HOME

David Garrett im Interview: "Durch einen Frack wird Musik nicht schöner"

Mit 14 war Geiger David Garrett ein Virtuose, heute ist er ein Popstar. Ein Gespräch über Leistungsdruck, ein elitäres Klassik-Publikum und die Kleiderordnung auf der Bühne.

So sah Geiger David Garrett mit 14 Jahren aus

So sah Geiger David Garrett mit 14 Jahren aus

Herr Garrett, Sie veröffentlichen mit 32 Jahren ein Klassik-Album, das Sie als Teenager aufgenommen haben. Wie waren Sie mit 14?
Die Geige war das Zentrum meines Universums. Aber es beherrschte viel Druck von außen mein Leben. Von Lehrern, und von meinem Vater, der damals sehr intensiv mit mir arbeitete.

Sie waren damals ein junger Virtuose. Kein einfaches Leben, oder?


Disziplin stand im Vordergrund. Die Meinung meiner Eltern zählte.

Später haben Sie sich von diesem Druck befreit, sind mit 18 nach New York gezogen, und haben an der berühmten Juilliard School Geige studiert. Ohne ihre Eltern.


Ja, ohne sie und ohne ihre finanzielle Unterstützung. Ich hätte sie nicht abgelehnt. Aber meine Eltern hielten das für den falschen Schritt.

Warum?


Sie dachten: Du bist doch schon etablierter Konzertgeiger. Du hast einen Plattenvertrag, gute Dirigenten, einen Agenten in London. Studium wäre Rückschritt.

Und das sahen Sie anders?


Ja. Ich hatte mit 15 ein Gespräch mit Isaac Stern, das mir bis heute im Gedächtnis geblieben ist. Stern sagte, Musik lebe zwar von der Emotion, aber erst das Wissen hebe das Gefühl auf eine neue Stufe. Ich sah mein Studium als Weg, um mich in meinem Beruf wieder wohlzufühlen.

Warum fühlten Sie sich unwohl?


Ich hatte kein großes Selbstbewusstsein, obwohl ich so früh Erfolg hatte. Weil ich so fremdbestimmt war. Mir war es auch wichtig, mich vergleichen zu können. Was kann ich? Und was noch nicht? Die Geigen-Klasse bei Itzhak Perlman an der Juilliard School war ideal dafür.

Heute werden Sie als Künstler geliebt - und sehr abgelehnt.


Ja, aber abgelehnt nur von Leuten, die sich nicht mit klassischer Musik auskennen.

Davon sind Sie überzeugt?


Zu 100 Prozent.

Das heißt, die Leute, die sich ernsthaft mit klassischer Musik beschäftigen und Sie nicht mögen, haben alle keine Ahnung?


Itzhak Perlman oder Zubin Metha arbeiten mit mir. Das spricht für sich. Wenn mir Perlman sagt: David, du bist ein erstklassiger Geiger, dann reicht mir das. Die Meinung des Feuilleton ist mir egal.

Vielleicht irritiert es einfach, dass Sie auf der Geige erst Nirvana spielen und dann Beethoven.


Ja, aber die Leute, die meine Nirvana-Version mögen, gehen auch in meine Beethoven-Konzerte. Von meiner Beethoven-CD habe ich über 250.000 Exemplare verkauft und bisher keine Beschwerden bekommen.

Haben wir Deutschen ein generelles Problem mit Crossover-Projekten wie Ihren Pop-CDs?


Nein. Aber wir schreien, dass unser Klassik-Publikum immer älter wird. Und dann mäkeln wir an den Leuten herum, die aktiv etwas dagegen tun.

Sie meinen sich selbst.


Ich frage mich einfach, ob die mäkelnden Leute wirklich etwas ändern wollen. Vielleicht wollen sie ja auch einfach ein kleiner elitärer Kreis bleiben. Das sind die Menschen, die sagen: Musik muss man verstehen. Blödsinn! Musik ist "emotional food". Hat Mozart gefordert, dass man seine Musik versteht? Musik soll uns aus dem Alltag holen. Das war schon immer so. Wenn jemand durch mich einen Kurzurlaub in der klassischen Musik macht, dann freue ich mich darüber.

Hatten Sie niemals Sehnsucht nach der klassischen Karriere?


Was ist die "klassische Karriere?"

Carnegie Hall. Auftritt im Frack.


Der Frack ist ein Klischee! Niemand läuft auf der Straße im Frack rum. Mozart hat sich nicht angezogen wie Bach. Jeder kleidete sich gemäß seiner Zeit. Wir gucken doch nicht Musik. Wir hören sie!

Aber Sie inszenieren sich in Lederjacke und Jeans.


Ich inszeniere nichts. Ich will mich auf der Bühne wohlfühlen, um das bestmögliche Produkt abzuliefern. Ich will mich und die Zeit verkörpern, in der ich lebe. Das haben auch Liszt, Paganini, Beethoven so gemacht. Ich mache nichts Neues. Ich bin einfach ein zeitgemäßer Interpret. Durch einen Frack wird Beethovens Musik nicht schöner.

David Garret: "14" ist bei Deutsche Grammophon (Universal) erschienen

Interview: Tobias Schmitz
Wie heißt der Film?
Hallo, seit langer Zeit bin ich auf der Suche nach einem Film, den ich vor ca. 25 Jahren gesehen habe. Es ist ein französischer Film von oder in der Art wie Eric Rohmer. Der Titel könnte "Betrug" oder ähnlich lauten. Es geht um eine Dreiecksgeschichte, bei der ein Mann von seiner Ehefrau und seinem besten Freund betrogen wird. Der Film erzählt seine Geschichte in Rückblenden und steigert die Spannung dadurch, dass der anfangs unwissende Zuschauer von Rückblende zu Rückblende mehr Informationen erhält, bis er gegen Ende sogar wissender ist als die Darsteller. Wie ein roter Faden zieht sich dabei die Frage durch den Film: Wer hat zu welchem Zeitpunkt was gewusst. - Ab wann wusste der betrogene Ehemann, dass er betrogen wurde? - Ab wann wussten die Betrüger, dass der Ehemann wusste, dass er betrogen wurde usw. Der Film beginnt äußerst langatmig. Wenn ich mich recht erinnere mit einer 20-minütigen fast statischen Kameraeinstellung. Zwei Personen (Ehefrau und Liebhaber) sitzen an einem Tisch eines sehr einfachen Restaurants. Aus dem Gespräch erfährt man, dass sie früher einmal ein Verhältnis hatten. Im Laufe der Unterhaltung verdichtet sich allmählich die Befürchtung, der Beste Freund/ Ehemann könnte eine Ahnung gehabt haben. Dann folgt die erste Rückblende. Dieses Prinzip von sich verdichtender Ahnung verstärkt sich immer mehr und verleiht dem Film eine - wie ich finde - einzigartige Dramaturgie. Wäre wundervoll, wenn jemand helfen könnte. Gruß Leo