Die besten Alben Nine Inch Nails: "The Downward Spiral"


Eigentlich klar, dass bei stern.de die Wirtschaftsredakteurin mit einem thematischen Fingerzeig wie der Abwärtsspirale daherkommt. Aber auch Gift und Galle haben ihre Daseinsberechtigung.

i am the voice inside your head
and i control you
i am the hate you try to hide
and i control you

mr self destruct

1995 war ein äußerst merkwürdiges Jahr. Die Kelly Family, DJ Bobo, Scooter und andere bescheuerte Dance-Acts bevölkerten die Charts. Elton John nölte mit dem König der Löwen durch die Savanne und Michael Jackson nervte mit dem Earth Song. Die Welt schien bunt und fröhlich - für die einen. Wir anderen lebten in einer Gegenwelt, deren Soundtrack Ministry, Type O Negative, KMFDM und Konsorten lieferten. Der Gott der Gegenwelt hieß Trent Reznor, seine Erzengel waren die Nine Inch Nails, und "The Downward Spiral" war die Bibel. Und wie alle religiösen Werke versprach auch dies die Erlösung.

nothing can stop me now
i don't care anymore

piggy

Und Erlösung brauchte ich damals wirklich! Gott, wie quietschbunt und harmonisch doch alles war. Sushi und Ruccola traten den Siegeszug auf den Tellern an, Party-Smalltalk erstickte im Betroffenheitsgelaber und 'Börsianer' war noch kein Schmipfwort. Aber Israels Regierungschef Yitzhak Rabin wurde erschossen, amerikanische Rechtsextremisten (!) töteten mit einer Bombe in Oklahoma-City 168 Menschen und das Kürzel BSE erlangte traurige Berühmtheit und bescherte Vegetariern einen kurzen Moment des "wir-wussten-es-schon-immer"-Hochgefühls. Na gut, der seit vier Jahren tobenden Bürgerkrieg in Ex-Jugoslawien ging zu Ende, und Österreich trat endlich der EU bei. Aber irgendwie reichte das nicht für positive Gefühle.

my whole existence is flawed
you get me closer to god

closer

Ist es da ein Wunder, dass ausgerechnet das aggressive Juwel "Downward Spiral" zum Hoffnungsschimmer wurde? Hatte für mich Punk Ende der 70er den Rock gerettet, so schaffte Reznor in den 90ern die Wiederbelebung mit Industrial. Es war zwar erst das zweite 'richtige' NIN Album nach "Pretty Hate Machine", war aber wieder voll gepackt mit Gift, Galle und Verzweiflung. Und einen Tanzhit hatte es auch: Ohne "Closer", einer veritablen down-tempo-Nummer, lief damals in den besseren Tanz-Clubs gar nichts.

i want to know everything
i want to be everywhere
i want to fuck everyone in the world
i want to do something that matters

i do not want this

Doch in der überwältigenden Mehrheit der Lieder dominierten schwere, aggressive Gitarren, harte Beats und so ziemlich jedes Kücheninstrument, welches sich samplen ließ. Textzeilen à la "I want to fuck you like an animal" vergrätzten gerne mal die Tina-Turner-gewöhnten Gehörgänge und Titel wie "Mr. Self Destruct", "Eraser", "Ruiner" oder "I do not want this" gaben einen klaren Hinweis auf den mentalen Standpunkt des Musikers - wahrscheinlich trifft 'apokalyptischer Hardcore' es noch am besten.

i hurt myself today
to see if i still feel
i focus on the pain
the only thing that's real

hurt

Aber die wahre Genialität liegt im Umarmen des Gegensätzlichen: Bei Trent Reznor, der damals meinen weiblichen Freundeskreis zu fast jeder schmutzigen Phantasie inspirierte, liegt ein Großteil des Charmes auch in der ausgelebten Polarität. Das Album vereinte Sanftheit und Härte, Lust und Entsetzen, Aggressivität und Trauer. Und nichts, wirklich nichts reichte in punkto Traurigkeit an "Hurt" heran. Sparsamst instrumenitert, zerkratzen die leisen Piano-Töne jede Abgeklärtheit. Wie in lang verdrängten Teenager-Tagen kamen die Wände langsam näher, und der Magen fing an sich zu drehen. Das Schöne daran, eben nicht mehr Teenager zu sein, war dann die Erkenntnis, dass Trauer heilsam ist und besondere Platten etwas Kathartisches haben können. In diesem Sinne...

Oder um mit Trent Reznor zu sprechen: "Today the world still looks as bad as 1995. And this will never change. That's why this record will never die."

Karin Spitra

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