bin kein besonders brillanter Klavierspieler, aber ich bin ein guter, sehr ehrgeiziger Songwriter.

Wie kommt es dann, dass Sie seit 25 Jahren keinen neuen Song mehr veröffentlicht haben?

Es war immer ein Kampf für mich, neue Songs zu schreiben. Das Klavier war für mich an manchen Tagen wie ein schwarzes Ungeheuer mit 88 Zähnen, das nach meinen Fingern beißt. Nach zwölf Alben hatte ich genug davon. Mein Kumpel Elton John sagte mir einmal: Billy, du bist ein fauler Hund! Wann machst du endlich mal eine neue Platte? Ich habe ihm gesagt: Elton, warum machst du nicht mal weniger Platten?

Das war nicht immer so. Mit 15 brachen Sie die Schule ab ohne Abschluss. Ihr größter Traum war ein Plattenvertrag.

Ich hatte lange Haare und spielte in einer Heavy-Metal-Band namens Attila. So bekam ich einen Plattenvertrag. Wir waren sehr laut und sehr schlecht. Das Album war eine Katastrophe. Ich ließ mich bald darauf für ein paar Wochen in eine Nervenklinik einweisen.

Wie kam es dazu?

Ich dachte, das Letzte, was die Welt braucht, ist ein weiterer erfolgloser Musiker. Ich stürzte mich in eine Affäre mit der Freundin des Bassisten meiner Band. Die Sache flog natürlich auf, und ich wurde von Schuldgefühlen erdrückt. Ich saß im Haus meiner Mutter und wollte mich umbringen. Ich hatte mir ein paar Pillen besorgt. Nembutal. Das Zeug wird benutzt, um Tiere einzuschläfern. Die spülte ich mit einer Flasche Möbelpolitur runter, die im Regal meiner Mutter stand. Da saß ich dann im Sessel und wartete auf den Tod. Stattdessen wurde mir nur furchtbar übel. Ich dachte: Du bist ein Versager. Du schaffst es nicht einmal, dich selbst umzubringen. So landete ich in einer Nervenklinik.

Sie wurden als Patient ein paar Wochen in der Psychiatrie des Meadowbrook Hospital auf Long Island bei New York behandelt. Was haben Sie dort erlebt?

Dort war es ein bisschen wie im Film "Einer flog über das Kuckucksnest". Da liefen hochgradig gestörte Leute herum, die sich für Jesus hielten. Doch der Aufenthalt hat mich verändert. Ich hörte auf, in Selbstmitleid zu versinken. Mich der Illusion hinzugeben, ich könnte eine Karriere als harter Langhaarrocker machen. Das war ich doch gar nicht. Schauen Sie mich doch an! Sehe ich aus wie ein Rockstar? Nein, eher wie Joe, der Pizzabäcker.

Sie gaben sich den Künstlernamen Bill Martin und heuerten als Pianist in einer Bar in Los Angeles an.

Ich spielte dort für kokainsüchtige Geschäftsmänner, Möchtegern-Hollywoodschauspieler und Edelprostituierte. Sie erzählten mir alles. Von ihren Ängsten, ihren Ehekrisen, ihren Sehnsüchten. Ich war der Therapeut am Klavier. Mit ein paar guten Songs konnte ich ihre Stimmung aufhellen.

Aus Ihren Erlebnissen als Barpianist entstand Ihr erster großer Hit "Piano Man".

Nie im Leben hätte ich gedacht, dass ausgerechnet dieser Song zu einem Popklassiker wird.

Der Song "Piano Man" zementiert bis heute Ihr Image als Mann der gefühligen Klavierballade.

Was natürlich eine Unverschämtheit ist! Doch so ein Kritikerquatsch bringt mich heute nicht mehr in Rage.

Früher zerrissen Sie auch mal schlechte Billy-Joel-Kritiken auf der Bühne.

Das ist lange her. Ich war damals ein junger, wütender Mann, der von aller Welt geliebt werden wollte. Einer, der mit einem Salto vom Klavier springt, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Auf der Bühne habe ich triumphiert, aber mein Privatleben war eine Katastrophe.

Sie sind zum vierten Mal verheiratet.

Ja. Das ist ein wunder Punkt in meinem Leben.

Woran scheiterten Ihre vorigen Ehen?

Ich habe mich zum Sklaven meiner Arbeit gemacht. Vielleicht hätte ich meinen Ehefrauen dieselbe Aufmerksamkeit widmen sollen wie meinen Songs. Ich weiß es nicht.

Immerhin haben Sie einige Ihrer berühmtesten Songs wie "Uptown Girl" oder "Just the Way You Are" Ihren Ex-Frauen gewidmet.

Ja, nur meiner aktuellen Frau Alexis habe ich noch keinen Song geschrieben. Aus guten Gründen.

Warum?

Schlechtes Omen. Keine Beziehung ging gut aus, bei der ein Song im Spiel war. Ich erinnere mich noch, wie ich meiner ersten Frau Liz in einem italienischen Restaurant zum ersten Mal den Song "Just the Way You Are" vorspielte. Es war ein Geschenk zum Geburtstag.

Der Song wurde später ein Welthit.

Ja, aber meine damalige Frau Liz fragte mich nach dem Vorspielen als Erstes, ob sie auch die Hälfte des Geldes an den Urheberrechten bekomme. Da wusste ich schon: Diese Ehe steht unter keinem guten Stern.

Ihre vierte Ehefrau, Alexis Roderick, ist 34 Jahre jünger als Sie. Wann merken Sie den Altersunterschied?

Seit ich eine künstliche Hüfte habe, mache ich keinen Salto mehr bei meinen Konzerten. Doch meine beiden kleinen Töchter, Remy und Della, sorgen dafür, dass ich nicht vergreise. Ich fühle mich heute glücklicher als jemals zuvor in meinem Leben.

Elton John hat gerade seine Abschiedstournee angekündigt. Wie lange wollen Sie noch auf der Bühne stehen?

So lange, wie die Leute mich sehen wollen. Seit 2014 spiele ich einmal im Monat vor 20.000 Zuschauern im Madison Square Garden in New York. Das ist der tollste Job, den man sich vorstellen kann. Am Nachmittag steige ich in den Helikopter, der mich nach New York bringt, und gegen Mitternacht bin ich wieder zu Hause. Elton geht jetzt drei Jahre lang auf eine Abschiedstournee um die Welt. Nichts für mich. Ich gehe gern früh schlafen.

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Wie heißt der Film?
Hallo, seit langer Zeit bin ich auf der Suche nach einem Film, den ich vor ca. 25 Jahren gesehen habe. Es ist ein französischer Film von oder in der Art wie Eric Rohmer. Der Titel könnte "Betrug" oder ähnlich lauten. Es geht um eine Dreiecksgeschichte, bei der ein Mann von seiner Ehefrau und seinem besten Freund betrogen wird. Der Film erzählt seine Geschichte in Rückblenden und steigert die Spannung dadurch, dass der anfangs unwissende Zuschauer von Rückblende zu Rückblende mehr Informationen erhält, bis er gegen Ende sogar wissender ist als die Darsteller. Wie ein roter Faden zieht sich dabei die Frage durch den Film: Wer hat zu welchem Zeitpunkt was gewusst. - Ab wann wusste der betrogene Ehemann, dass er betrogen wurde? - Ab wann wussten die Betrüger, dass der Ehemann wusste, dass er betrogen wurde usw. Der Film beginnt äußerst langatmig. Wenn ich mich recht erinnere mit einer 20-minütigen fast statischen Kameraeinstellung. Zwei Personen (Ehefrau und Liebhaber) sitzen an einem Tisch eines sehr einfachen Restaurants. Aus dem Gespräch erfährt man, dass sie früher einmal ein Verhältnis hatten. Im Laufe der Unterhaltung verdichtet sich allmählich die Befürchtung, der Beste Freund/ Ehemann könnte eine Ahnung gehabt haben. Dann folgt die erste Rückblende. Dieses Prinzip von sich verdichtender Ahnung verstärkt sich immer mehr und verleiht dem Film eine - wie ich finde - einzigartige Dramaturgie. Wäre wundervoll, wenn jemand helfen könnte. Gruß Leo