HOME

Hamburger Musical "Sister Act": Nonnen in Glitzerkutten

Die Geschichte ist alt, die Musik dagegen brandneu: Deloris van Cartier beobachtet einen Mord und wird vom Zeugenschutzprogramm ins Kloster gesteckt. Nur an der Übersetzung der Komik aus dem Englischen hapert es.

"Anstatt einfach nur die Vergangenheit zu wiederholen, muss man nehmen, was war und etwas völlig Neues daraus machen", sagte Co-Produzentin Whoopi Goldberg in der Vorbereitung des Musicals "Sister Act". Wer allerdings die Handlung der erfolgreichen US-Filmkomödie mit Goldberg von 1992 kennt, wird - zumindest was den Inhalt angeht - wenig Neues im Musical entdecken. Neu an "Sister Act - Das himmlische Vergnügen", wie die Produktionsfirma Stage Entertainment das Stück bewirbt, ist einzig die Musik. Zugegebenermaßen sind die Songs nicht unwesentlich bei einem Musical, hier stammen sie aus der Feder des mehrfach Oscar-prämierten US-Komponisten Alan Menken.

Die Geschichte von "Sister Act" ist schnell erzählt: Die etwas heruntergekommene Barsängerin Deloris van Cartier hat unfreiwillig einen Mord beobachtet und muss nun bis zum Prozess gegen ihren Ex-Freund ins Zeugenschutzprogramm. Der heimlich in Deloris verliebte Polizist Eddie bringt die überdrehte Sängerin deshalb an den Ort, wo man sie am wenigsten vermuten würde: ins Kloster. "Moinsen Schwesterherzen!" und "Also Muddi, bei mir läuft das so…" begrüßt Deloris die Mutter Oberin (gespielt von Schauspielerin Daniela Ziegler) bei ihrer Ankunft und will ihr wildes, weltliches Leben wie bisher weiterführen. Die Oberin ist von Deloris Auftreten wenig begeistert und zwingt sie, sich den strengen Regeln des Klosterlebens anzupassen. Wer den Film kennt, weiß, dass am Ende beide Seiten dazugelernt haben werden.

"Volles Rohr für Gottes Ohr"

Die völlig konträren Lebenswelten, die unvermittelt aufeinanderprallen, bieten genug Stoff für komische Zwischenfälle. Nach dem Motto "Volles Rohr für Gottes Ohr" möbelt die quirlige Deloris nach und nach den verzagten Nonnenchor auf, bis er sogar vor dem Papst auftreten darf. Die Figuren sind eng an der filmischen Vorlage orientiert. So gibt es ein Wiedersehen mit Schwester Mary Robert, die sich von der schüchternen Novizin zum Stimmwunder mausert und der schwer- und stimmgewichtigen Frohnatur Schwester Mary Patrick, die im Gegensatz zur kecken Film-Nonne allerdings etwas blass bleibt. Zum Publikumsliebling könnte sich dagegen Schwester Lazarus entwickeln, die alte Nonne haut stets die besten Sprüche raus und scheut auch vor einer Rap-Einlage nicht zurück.

Am meisten Spaß machen die mitreißenden Auftritte des Nonnenchors sowie die etwas schräg angelegten Nebencharaktere. Wenn etwa Comedian Tetje Mierendorf als behäbiger Möchtegern-Gangster auf Womanizer macht, um die "Klosterschnecken" anzubaggern. Und sich dann "Hej Schwester …, ich bin der Schmusekater deiner Wahl" schmachtend lasziv auf der Bühne räkelt. Die vielleicht beste Szene ist, wenn der schüchterne Polizist Eddie (Mathieu Boldrion), sich unvermittelt die biedere Uniform vom Leib reißt und im weißen Anzug mit Schlaghose à la John Travolta in "Saturday Night Fever" den Mann besingt, der wirklich in ihm steckt.

In den Textpassagen stellenweise verkrampft

In den Textpassagen, vor allem im ersten Akt, wirkt das Stück dagegen stellenweise verkrampft, der Humor zu gewollt. Das liegt nicht zuletzt an der nicht immer gelungenen Übersetzung aus dem englischen Original. Der durch die Musik vorgegebene Zwang zum Reim tut ein Übriges. Insbesondere die Übertragung von Wortspielen und -witzen auf Deutschland gerät manches Mal einfach nur platt.

Die 26 "Sister Act"-Darsteller machen diese Schwächen überwiegend mit ihren Gesangseinlagen wett. Allen voran die Hauptdarstellerin Zodwa Selele: Der 32-jährigen, in Hof geborenen Südafrikanerin gelingt der Spagat, eine Ähnlichkeit mit Whoopi Goldbergs Deloris herzustellen und der Rolle zugleich eine ganz eigene Prägung zu geben.

Für das Finale dürfen die Kostüm- und Bühnenbildner dann aus dem Vollen schöpfen und tief in die Paillettenkiste greifen. Eine fünf Meter hohe Madonna erstrahlt im Funkeln von mehr als 25.000 Spiegelmosaiksteinen. Die Nonnen wirbeln ausgelassen in Glitzerkutten mit den Gangstern im Pailletten-Knastoutfit über die Bühne. Das hat man im Film so nun wirklich nicht gesehen.

Nadine Pilz, DAPD / dapd