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M. Beisenherz - Sorry, ich bin privat hier: Post von Beisi: "Herr Dobrindt, Sie sind der David Garrett unter den Vergeigern"

Alexander Dobrindt trägt nicht nur Prada, sondern fordert in einem Zeitungsbeitrag die "bürgerlich-konservative Revolution". Micky Beisenherz ist sicher, dass der "Eckbank Che Guevara" damit vor allem der AfD nützt. Ein offener Brief.

Von Micky Beisenherz

Alexander Dobrindt

Alexander Dobrindt und Micky Beisenherz werden keine Freunde mehr.

Lieber Alexander Dobrindt,

ich wollte diesen Brief schon beginnen mit "das alles ist doch unter Ihrer Würde"- aber das wäre natürlich Unsinn. Würde kennt MC Maut nur als Konjunktiv. Mit Ihrem "bürgerlich-konservativen Manifest" in der "Welt" haben Sie, der David Garrett unter den Vergeigern, mal wieder einen rausgehauen.

Ein rührendes Pamphlet, das sich als eine Art Hausordnung an den bösen Muselmanen richtet, der Frauen nicht die Hand gibt und sowieso alles verheiratet, was nicht bei drei zurück in der Gebärmutter ist. Also, so ungefähr.

Leider ist das alles inhaltlich ein wenig verunglückt. Da, wo es vielleicht möglich gewesen wäre, tatsächlich mal einen intelligenten Diskurs über (zweifellos vorhandene) Probleme in Sachen Flüchtlings- und Integrationspolitik anzustoßen, war es Ihnen dann doch zu wichtig, diejenigen abzufischen, die bei der Bundestagswahl zu ihrem Entsetzen plötzlich mit dem schmuddeligen Bruder der CSU rumgemacht haben. Und da macht es sich natürlich immer gut, sich gegen - uiuiui- "die Eliten" zu richten. (Hat zuletzt schon in ganz anderen Ländern funktioniert.)

In diesem speziellen Falle die linke Elite, genauer gesagt die 68er, unter deren "linker Meinungsvorherrschaft" das ganze Land, ja konservative Bürger, so zu leiden hätten. Konservative Bürger, die in diesem Land zwar die Mehrheit bilden würden, aber dank dieser sinistren Links-Matrix irgendwie nie so richtig vertreten worden seien.

Haben Sie Pit Stop auf dem C64 gespielt?

Ich will Ihnen ja nicht zu nahe treten, aber: Was haben Sie denn so zwischen, sagen wir mal, 1982 und '98 getrieben? Pit Stop auf dem C64 gespielt? Und wie sah es so ab 2005 aus? Da waren Sie wohl zu beschäftigt, schon mal die Sachen für die nächsten Jahre rauszulegen.

Es wäre vielleicht besser gewesen, den Text nicht abzudrucken, sondern gleich wie üblich in Bierzelten vorzuprosten. Dann wäre das Echo vermutlich etwas anders ausgefallen. So schlägt Ihnen als prügelaffine Bajuvaren-Pinata (wie zum Beweis der geäußerten These) die geballte Ablehnung der linken Intelligenzia entgegen. Und meine.

Sogar "Heute Journal"- Moderatorin Marietta Slomka verließ ihre hannsjoachimfriedrichsche Neutralität, für die sie sonst ja so bekannt ist. Ich will jetzt nicht sagen, dass Sie unfähig sind. Sie sind sogar richtig kompetent. Im Vergleich zu Trump. Oder einer Lild-Tüte.

Keine Frage, das linke Lager glänzt teilweise mit spektakulärer Verklärung der Sachlage. Aber ein Text, der wie Frankensteins Gulasch die 68er als "geistige Verlängerung des Sozialismus", "Islamismus" und "grünen Verbotismus" wild ineinander haut, wirkt schlussendlich ein wenig, nun ja ... panisch? Frei nach John Rambo: "Um die AfD zu bekämpfen, must du selbst zur AfD werden!" 

Eine bürgerlich-konservative Revolution(!). Kleiner hat er's nicht. Da wanzt sich einer derart plump an den normalen Bürger heran, dass sein Parteivorsitzender glatt eifersüchtig werden könnte.

Und so sind Sie sich nicht zu doof, den kastrierten Pitbull zu geben, der an der Leine von Seehofer und Söder in Trainingshosen durch den Wahlbezirk, nein, halt, die sieht man ja gar nicht, weil die beiden oben genannten so einen Eckbank-Che-Guevara wie Sie zwar gebrauchen, so etwas aber gerade unmöglich selber rausposaunen können. Schließlich sind gerade Sondierungen - da kann man dem Koalitionspartner in spe unmöglich vor den Koffer scheißen. (Wobei: Hey, es ist ja nur die SPD. Denen kannst du's immer noch als Mousse au Chocolat verkaufen.)

Ein kleiner Rechtsruck kommt ganz gelegen

Andererseits stehen auch bald Landtagswahlen an und da kommt so ein kleiner Rechtsruck natürlich ganz gelegen. Garniert mit modernen Klassikern wie der Opferhaltung und sogar einem echten Schlag "linkem Meinungs-Mainstream" drin. Klasse! Die Bundestagswahl hängt allen noch oktoberfestkaterschwer im Leib. Sowas darf sich nicht wiederholen!

Deshalb jetzt also Starfighter Dobrindt im Konservatiefflug. Ein Text als eine einzige große Daswirdmanjawohlnochsagendürferei. Dass die Zielgruppe im Zweifel aber ohnehin mittlerweile lieber das Original, sprich die AfD, wählt, dürfte selbst Ihnen nicht entgangen sein. Aber hey, man kann's ja mal versuchen, oder?

Es mag ja sogar sein, dass die 68-Revolution, wie von Ihnen behauptet, keine der normalen Bürger oder Arbeiter war. Das mag aber auch ein bisschen daran liegen, dass viele von denen den letzten Umbruch zirka dreißig Jahre vorher etwas zu heftig mitgemacht hatten und sich dachten: Komm, jetzt dürfen auch mal andere vor. Das aber nur am Rande.

Im Grunde genommen dürfen Sie sich auch bereits zufrieden zurücklehnen, denn: An einer gar nicht so kleinen Revolution waren Sie und ihre Partei schließlich federführend beteiligt. Durch monatelanges Sabotieren der Kanzlerin und öffentliches Destabilisieren der Regierung haben Sie den Einzug der AfD in den Bundestag erst mit ermöglicht.

Eine Leistung, auf die Sie sich zurecht etwas einbilden können. Kompliment. Sie konservativer Racker. Wie gesagt: Es hätte eine Menge zu sagen gegeben. Nur vielleicht von jemand anderem.