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Filmprojekt "Lieber Freund Hitler": Hitler à la Bollywood

Filme über Adolf Hitler sorgen immer wieder für Aufregung. Diesmal jedoch will ausgerechnet das für kitschige Musicalfilme bekannte Bollywood der Welt einen "ganz anderen" Hitler zeigen. Aber was hat eigentlich Gandhi damit zu tun?

Von Sophie Albers

"Auf der Launch-Party für 'Dear Friend Hitler' im Novotel in Mumbai zeigte Ex-Miss-Indien Neha Dhupia, dass sie es drauf hat, Eva Braun zu spielen", berichtet der indische Onlinedienst "Sawf News": Zum langen Rock habe sie ein farblich abgestimmtes Oberteil mit Blumendruck getragen, und der bis zu ihren schlanken Fesseln reichende, asymetrisch geschnittene Rock sei in der Taille mit Edelsteinen verziert gewesen... Moment mal: Was haben Hitler und Eva Braun mit einer Ex-Miss-Indien in Blumendruck zu tun? In Bollywood derzeit eine ganze Menge.

Die Nachricht, dass Regie-Neuling Rakesh Kumar Ranjan in diesem Sommer einen Film mit dem Titel "Dear Friend Hitler" (Lieber Freund Hitler) drehen wird und dafür neben besagter Ex-Miss-Indien als Eva Braun auch den international bekannten Bollywoodstar Anupam Kher ("Kick it like Beckham") als Adolf Hitler gewinnen konnte, sorgt außerhalb von Bollywood für Aufregung. Ranjan, der in den vergangenen Jahrzehnten bei zahlreichen Bollywoodproduktionen für den Ton zuständig war, hat nämlich ganz eigene Pläne mit Hitler.

"Der erfolgreichste Verlierer des 20. Jahrhunderts"

Auch wenn die Kombination des Diktators und dem tanzenden, singenden Bollywood einiges an Witzpotential birgt: Ranjan plant keine musikalische Satire im Geiste von Mel Brooks' "Frühling für Hitler", sondern eine Charakterstudie à la "Der Untergang". Wie in Oliver Hirschbiegels umstrittenem Drama soll es um die letzten Tage im Bunker in Berlin gehen.

"Wir wollen Hitlers Ängste, seine Unsicherheit und den Druck zeigen, der auf ihm lastete, als er wichtige Entscheidungen traf", zitiert der australische Nachrichtendienst "ABC News" den Produzenten Anil Sharma. Hitler sei der "erfolgreichste Verlierer des 20. Jahrhunderts", verteidigt Regisseur Ranjan seine Themenwahl. Dieser Interpretation wolle er auf den Grund gehen. Und weil "Dear Friend Hitler" für den internationalen Markt gedacht ist, wird er nicht nur in Hindi, sondern auch in Englisch gedreht.

Nun darf jeder Regisseur der Welt einen Film über Hitler drehen, so lange das Publikum frei ist, ihn zu ignorieren oder darüber zu diskutieren. Daran ändert auch die Romanze im Film nichts, die Ranjan ankündigt. Denn - und da kommt Ex-Miss-Indien wieder ins Bild: Es soll vor allem auch um Eva Braun gehen, die Hitler kurz vor dem gemeinsamen Selbstmord geheiratet hat. "Eva war Hitlers Freundin, seit sie 17 war." Der Film zeige, wie sie in sein Leben trat und ihre Bedeutung an dessen Ende, so der Regisseur.

Geschenkt. Die Probleme der rund drei Millionen Dollar teueren Produktion fangen mit dem Titel an.

"Hitler-Freund" Gandhi?

"Dear Friend Hitler" zitiert die Anrede zweier Briefe, die der indische Freiheits-Pazifist Mahatma Gandhi Adolf Hitler einst geschrieben hat. Der Film solle Hitlers "Liebe zu Indien" zeigen, betont der Regisseur, und seinen "indirekten Beitrag zur indischen Unabhängigkeit". Einer der Produzenten verstieg sich zu der Äußerung: "Wenn wir jemandem für Indiens Freiheit danken sollten, dann Hitler." Das ist historischer Unfug, den es klar zu stellen gilt.

Die Briefe hat es tatsächlich gegeben, der erste davon existiert gut lesbar im Netz. Die freundliche Anrede geht auf Gandhis Konzept der "Freundschaft aller Menschen" zurück. Und ohne tiefer in die nicht unumstrittene Völkerpolitik der Friedensikone einzudringen: Anlass für den ersten Brief vom 23. Juli 1939 war Gandhis Bitte an Hitler, den Krieg zu verhindern. Und auch im zweiten, den er Weihnachten 1940 schrieb, versuchte er, ihn zum Frieden zu bekehren. Bekanntermaßen erfolglos.

Ohne auf Sinn oder Unsinn von Gandhis Schreibversuchen einzugehen: Hitler war definitiv kein Freund Gandhis. 1937 hatte er seinem britischen Kollegen, dem Appeasement-Politiker Lord Halifax bei einem Treffen empfohlen, Gandhi zu töten - und wenn nötig auch alle anderen Freiheitsaktivisten, bis die Unabhängigkeitsstreiter aufgeben würden. Hitler fand die britische Unterdrückungspolitik viel zu lasch.

"Dear Friend Hitler"

Auch Hitlers Unterstützung der Indischen Nationalarmee unter Führung des Revolutionärs Subhas Chandra Bose, war mehr Propaganda-Schachzug als Waffenhilfe. Bose war 1941 vor den Briten nach Deutschland geflohen, um Beistand zu erbitten. Aus deutschen Kriegsgefangenenlagern zurück nach Indien verschiffte indische Soldaten, die für Großbritannien gekämpft hatten, blieben 1943 führungslos, als Bose sich nach Japan absetzte.

Aber zurück nach Bollywood und zu "Dear Friend Hitler". Sicher, historische Ungenauigkeiten gibt es auch in Hollywood und überall sonst, aber eines sollten sich die Macher des Films, der vor dem eigentlichen Drehbeginn bereits für so viel Aufregung sorgt, fragen: Ist ein PR-Coup wie dieser es wert, die wahre Geschichte der Unabhängigkeit des eigenen Landes zu opfern?

Und, ach ja, der Satz, auf den alle gewartet haben, kommt natürlich auch noch: Es sei noch nicht sicher, ob es Tanz- und Gesangseinlagen geben werde, sagt Produzent Anil Sharma.