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Chiki Chaka Girls: Kuba-Pop mit Anspruch auf "Buena-Vista"-Nachfolge

Was ein haufen alter Männer kann, können die Chiki Chaka Girls schon lange: Das junge kubanische Duo schickt sich an, den Erfolg des "Buena Vista Social Club" zu wiederholen.

Genau fünf Jahre ist es her, dass der Film "Buena Vista Social Club" von Wim Wenders ins Kino kam und eine unerwartete Begeisterung für die traditionelle kubanische Musik auslöste. Nachdem sich allein das Soundtrack-Album mehr als zehn Millionen Mal verkaufte, will jetzt ein Musikverleger und Produzent nochmal vom damaligen Erfolg profitieren. Ein Film und natürlich auch wieder ein begleitendes Album sollen mehrere junge Musiker als Nachfolger der großen alten Männer der kubanischen Musik in Szene setzen.

Radiotauglicher Latino-Pop

Der Startschuss für die Kampagne fällt jetzt mit der ersten Single aus Album und Film: "Chiki Chaka" von den Chiki Chaka Girls - einer typischen radiotauglichen Latino-Pop-Nummer mit Dance-Rhythmus aus dem Computer und einer Ohrwurm-verdächtigen Bläser-Einlage.

Stücke aus der Schatztruhe kubanischer Musik

Obwohl die Musik und der im September folgende Film unter dem publikumswirksamen Banner "Wim Wenders präsentiert" laufen, die treibende Kraft für das Projekt ist ein anderer: Detlef Engelhard, ein Musikverleger, der seit 20 Jahren gegen alle Widrigkeiten des Marktes Latin-Jazz produziert und auf Rechte an rund 30.000 Musikstücken zurückgreifen kann, unter anderem durch einen Deal mit der staatlichen kubanischen Urheberrechtsbehörde. Auf dem Soundtrack von "Buena Vista Social Club" stammten sieben Stücke aus Engelhardts Schatztruhe, bei dem neuen Projekt "Musica Cubana" kommen die meisten Künstler aus seinem Haus.

Aus einer berühmten Familie

Die Chiki Chaka Girls sind die 19-jährige Arlenys und ihre ein Jahr ältere Schwester Annalays. Sie kommen aus der Kleinstadt Pinar del Rio östlich von Havanna und haben einen entscheidenden Vorteil gegenüber tausenden kubanischen Straßenmusikern, die es nie auch nur in die Nähe eines Plattenvertrags bringen werden: die Familie. Ihre Mutter ist Sängerin im weltberühmten "Tropicana", ihr Onkel ist Mayito Rivera, Frontman der bekannten kubanischen Band "Los Van Van" und - noch wichtiger - ein weiterer Onkel heißt Juan Pablo Torres und ist Plattenproduzent in den USA. Torres war es schließlich, der die beiden Schwestern Engelhard empfahl, als dieser auf der Suche nach Künstlern für den neuen Film war.

Brückenschlag über die Generationen hinweg

Der glatte, kommerzialisierte Pop von "Chiki-Chaka" hat natürlich nichts mit der durchlittenen, emotionalen Musik der alten "Buena-Vista"-Künstler zu tun. Es gibt aber trotzdem jemanden, der eine Brücke zwischen ihnen schlagen soll: Pio Leiva, ein 87-jähriger "Social-Club"-Veteran, der kaum noch seine Beine bewegen kann, aber immer noch auftritt und sich nie von seiner Zigarre zu trennen scheint. Im Film, auf der Bühne und vor Journalisten preist Leiva Schönheit und Talent der beiden Mädchen, von denen er aber im Moment nur Arlenys sehen kann.

Per Lotterie in die USA

Denn der Zufall hat die Schwestern getrennt. Annalays gewann nämlich im kubanischen Lotto den begehrtesten Preis: Die US-Staatsbürgerschaft. Die Lotterie soll kubanischen ausreisewilligen Kubanern eine legale Chance geben, das Land zu verlassen, ohne unter Einsatz ihres Lebens auf Flößen oder Fischerbooten nach Florida zu paddeln. Jetzt ist Annalays US-Bürgerin, und darf deshalb monatelang nicht nach Kuba. "Ich vermisse sie sehr", sagt Arlenys und kann wieder einmal die Tränen nicht zurückhalten. "Wir waren bisher immer zusammen." Da es im kommunistischen Kuba keine Reisefreiheit gibt, können sich die beiden nicht sehen. Erst auf der Tour, die im Juli auch durch Deutschland gehen wird, werden die Geschwister vereint sein.

Wenders hat dem Projekt vor allem seinen Namen geliehen. Er verstehe sich mehr als Pate, sagt er bescheiden, und ist damit natürlich auf einen Schlag auch einen Teil der Verantwortung los. Er habe sich seit den Dreharbeiten zu "Buena Vista Social Club" den vielen jungen Musikern gegenüber schuldig gefühlt, die damals ihre Demo-Bänder bei ihm abgaben oder einfach zum Vorsingen kamen. Die Chiki Chaka Girls waren allerdings natürlich nicht darunter.

Andrej Sokolow, DPA / DPA
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