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Hip Hop Die Deutsche Eva Ries managte 21 Jahre lang den Wu-Tang Clan: "Überall, wo wir aufgetaucht sind, gab es Stress"

Eva Ries und Mitglieder des Wu-Tang Clan
Ihr vertrauten die Rapper: Eva Ries (2.v.l.) mit Mitgliedern des Wu-Tang Clan
© Melina Boutries
Der Wu-Tang Clan eroberte die Hip-Hop-Welt – auch mit Hilfe einer Deutschen. Managerin Eva Ries berichtet im stern-Interview von ihren wilden 21 Jahren im engsten Kreis des Clans.

Anfang der Neunziger erschien eine Hip-Hop-Gruppe aus New York City auf der Bildfläche: Der Wu-Tang Clan bestand aus neun Rappern, die erst in den USA und dann auch in Europa zu Stars wurden. Was nur wenige wissen: Eine Deutsche leistete einen wichtigen Beitrag zu dieser Erfolgsgeschichte. Die Mannheimerin Eva Ries, 60, war die Managerin des Clans und kümmerte sich um die Vermarktung. In dem Buch "Wu-Tang is forever" erzählt sie ihre Geschichte.

Im stern-Interview spricht Eva Ries über ihre 21 Jahre mit dem Wu-Tang Clan, die kuriosesten Erlebnisse mit den Rappern – und erzählt, warum sie in Tränen ausbrach, als sie die Musik zum ersten Mal hörte.

Managerin des Wu-Tang Clan: "Sie haben mich mit Prinzessin Diana verglichen"

Frau Ries, Sie und der Wu-Tang-Clan – das ist eine ungewöhnliche Verbindung. Wie ist es dazu gekommen?
Eva Ries:
Es war absoluter Zufall. Ich kam eigentlich aus dem Rock-Bereich, von Hip Hop habe ich weder etwas gehalten noch etwas davon verstanden. Als ich dann nach New York kam, wurde ich vor vollendete Tatsachen gestellt. Meine Plattenfirmenbosse haben gesagt: Den ganzen Hip Hop und die schwarze Musik, das machst du.

Dementsprechend waren Sie am Anfang auch überhaupt nicht begeistert.
Ich war sogar ziemlich schockiert. Als ich die ersten Töne vom Wu-Tang Clan gehört habe, auf meiner Hochzeitsreise auf Hawaii mit einem Walkman, habe ich sogar geweint. Die haben da irgendwelche Torture Skits gemacht, in denen es um die besten Foltermethoden ging. Ich dachte, ich hätte den größten Fehler meines Lebens gemacht.

Wu-Tang is forever, Eva Ries
Eva Ries
Wu-Tang is forever: Im engsten Kreis der größten Band der Welt

240 Seiten
28 Euro
Benevento
 
© Benevento

Wie lief dann das persönliche Kennenlernen mit diesen neun Rappern – alle schwarz, vorbestraft und aus den Elendsvierteln von New York?
Persönlich waren die nicht so schlimm wie das, was ich auf der Kassette gehört hatte. Wenn man mal mit einem oder zwei von ihnen allein normale Gespräche führt, merkt man, dass es ganz normale Menschen sind. Ich habe erst mal versucht, den Background etwas auszublenden.

Wie lange hat es gedauert, das Vertrauen des Clans zu gewinnen?
Das war schwer, weil die Jungs sehr paranoid waren. Am Anfang haben sie Gerüchte verbreitet, ich wolle den Clan infiltrieren und geheime Informationen an die Regierung verkaufen. Da musste ich ihnen sagen: Leute, ihr seid größenwahnsinnig, ihr nehmt euch viel zu wichtig. Es hat etwa vier Wochen gedauert, bis ich den ersten geknackt hatte. 

Welcher von den Neun war das?
Das war Method Man. Der hat als erster gesagt: "Eva, you are my N***." Das heißt, wir sind Freunde. Dann hat er den anderen erzählt, dass ich doch gar nicht so schlimm bin.

Sie sind dem Wu-Tang Clan also sehr nah gekommen. Gab es trotzdem auch Bereiche, die Ihnen verschlossen blieben? 
Die erzählen einem alles, ob man es hören will oder nicht – von ihren Beziehungen und Kindern über die Brustkrebserkrankung ihrer Frau bis hin zu Drogen. Da haben die meisten gar keinen Filter. 

Welche Rolle hat es gespielt, dass sie weiß sind und eine Frau? Hat das ihre Aufgabe noch schwieriger gemacht?
Nein, ich glaube einfacher. In jeder anderen Konstellation wäre ich brutal verhauen worden. Mit einem schwarzen Mann wäre eine Rivalität entstanden, einem weißen Mann hätten sie vielleicht eine geschossen, und als schwarze Frau wäre ich noch weniger respektiert worden.

Sie haben mich in den Anfangszeiten sogar mit Prinzessin Diana verglichen, auch wenn ich mit der nichts gemeinsam hatte – außer einer Kurzhaarfrisur. Ich kam eben aus einer deutschen Mittelstandsfamilie und das war verglichen mit den sozialen Brennpunkten und Elendsvierteln, aus denen die Band kam, schon etwas Königliches.

Viele sind daran gescheitert, länger mit dem Wu-Tang Clan zusammenzuarbeiten. Warum haben gerade Sie es geschafft?
Ich glaube, weil ich keinen Unsinn toleriere und ziemlich rabiat sein kann, wenn mir jemand zu nahe kommt. Viele um die Band herum waren einfach Ja-Sager, weil sie Angst um ihren Job hatten. Ich konnte mich dagegen trauen, die Wahrheit zu sagen, weil ich nicht von der Band abhängig war. Das kommt bei Rappern gut an.

Mit welchen Worten würden Sie Ihre Rolle beim Wu-Tang Clan beschreiben? Es war doch irgendwann mehr als nur eine Managerin.
Ich war auch Schiedsrichterin, Mediatorin, Therapeutin – alles Mögliche. Ich wurde oft herangezogen, um zu sagen, wer Recht hat, wenn die Band sich wieder extrem gestritten hatte: wer der beste Rapper ist, oder wenn es um Geld ging. In der Rolle wollte ich eigentlich gar nicht sein. Ich wollte eigentlich möglichst neutral sein.

US-Rapper Pusha T posiert für die Kamera.

Sind Sie mittlerweile mit den Rappern befreundet?
Ich wollte nie die Freundin sein. Für mich war es immer ein professionelles Verhältnis. Es ist schön, wenn sie dich mögen, aber ich war nie darauf aus, Freunde fürs Leben zu gewinnen. Dass es dann trotzdem passiert ist, ist eine Begleiterscheinung. Aber ich habe es nie darauf angelegt.

Was waren für Sie die kuriosesten Erlebnisse, die Sie mit der Band hatten?
Kurios war eigentlich fast alles, manches auch traurig. Als wir zum ersten Mal nach Europa wollten, musste ich den Jungs erst Pässe besorgen, die waren teilweise noch auf Bewährung. Als wir dann endlich da waren, war das ein riesiger Kulturschock für die Band – und leider haben sie genau die Vorurteile erfüllt, die man in Europa so hat von einer schwarzen Gang aus dem Ghetto.

Da haben nach einer Autogrammstunde in einem Plattenladen mal 40 CDs gefehlt. Und überall, wo sie waren, sind sie sofort an die Telefone gerannt, um in die USA zu telefonieren – und die Telefonrechnungen musste dann das Label zahlen. Zwei-, dreimal musste die Polizei kommen, weil sie im Hotel die Rechnungen nicht bezahlen wollten.

Eigentlich gab es überall, wo wir aufgetaucht sind, nur Stress. Das war mir natürlich immer wahnsinnig peinlich. Im Grunde hat der Clan das aber vor allem aus Unsicherheit gemacht: Sie haben sich unwohl und fälschlicherweise auch abgelehnt gefühlt in dieser weißen Umgebung. Das war dann so eine Art aggressive Gegenreaktion.


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