Die Medienkolumne Multikulturelle Selbstverstümmelung


Erst kürzlich riefen Vertreter von ARD und ZDF beim Integrationsgipfel dazu auf, mehr für die Zuwanderer zu tun. Nun macht der rbb, der ARD-Landessender für Berlin und Brandenburg, ausgerechnet seine Integrationswelle "Radio Multikulti" dicht. Ein Signal, das in die falsche Richtung geht.
Von Bernd Gäbler

Vielleicht wäre der Beschluss des rbb, sich selbst um "Radio Multikulti" zu amputieren verständlich, ginge es ausschließlich um Betriebswirtschaft. Weil gerade in Berlin so viele Menschen aus sozialen Gründen von der Gebührenpflicht befreit sind, gehen dem rbb in der laufenden Gebührenperiode bis zu 54 Millionen Euro durch die Lappen. So lautet die Prognose der Experten. Deswegen weigert sich der Verwaltungsrat, das laufende Programm aus Krediten zu finanzieren. Also muss gespart werden: Dran glauben müssen die TV-Sendung "Polylux" und die Hörfunkwelle "Radio Multikulti". Es ist ja auch ungewöhnlich, dass ein so kleiner Sender gleich sieben Radiowellen unterhält. Von diesen sieben Zwergen war "Radio Multikulti" überdies stets der kleinste, der auch noch am schlechtesten ernährt wurde. Jetzt lässt man ihn sterben. Drei Millionen Euro pro Jahr soll das bringen. Gemessen am vorhergesagten Defizit ist das nicht viel.

Welche Inhalte aber sind es, die damit verloren gehen? Natürlich kann man auf vielen Wellen Weltmusik hören. Natürlich ist es kein Problem, via Internet fremdsprachige Programme aus aller Herren Länder zu empfangen. Natürlich ist gerade in Berlin der Hörfunk-Markt so bunt und vielfältig wie sonst nirgendwo in Deutschland - es gibt Programme von "Radio Teddy" bis "Motor FM", in russisch wie in türkisch - und natürlich schnitt "Radio Multikulti" bei den Reichweitenanalyse schlecht ab. 37.000 Hörer pro Tag schalten ein, sagt die Media-Analyse, die allerdings nur deutsche Staatsbürger berücksichtigt. Dennoch ist die Schließung von "Radio Multikulti" für die Berlin-Brandenburger ARD-Anstalt ein verheerendes Signal: Diese Welle war Symbol des gesellschaftspolitischen Integrationsauftrags und zugleich dessen Umsetzung in den Mühen der Ebene.

Wieder einmal: Alle Proteste kommen zu spät

In Berlin setzt sich die Einwohnerschaft zu gut einem Viertel aus Zugewanderten zusammen. Wie jede Weltmetropole ist Berlin ein Schmelztiegel der Kulturen und Lebensstile oder eben das Terrain ihres Aufeinanderprallens. Um Realismus, vielfältigen kulturellen Ausdruck und das Abmildern dieses Aufpralls ging es "Radio Multikulti". Längst hat die Welle das Stadium verlassen, nur gut gemeint zu sein. Sie war ein Angebot - am Ende in 21 Sprachen. Für in- und ausländische Mitbürger, keineswegs in erster Linie für "Gutmenschen" und Sozialarbeiter.

Ob Nouredine Ben Redjeb oder Pia Castro - es gab in der Klientel bekannte Moderatoren, und mancher Band half die Präsenz auf gerade dieser Welle. Vor 14 Jahren gab es eine Menge Geburtshelfer: Das Bundesarbeitsministerium investierte, weil sprachlose Menschen auch auf dem Arbeitsmarkt keine Chance haben. Die Medienanstalt Berlin-Brandenburg (mabb) zahlte dem rbb Geld für diese Investition, das eigentlich ihr zustand, und vergab die Berliner Frequenz zweckgebunden, auf der sich nun, als Helfer gerufen, der WDR mit seinem "Funkhaus Europa" breit machen darf.

Es hagelt Proteste und Unverständnis: Der regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) bedauert die Entscheidung, kann sich aber natürlich nicht in einzelne Programm-Entscheidungen einmischen. Die langjährige Ausländerbeauftragte des Senats, Barbara John (CDU), bittet darum, die Stimme der "kulturellen Vielheit" nicht verstummen zu lassen. Die Beauftragte des Bundes, Maria Böhmer (CDU), protestiert, und für die Akademie der Künste nennt Klaus Staeck die Entscheidung "unverantwortlich". Der Medienrat der mabb erklärt sein "Bedauern", andere ihr Unverständnis - aber ändern wird das nichts mehr. Die Gremien des rbb funktionieren so straff, dass selbst der Vertreter türkischer Interessen dort dem Todesurteil brav zustimmte.

Große Worte, aber keine Taten

Noch vor kurzem waren die Vertreter von ARD und ZDF in großer Zahl und höchst repräsentativ auf dem Integrationsgipfel bei Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble vertreten. Sie versprachen, mehr für die Zuwanderer zu tun, und betonten die Bedeutung der Medien für die gesellschaftliche Integration. "Multikulti" - für das, was anderswo recht zwanglos und wie selbstverständlich funktioniert, gibt es in ARD-Anstalten Sonder- und Förderprogramme, viel Lob und Selbstlob. Für den Medienpreis "Civis", mit dem Mut und Toleranz geehrt werden, gibt es eine eigene Gesellschaft, der die WDR-Intendantin Monika Piel vorsteht, fest angestellte Mitarbeiter, ein eigenes Haus und einigermaßen prunkvolle Preisverleihungen, sogar unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten.

An kraftvollen Bekenntnissen und schwungvollen Sonntagsreden herrscht also gewiss kein Mangel - aber im Alltag sieht die Welt schon beim ersten, noch keineswegs unbeherrschbar dramatischen finanziellen Problem, ganz anders aus: Gestrichen wird ausgerechnet das Besondere, das Einzigartige, das Programm, das andere nicht bieten können oder wollen, das Programm, das besonderer öffentlicher Unterstützung bedarf und öffentlich-rechtliche Finanzierung letztlich erst legitimiert.

Es soll ein Zeichen sein - es ist ein falsches Zeichen

Der Intendantin des rbb, Dagmar Reim, mag niemand böse Absicht unterstellen. Im Zugzwang habe sie sich befunden. Die prognostizierte Gebührenlücke habe eine rasche Entscheidung nötig gemacht. Sie meine es ernst, wenn sie die "Integration" nun zur "Querschnittsaufgabe für alle Programme" erkläre. So kolportieren es Wohlmeinende. Ein aufrüttelndes Signal habe sie setzen wollen. Letztlich sei der Beschluss, "Radio Multikulti" einzustellen, auch ein Hilfeschrei.

Nun ja. Warum aber wurde dann in der Resolution jeder Hinweis auf eine eventuelle Revision im Falle besserer Gebühreneinnahmen getilgt? Warum wurde die Schließung nicht als Junktim fordernd für eine Neuregelung des ARD-Finanzausgleichs eingesetzt? Die Schließung ist und bleibt ein falsches Zeichen. Wer sich selbst eines seiner wesentlichen Organe beraubt, wer sich selbst verstümmelt, fordert nicht dringlich Hilfe und Unterstützung, sondern demonstriert nur eindringlich, dass seine Schwäche unübersehbar ist.

Hofft Dagmar Reim wirklich auf den guten Willen der anderen ARD-Anstalten? In Berlin findet die wichtigste TV-Gesprächssendung statt - verantwortet vom NDR. In Berlin findet die wichtige Politikberichterstattung statt - geleitet wird das Hauptstadtbüro vom WDR. In Berlin fand bis vor kurzem mit "Radio Multikulti" ein wichtiges Integrationsprogramm statt - jetzt erhält der zur Hilfe herbeigerufene Westdeutsche Rundfunk eine schöne neue Hörfunk-Frequenz in Berlin. Woher soll da das Interesse kommen, einen starken Hauptstadtsender zu fördern?


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