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Glosse Freunde? Freunde!


Internet, Wulff, Schausten. Was ist Freundschaft noch wert? Was darf sie kosten? Und wer sagt, was richtig ist? Der Sofaskandal um die ZDF-Moderatorin führt zu einer freundschaftkulturellen Zäsur.
Von Florian Güßgen

Mit der Freundschaft ist's ja nicht so einfach. Nein, bei genauer Betrachtung ist sie sogar in der Krise. Wie der Euro, die FDP und Christian Wulff. Und, wer ist Schuld? Das Internet! Klar. Wie auf dem Basar wird sie dort verhökert, die Freundschaft. Umsonst. Ein Klick, und schon haste wieder 'nen neuen Freund oder 'ne neue Freundin. Die Währung Freundschaft leidet an Inflation. Wie die Reichsmark in der Weimarer Republik. Wieviel haste? Zwanzigtausend? Und was kannste Dir dafür kaufen? Nüscht. Genau. Weil die Internet-Freunde nichts mehr wert sind. Wie jaulte Billy Joel doch seinerzeit? I can always find someone/to say they sympathize/If I wear my hear out on my sleeve/But I don't want some pretty face/to tell me pretty lies. All I want is someone to believe. Schön, oder? Dabei sang der US-Entertainer nicht mal über Freundschaft, sondern über Ehrlichkeit.

"Bussi, du. War schön bei euch"

Gott sei Dank gibt's in diesen schweren Zeiten Felsen in der Brandung - "someone to believe". Bettina Schausten, zum Beispiel. Die weiß immerhin, dass wirkliche Werte auch etwas kosten müssen. Was umsonst ist, ist nix wert, gerade in der Kostenloskultur Internet. Schausten hält hier dagegen. Und deshalb hat eine Nacht mit echten Freunden für sie auch ihren Preis. 150 Euro oder so. Hat sie gesagt, vor über elf Millionen Menschen. Den Mut muss man erst einmal haben. "Honesty is hardly ever heard." Chapeau!

Sicher, sicher, sicher. In den MacBooks kocht jetzt wieder die Gischt. Die "Netzgemeinde", mutmaßlich allesamt drei Generationen jünger als Joel. Sie zürnt, spottet und geifert, diese Armee der Wertvernichter. Dabei hat Schausten exakt das getan, was die Transparenzblogwarte doch immer fordern: Sie war frank, frei, spontan - und ehrlich. Und sie hat verstanden, dass Gefühle, Bindungen nur belastbar sind, wenn sie, zumindest ein bisschen, kapitalistischen Grundregeln folgen und total transparent sind: Bande entstehen durch Handel, geben und nehmen, mit ein bisschen Zugewinn. Sauber, ohne Drugs, Sex, Rock'n'Roll oder andere Flüssigkeiten. Good for you, good für me. "Bussi, du. War schön bei euch."

Neue Bündnisse, neue Freundschaften

Womit wir wieder bei Christian Wulff wären. Der müsste, getreu dem Motto "Der Feind meines Feindes ist mein Freund" eigentlich der beste Buddy der Internetgemeinde sein: zig Freunde, Emir hier, Edith dort, Maschi da drüben, Übernachten für lau, und die Kohle wird nicht überbewertet. "Wer hat mal eben 'ne halbe Mio?" Das echte Leben, frei nach dem Optimisten Schopenhauer, der laut Internet befand: "Freunde in der Not wären selten? Im Gegenteil! Kaum hat man mit einem Freundschaft geschlossen, so ist er auch schon in der Not und will Geld geliehen haben."

Nein, die Zukunft der Freundschaft wird bei schärferer Analyse von überraschend neuen Machtkonstellationen entschieden werden. Von Bündnissen, die wir derzeit noch gar nicht erfassen können: Der Wulff, der Emir und das Netz stehen gegen Bettina Schausten und Billy Joel, soviel ist sicher. Aber wer spielt noch mit? Und auf welcher Seite? Was macht eigentlich Kai Diekmann? Was macht der "Bild"-Chefredakteur wenn er bei Freunden schläft? Bei Helmut Kohl, zum Beispiel? "Honesty is such a lonely word."


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