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Album-Review "Sonny Black 2" Bushido gegen sich selbst: Ein Rapper fällt aus der Zeit

Bushido Sonny Black 2 Album Review
Bushido ist zurück: Der Berliner veröffentlicht sein neues Album "Sonny Black 2" 
© Jazz Archiv / Christian Fischer / Picture Alliance
Bushido ist zurück − zurück in der Vergangenheit. Sein neues Album "Sonny Black 2" überzeichnet das Bild des fürsorglichen Familienvaters. Dabei wäre das gar nicht nötig gewesen.

Dieser Tage scheint es, als lebe Anis Ferchichi mehrere Leben. Eines dieser Leben kann man sich derzeit als Doku auf Amazon anschauen. Für ein kostenloses Probe-Abo bekommt man sechs Folgen Familien-Drama, dessen Handlung sich trotz kurzer Länge häufig wiederholt. Bushido tritt in seiner Doku als Familienvater auf, der alles weggeworfen hat, um seine Familie zu schützen. Der zur Polizei ging, weil er Angst um seine Kinder hatte. Der einem alten Leben den Rücken kehrte und dafür teuer bezahlte.

Die Bilder der Doku zeigen einen Mann mit grauem Bart, der mit viel Hingabe im Garten ein kleines Holzhaus für seine Kinder baut und zugleich einen eingesperrten Mann mit viel Geld, der gestellt aber liebevoll vor der Kamera mit seiner Frau streitet. Man gewöhnt sich an die Bilder eines ehemaligen Gangsterrap-Stars, der den Schulrucksack seines Sohnes über der Schulter zum Gartenzaun schlendert und seinen Kindern winkt, wenn sie von Männern des LKA zur Schule gefahren werden. Soweit alles ziemlich spießig, aber schön und irgendwie auch verdammt kompliziert im Leben von Bushido.

Bushido Sonny Black 2 Album
Bushido im Amtsgericht Tiergarten in Berlin. Damals wurde er wegen Körperverletzung angeklagt. Heute klagt er selbst gegen seinen ehemaligen Manager und Freund Arafat Abu-Chaker.
© Bernd von Jutrczenka / Picture Alliance

Aus neu mach alt

Eine andere und sorgenfreie Version von Bushidos Leben gibt es seit heute auf Spotify zu hören. Sie besteht aus 16 Songs und trägt den Titel "Sonny Black 2". Benannt nach dem amerikanisch-italienischen Gangster-Prototyp, der Bushido immer sein wollte. Der Erste Teil der Platte ist sieben Jahre alt. Homophobe Reime, pädophilen Beleidigungen gegenüber Rapper Kay One und Morddrohungen an Prominente ließen die Platte schnell auf dem Index landen. Bis heute ist sie erst ab 18 Jahren erhältlich. 2021 gibt es nun trotz Bruch mit dem kriminellen Abou-Chaker Clan-Milieu für Bushidos Hörer:innen die Image-Reise zurück in eine Zeit ohne Polizeischutz.

Wohin die Reise geht, zeigen die ersten Strophen auf dem Intro-Track: "Hör gut zu du Nu***, jetzt bin ich am Drücker, ich war nur kurz nett, doch jetzt f**** ich wieder eure Mütter". Bushidos selbst produzierter, blecherner und düsterer Beat schickt die Hörer:innen zugleich zurück in eine Zeit vor sieben Jahren. Schlecht klingt das nicht, aber eben auch nicht modern. Denn das Soundbild soll seine alten Fans abholen: Doch klappt das im Jahr 2021 noch?

Bushido im Wunderland

Weiter geht es mit Schnee-Metaphern über Urlaube in Kitzbühel und Drogenverkäufe in Berlin ("Giftgrünes B"). Wüsste man nicht aus der Amazon-Doku, dass Bushido Polizeischutz genießt und kein Skifahren kann, könnte man sich das vielleicht noch anhören. Doch mit dem Wissen über Bushidos neues Leben wirkt alles wenig nostalgisch und vieles sehr gewollt.

Bushido ist das egal, er macht unbeirrt weiter und holt auf einem epischen Flöten-Cembalo-Beat seine "Cordon-Sport Jacke aus dem Waffenschrank". Wie gefangen Bushido in seiner Vergangenheit ist, offenbart sich immer mehr, wenn er wie beiläufig feststellt: "Das Juice Magazin ist am Ende und auch Viva ist tot", während er selbst unbeirrt weiter erfolgreich sei. Doch wer rappt 2021 auf Spotify-Tracks über ausgestorbene Fernsehsender und Printmagazine? Man kennt diesen Reflex vom elterlichen Esstisch: Hilft man dem Berliner mit der neuen Zeit klarzukommen und empfiehlt ihm ein paar neue Apps oder belässt man es bei einem einfachen "Ok, Boomer"?

Zwei Leben

Angesprochen fühle ich mich erstmals von dem Track "Magazin für die Magazine" − Hier werden Kritiker und Journalisten erschossen… Und ja, so geht es immer weiter auf Tracks deren Namen alles verraten: "Narben", "Ghettofaust 2", "Tote Fische". Beleidigungen gegen seinen ehemaligen Rap-Kollegen Fler und HipHop-Journalist Rooz wechseln sich ab auf den immer selben episch-produzierten Beats. Oder anders gesagt: Die Redewendung "Aus der Zeit gefallen" wird vertont. Denn zwischen Sexismus und Belanglosigkeit ist die einzige Bushido-Line, die hängen bleibt: "Früher liebte ich das Rappen und das Sampeln. So wurde ich unsterblich. Junge, wen wollt ihr canceln?" ("MPC aus Gold"). Bushido selbst gibt die Antwort.

Die zwei Leben des Bushido existieren dieser Tage auf Amazon und Spotify nebeneinander. Der eine Bushido wirkt erwachsen, der andere aus der Zeit gefallen. Erst auf dem letzten Song des Albums ("Familie") scheint es, als würden beide Welten für den Bruchteil eines Moments zu einer authentischen Symbiose verschmelzen. Während seine Tochter ins Mikrofon spricht "Das wichtigste im Leben ist Familie", rappt Bushido: "Komme ich zu euch nach Hause, dann bin ich einfach ich". Einfach er selbst sein − genau das hätte seinem neuen Album gut getan.

ldh

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