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Bob Dylan: Der Dylan-Komplex

Als Fan der Musik Bob Dylans stößt man nahezu überall auf Unverständnis. Und hört immer wieder denselben Vorwurf: "Der kann ja gar nicht singen". Kann er aber doch.

Von Carsten Heidböhmer

Bob Dylan will seine Fans demnächst auch literarisch beglücken

Bob Dylan will seine Fans demnächst auch literarisch beglücken

Zu behaupten, Bob Dylan sei ein Problem in meiner Beziehung, wäre sicher übertrieben. Dennoch ist er ein ewiger Grund verbaler Auseinandersetzungen. Wann immer ich eine der Dylan-Scheiben aus meinem Bestand auflege, verschlechtert sich die Stimmung daheim in kürzester Zeit. Nein, meine Freundin ist wahrlich kein Fan des Menschen, über den Paul McCartney einmal sagte: "Er ist unser Guru." Eigentlich ein gewöhnlicher Streit, über den man keine weiteren Worte verlieren müsste, wenn diese Konstellation nicht symptomatisch wäre: Die Gesellschaft der Musikhörenden ist in zwei Lager gespalten, die sich unversöhnlich gegenüberstehen: Dylan-Liebhaber und -Hasser. Doch warum ist der inzwischen über 60-Jährige nach wie vor so eine Reizfigur?

Das ewige "Sprachrohr seiner Generation"

Dass bei ihm einiges anders läuft als bei anderen Rockstars, musste dem jungen Dylan schon ziemlich früh klar geworden sein. Von Anfang an versuchten seine Zeitgenossen, ihn für ihre Interessen und Ziele zu vereinnahmen. Nach nur drei Alben schmückte ihn schon der Titel "Sprachrohr seiner Generation". Dylan entzog sich dieser Rolle, indem er immer wieder Richtung und Stil wechselte. Das permanente Enttäuschen von Erwartungen ist seither die einzige Konstante in seinem künstlerischen Leben. Der Vereinnahmung durch die bürgerbewegte Folk-Szene entzog er sich Mitte der 60er Jahre durch die Elektrifizierung seiner Musik.

Der Unzeitgemäße

Als der dadurch entstandene Folk-Rock zum festen Soundtrack der Gegenkultur geworden war, wendete sich Dylan 1968 der damals als reaktionär verschrienen Country-Musik zu. Mitte der 70er Jahre, als Weltverbesserer so richtig out waren, sah die Musikszene dann plötzlich wieder den politisch engagierten Dylan, der auf der "Rolling Thunder Revue" für Häftlinge spielte und sich für die Freilassung des zu Unrecht verurteilten Boxers "Hurricane" Carter einsetzte.

Bob Dylan überrascht stets aufs Neue

Überraschend dann seine Hinwendung zum Christentum, die in den späten 70ern und frühen 80er Jahren auch in Form eines Gospel-Pop seine Schallplatten prägte. Später ließ er sich von Dire-Straits-Frontmann Mark Knopfler einen glatten Popsound verpassen. Seit 1989 befindet sich Dylan schließlich auf seiner "Never Ending Tour": Praktisch ununterbrochen zieht er mit seiner Band durch die Welt und gibt allerorts Konzerte. Parallel dazu feierte er mit seinen Alben "Time out of Mind" (1997) und "Love and Theft" (2001) späte Triumphe, mit Kritikerlob und Trophäen überschüttet.

Weisheiten aus einer längst vergessenen Zeit

Leicht gemacht hat er es seinen Fans nicht - und dennoch ist es gerade dieser verschlungene, brüchige und oftmals widersprüchliche Weg, der Dylans Größe ausmacht und der ihn abhebt von Bands wie den Rolling Stones, die eine einstmals lebendige Musikform in ein kommerziell gut funktionierendes Rock'n'Roll-Museum verwandelt haben. Dylan muss man sich immer wieder neu erarbeiten. Der Zuhörer wird für seine Mühen aber reich belohnt: Text und Musik offenbaren eine Tiefe, die im schnelllebigen Pop-Business heutzutage nur noch selten anzutreffen ist. Aktuelle Trends interessieren Dylan nicht. Dafür hat er sich tief in die Geschichte Amerikas und seiner Mythen eingegraben. Was er von dort empor bringt, ist nicht immer im klassischen Sinne schön. Aber es offenbart eine Wahrhaftigkeit, einen Erfahrungsschatz, den man eigentlich schon verschwunden glaubte. Die Musik enthält Schätze und Weisheiten, die aus einer längst vergessenen Epoche erzählen. Von Träumen, Kämpfen und Wünschen, für die Menschen ihr Leben gaben. Und die auch in der Gegenwart nichts an Aktualität eingebüßt haben.

Doch was ist es auf der anderen Seite, das bei Dylan-Gegnern so erbitterte Ablehnung auslöst? Bohrt man da mal nach, stößt man immer wieder auf die gleichen Vorwürfe:

1. "Dylan kann nicht singen."
2. "Die Songs sind ja gut, wenn sie von anderen gesungen werden."
3. "Bei Dylan sind vielleicht die Texte gut, aber die Musik ist schrecklich."
4. "Dylan war ja vielleicht in den 60er Jahren gut, doch seither hat er kein gutes Album mehr gemacht"
5. "Dylan ist was für Alt-68er, die ihrer Jugend hinterher trauern."

Selbstverständlich sind sämtliche Anschuldigungen völlig unzutreffend.

Der mit Abstand am öftesten geäußerte Vorwurf ist, 1.) Dylan könne nicht singen. Aber durch die Häufigkeit seiner Erwähnung wird er nicht wahrer. Natürlich entspringt seiner Kehle kein Belcanto im klassischen Sinne. Aber Dylans Gesang steht stets in Diensten des Songs, dadurch erst gewinnt seine Interpretation die ungeheure Intensität, die jedes Stück zu einem Erlebnis macht.

Niemand singt Dylan wie Dylan

Der 2. Punkt ähnelt ein wenig dem ersten. Zugegeben: Es gibt großartige Coverversionen von Dylan-Songs. Darunter solche von den Byrds ("Mr. Tambourine Man" und viele andere), Them ("It's all Over now, Baby Blue"), Jimi Hendrix ("All Along the Watchtower"), "Knocking on Heaven's Door" (Guns n' Roses und Eric Clapton, wem's gefällt), "Quinn the Eskimo" (Manfred Mann). Dennoch behält der Satz Gültigkeit, mit dem Columbia in den 60er Jahren für das Original warb: "Nobody sings Dylan like Dylan". Und zwar aus den oben genannten Gründen.

Mit Grammys und Oscar gekrönt

Dass 3.) Dylans Qualitäten nicht nur in den Texten, sondern vor allem auch in der Musik liegen, beweist die große Anzahl an Bands, die sich an seinen Songs versuchen. Und wer 4.) glaubt, Dylans habe seine beste Zeit lange hinter sich, sei daran erinnert, dass sein 1997er Album "Time out of Mind" mit Grammys überhäuft wurde. Für "Things Have Changed", seinen Titelsong zu dem Michael-Douglas-Film "Wonder Boys", erhielt er 2001 sogar den Oscar. Darüber hinaus taucht er regelmäßig in der Gruppe der "100 bedeutendsten Amerikaner des 20. Jahrhunderts" auf, die das "Life"-Magazin veröffentlicht. Man könnte beinahe behaupten: Nie war er so wertvoll wie heute. Und weil Dylan eben mit der Zeit reift, ist es 5.) auch völliger Unsinn, ihn als feuchten Traum ewiger Jugendlicher abzutun.

All das versuche ich meiner Freundin immer wieder klarzumachen. Und ich weiß, ich bin nicht der einzige, der diese Kämpfe ausficht. Doch ein Trost bleibt mir: Wenn ich mir mal wieder an der Unbelehrbarkeit meiner Freundin verzweifle, sage ich mir mit Dylan: "She takes just like a Woman...", und kann sie gleich besser verstehen. Dieses kleine Stückchen Weisheit kann mir keiner nehmen, und das lässt mich angesichts der Ignoranz gegenüber Bob Dylans Schaffen ganz gelassen bleiben.

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