Eurovision Song Contest Neues Konzept soll frischen Wind bringen


Der Schlager-Grand-Prix ist kaum wiederzuerkennen: Beim deutschen Vorentscheid fehlen Schnulzen und Ralph Siegel, stattdessen gibt es Pop mit Mia, Laith Al-Deen und anderen.

Es ist ein bisschen wie Deutschland ohne Bratwurst und Lederhose. Der Eurovision Song Contest, den älteren unter den Lesern seit jeher als Schlager-Grand-Prix bekannt, ist in diesem Jahr kaum wiederzuerkennen: Weder Ralph Siegel noch der deutsche Schlager oder fragwürdige Trash-Kandidaten sind beim deutschen Vorentscheid am 19. März in Berlin dabei. Der Norddeutsche Rundfunk (NDR) hat dem Fernsehwettbewerb nach dem Quotensturz im vergangenen Jahr eine Verjüngungskur verordnet: Für Deutschland singen darf, wer mit seinem Video bei Viva zu sehen war.

Ohne Schlager und Siegel

Daneben gibt es so genannte Wild Cards, deren Vergabekriterien NDR-Unterhaltungschef Jürgen Meier-Beer zuweilen vergeblich geduldig erklärt. Das Ergebnis soll den Musikgeschmack der Charts spiegeln: Rap, Pop, Techno, Elekropunk - was der Viva-Zuschauer eben so hören und sehen mag. Fünf der elf Titel sind deutschsprachig. Interpreten mit Boygroupcharme sind dabei, wie die Castingformation Overground oder der "Schnuckelschweizer" Patrick Nuo. Ferner treten die Szene-Band Mia, der Mannheimer Popsänger Laith Al-Deen, die Techno- Formation Scooter und Rapperin Sabrina Setlur in der Arena in Berlin- Treptow auf - wobei Letztgenannte froh sein dürfte, wenn sie nicht mehr auf ihre einstige Liaison mit Boris Becker angesprochen wird.

"Souveräner Humor"

In diesem Jahr ist es um den Wettbewerb recht ruhig geblieben. 2003 hießen der Trash-Kandidat Elmar Brandt (der Kanzlerimitator) und die Gewinnerin Lou. Ralph Siegels Kandidatin ging beim Finale in Riga allerdings im Medienrummel um das vermeintlich lesbische russische Skandalduo "t.A.T.u" ziemlich unter. Davor sangen Corinna May und Michelle für Deutschland. Und sechs Jahre ist es schon her, dass Guildo Horn den Schlagerwettbewerb wieder zum Publikumsliebling machte. Dass dann gänzlich unmusikalische Kandidaten wie Zlatko und Rudolph Moshammer beim Vorentscheid antraten, hält NDR-Mann Meier-Beer im Nachhinein für ein "völlig absurdes Missverständnis". Horn und Stefan Raab hätten hingegen mit ihrem "souveränen Humor" dem deutschen Image gut getan.

Kritik an neuem Regelwerk

Im vergangenen Jahr verlor die ARD-Sendung im Schatten des RTL-Spektakels "Deutschland sucht den Superstar" drei Millionen Zuschauer. Nun hat "Germany 12 Points!" zwei neue Moderatoren, Jörg Pilawa und Sarah Kuttner, und mit der Konzeptänderung soll "Schluss mit schnulzig" sein. Da Interpreten wie Andrea Berg und Roland Kaiser nicht auf Viva laufen, fehlt der deutsche Schlager. "So etwas kann man nicht machen", kritisierte Dieter Thomas Heck. Eine ganze Gruppe werde völlig ausgeklammert. So einen "Quatsch" wolle er gar nicht erst kommentieren, ließ Roland Kaiser die "Bunte" wissen.

Meier-Beer ficht dies nicht an. "Ich muss gestehen, dass ich kaum ernsthafte Kritik gehört habe", sagt er über die neuen Regeln. Er hält die Hürde über Viva für legitim: Schlager sei nicht mehr Popmusik deutscher Sprache wie früher und könne sich deswegen im Ausland nicht mehr behaupten. Wer für Deutschland singt, soll aber national erfolgreich sein und beim Finale in Istanbul (15. Mai) auch international bestehen können. Das galt allerdings schon früher, als der Wettbewerb noch Schlager-Grand-Prix genannt wurde. Und Produzent Ralph Siegel ("Ein bisschen Frieden")? Der scheiterte mit seinem Versuch, wenigstens für Malta ein Lied ins Rennen zu schicken.


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