Frankreich Deutsch lernen mit Tokio Hotel


Lehrer in Frankreich freuen sich: Französische Teenies sind in hysterischer Liebe entbrannt für die Sprache von Schiller und Goethe. Grund dafür ist Tokio Hotel. Die deutsche Band erweist sich als Exportschlager auf allen Ebenen und bricht Rekorde.
Von Astrid Mayer, Paris

Neues Unterrichtsmaterial für die Deutsch-Lehrer in ganz Frankreich: Die Song-Texte von Tokio Hotel. Ein Muss, sogar das Pariser Goethe-Institut hat sie jetzt an ihre Dozenten verteilt. "Ich habe total Lust, Deutsch zu lernen, damit ich die Texte besser verstehen kann", sagt Natascha, 13, die im karierten Rock mit gestreiften Kniestulpen zum Konzert der vier Deutschen im Pariser Konzertsaal Bercy gekommen ist, die Haare frisch in Pink gefärbt. Der Platz vor dem pyramidalen Gebäude war schon am Nachmittag voll mit wartenden Fans, die hofften, einen Blick auf die eintreffende Band zu erhaschen. 18.000 Leute fasst das zweitgrößte Stadion von Paris.

Und dann ist es die bei Konzerten von Tokio Hotel übliche Hysterie: Es sind vor allem Mädchen gekommen, viele mit ihren Eltern, die völlig ausflippen. Ab Konzertmitte müssen immer wieder ohnmächtige Zuhörerinnen heraus getragen werden. Wenn die Band "Wo sind Eure Hände" singt, dann gehen die meisten Hände hoch - die Fans verstehen, was ihre Idole da singen. Wer keinen Deutsch-Unterricht hat, übersetzt auf den Pausenhöfen mit dem Lexikon. "Es ist schade, dass sie manche Texte auf Englisch singen", sagt Natascha. "Deutsch ist besser".

Die Tourneen von Tokio Hotel im Ausland führen sie überall in ausverkaufte Locations, aber in Frankreich haben sie besonders viel Erfolg. Die Karten für die derzeitige Tournee waren innerhalb von 36 Stunden ausverkauft: "So etwas habe ich nicht einmal bei Red Hot Chili Pepper erlebt", sagt der französische Produzent von Tokio Hotel, Salomon Hazot. Die Single "Zimmer 483" schoss innerhalb von einer Woche auf Platz zwei der französischen Charts - unerhört für eine deutsche Band bisher. Sogar ein Buch erscheint demnächst in Frankreich über die Band, Untertitel: "Der Tsunami".

Auch der Verkauf der Fan-Artikel läuft glänzend - Schulhefte, Ordner und Taschen mit Tokio-Hotel-Motiven verkaufen sich wie warmes Baguette. Auch in Frankreich sind es vor allem die Mädchen, die sich für Tokio Hotel begeistern. Das liegt nicht bloß am Charme der Band-Mitglieder: "Mir geht das ganze frauenfeindliche Getue der Hip-Hop-Bands so auf die Nerven", sagt Louise, auch sie punkig gekleidet und die Refrains fehlerfrei mitsingend. Und die französische Musik sei ihr zu schnulzig.

Rock aus Deutschland beliebter als französischer Weichspülersound

In der Tat surfen die französischen Liedermacher eher auf der nostalgischen, sentimentalen Welle; die jungen Liedermacher wie Dominique A. oder Keren Ann, die sich wiederum in Deutschland gut verkaufen, pflegen sanfte Melancholie und betrachtende, poetische Texte - da sind die Dynamik und das Engagement von Tokio Hotel mal was ganz anderes. Und freilich ist da auch das rückhaltlose Verknalltsein begeisterungsfähiger Teenager, die Plakate schwenken mit "Tom, ich will dich", oder "Bill, ich liebe dich" - auf Deutsch geschrieben, natürlich.

In größeren Städten, die die Band auf ihrer derzeitigen Tour nicht beglückt, haben Jugendliche Unterschriften gesammelt, damit sie beim nächsten Mal auch in den Genuss eines Konzerts kommen. Das Management will das berücksichtigen, sagt Produzent Salomon Hazot. In Paris rufen die Konzertbesucherinnen "Zugabe" - auf Deutsch natürlich - und sie bekommen drei davon. Aber Kondome oder BHs schmeißen sie nicht, die Pariserinnen, sondern eher Stofftiere. Den vier Musikern ist das auch recht: "Das war immer mein Traum, ich wollte immer hier oben stehen", sagt Bill irgendwann. Ob er gerade Bercy meint oder einfach nur die Bühne, das Rampenlicht, weiß man nicht.


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