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Emmerhoff & the Melancholy Babies: Spiel mir das Lied vom Nordlicht

Fünf Jungs aus Norwegen gelingt ein Überraschungsangriff auf chartmüde Ohren. "Misty Trails" verschmilzt die Melancholie des nordischen Winters mit Wüstenrock in bester Americana-Manier.

Aus dem hohen Norden Europas ist man ja allerhand Seltsames gewöhnt: Strickpullover mit Zopfmustern, Möbel zur Selbstmontage und Brot, das so trocken ist, dass es kein Bäcker verkaufen würde. Immer wieder erobern die Skandinavier mit solchen Ideen ein Stück Alltag. Gut möglich, dass sie in diesem Winter einen neuen Überraschungs-Erfolg landen können - mit einem akustischen Manöver, das man nur als Elkboy-Musik bezeichnen kann. Es gibt keinen treffenderen Begriff für Songs, die an Cowboystiefel denken lassen, unter denen eine Eisdecke zerbricht. An Schaukelstühle und Glühwein. An das Flirren am Horizont, wenn man weit in die Wüste blickt - durch wildes Schneetreiben.

Vor acht Jahren scharten sich in Norwegen vier "Melancholy Babies" um den Sänger und Gitarristen Gunnar Emmerhoff. Gitarren wurden mit Emmerhoffs dunklem Flüstern, Orgelklängen und treibendem Schlagzeug kombiniert und die Herzen der Landsleute im Sturm genommen. Nun wollen die Musikmelancholisten auch den Rest Europas auf ihre "Misty Trails" - so heißt das gerade erschienene Album - locken. Wer sich darauf einlässt, kann eine düstere Achterbahnfahrt der Sinne erleben.

Hier ist die Eiszeit

Das Label der fünf Norweger erklärt die Bildgewalt ihrer Musik damit, dass die Jungs halt Naturburschen und an der norwegischen Westküste aufgewachsen seien. Irgendwo in dieser rauen Landschaft muss es jedoch auch einen Probekeller gegeben haben. Also haben Emmerhoff & the Melancholy Babies die wetterfesten Jacken gegen Gitarren eingetauscht - und sie wissen sie einzusetzen. Das Ganze klingt, als seien Bands wie Tito & Tarantula, Calexico oder 16 Horsepower von der Eiszeit überrascht worden. Das britische "Q Magazine" sah in Emmerhoff gar einen "arktischen Nick Cave". Große Geister, die da auf eine Band herab beschworen werden, die außerhalb Norwegens lange Jahre niemand wahrgenommen hat.

"Misty Trails" schadet es daher gar nicht, dass es kein neues Album, sondern eine Kollektion aus bereits veröffentlichten Alben der Norweger ist. Um eine so stimmige, interessante und eigenständige Klangwelt auf einen Silberling zu bannen, müssten viele erfolgreichere Bands lange in ihren alten Aufnahmen kramen. Emmerhoff & the Melancholy Babies' Diskografie umfasst nur drei Alben. Dennoch wirkt die Zusammenstellung auf "Misty Trails", als würde in einem Puzzle jedes Teil wie von Geisterhand auf den richtigen Platz rutschen. Songs wie "Rag-and-Bone-Man" oder "Skeleton Waltz" sorgen für die nötige düstere Atmosphäre. "Misty Trails" und "Nowhere Town" lassen spüren, warum die Melancholie ihren Platz im Bandnamen verdient hat.

Hypnotischer Totentanz

Am besten sind Emmerhoff und seine Melancholy Babies jedoch, wenn sie mit ihrer ganz eigenen Kombinationsgabe ans Werk gehen: Wenn sich um die ruhige Schlagzeuglinie in "Caravanserai" orientalisch anmutende Klänge winden. Oder wenn die leisen Sehnsuchtsmelodien von "Baby Sinister" und "This Summer's Done" sporadisch von Countrygitarren attackiert werden. "Dark Horse" und "Viva Revenge" schließlich verwandeln die Cowboystiefel im Handumdrehen in Tanzschuhe für einen hypnotischen Totentanz. Dann ist es egal, wohin die "Misty Trails" führen und ob hinter den Nebeln vielleicht die norwegische Steilküste lauert. Hauptsache, die Replay-Taste des CD-Spielers lässt sich noch finden.

Claudia Fudeus
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