HOME

HipHop gegen HIV: Ex-Prinz-Porno als Aids-Aufklärer

Sexy Posen, nackte Frauen, coole Macker mit Goldketten - Rap-Videos zelebrieren gerne sexuelle Freizügigkeit. Weil HipHop aber eine globale Jugendkultur ist, benutzt eine Initiative der Welthungerhilfe deren Codes, um in afrikanischen Ländern gegen das tödliche HIV-Virus vorzugehen. Erster Botschafter war der deutsche Ex-Prinz-Porno-Rapper Friedrich Kautz.

Von Johannes Gernert

An einem warmen Februarmorgen steht der Mann, der sich einmal Prinz Porno nannte, in einem Garten in der Hauptstadt von Tansania und spricht mit ehemaligen Straßenjungen über das HIV-Virus. Friedrich Kautz hat ein grünes Shirt an, Shorts und bewegt seine Hände beim Reden manchmal so, als würde er seine Worte zum Publikum schieben.

Die Jungs sitzen auf weißen Plastikstühlen. Einige Meter weiter stapeln sich große, schwarze Boxen. HIV ist ein Virus, das sich schnell verbreitet, sagt der 28 Jahre alte Kautz. Aber es gebe ein anderes Virus, bei dem sich das ähnlich verhält: HipHop. Damit könne man etwas gegen HIV tun. Deshalb ist Kautz, der mittlerweile unter dem Namen Prinz Pi rappt, Anfang Februar nach Dar es Salaam gereist. Fast 1,5 Millionen Menschen sind in Tansania mit dem HIV-Virus infiziert. Das Projekt, für das Kautz unterwegs war, heißt "Virus Free Generation".

Es ist auf den ersten Blick ein seltsames Zusammentreffen. Die globale erfolgreichste HipHop-Variante schließlich zelebriert in Gangsta-Rap-Videos sexuelle Freizügigkeit ohne Reue. Die Buchstaben HIV würden dort zwischen den bewegten Boobs und Booties wahrscheinlich ähnlich positiv Auffallen wie ein Gastauftritt von Alice Schwarzer. Diese Macho-Kultur soll zur Aids-Aufklärung beitragen? Als Botschafter des Ganzen dann ein ehemaliger Prinz Porno?

HipHop ist nicht nur Gangsta-Rap

Friedrich Kautz allerdings ist kein Porno-Rapper. Im Gegenteil: Die Texte des Berliners, der im bürgerlichen Stadtteil Steglitz aufs Gymnasium ging, beschäftigen sich kritisch mit einer übersexualisierten Gesellschaft und ihren Paris Hiltons. HipHop, sagt Kautz, bestehe nicht nur aus Gangsta-Rap, auch wenn man das in diesen Tagen leicht vergesse.

Im Dogodogo-Center in Dar es Salaam, wo die Straßenjungs mit einer Ausbildung auf eine besser Zukunft vorbereitet werden, hat er sie draußen im Garten deswegen zunächst einmal gefragt, was sie von dem Gangsta-Gepose halten. Man bräuchte sinnvollere Texte, man müsste sich eher mit den Schwierigkeiten im täglichen Leben beschäftigen, haben sie geantwortet. Also schrieben sie Zeilen auf zu dem einen Thema, mit dem jeder von ihnen schon einmal zu tun gehabt hatte.

Symbol ist ein Mikro im Kondom

Auch Fid Q, ein bekannter Rapper aus Tansania, hat seine Schwester an Aids sterben sehen. Mit ihm zusammen verbrachte Kautz seine Tage in Dar es Salaam. So sieht es das Konzept der HipHop-Tour vor, die "Virus Free Generation" veranstaltet - ein Projekt, an dem auch die Deutsche Welthungerhilfe beteiligt ist. In den kommenden Wochen treffen sich andere europäische Rapper mit afrikanischen Künstlern. Am Ende soll es eine CD und eine Europa-Tour geben. Das Symbol der Kampagne: ein Mikrofon in einem Kondom.

Schluss mit den Tabus

Es sollte nicht zu pädagogisch werden alles, kein gehobener Zeigefinger, sagt Kautz. "Hey Leute hört zu, es gibt Aids in Afrika, ein großes Problem, ihr müsst es sehen", rappt er aus Spaß vor. So gerade nicht. Stattdessen haben sie sich zusammen gesetzt und Rap-Dialoge entworfen. Es ging vor allem darum, über die Krankheit zu reden. "Du musst den Leuten nicht beibringen, dass Aids tödlich ist. Du musst dafür sorgen, dass es aus dem Tabubereich geholt wird, dass darüber diskutiert wird", sagt Kautz.

Manche der ehemaligen Straßenjugendlichen hatten sich prostituiert und dabei angesteckt. Andere hatten mehrere Freundinnen, was für die teils muslimischen Männer in Tansania nicht ungewöhnlich ist, hat der Rapper festgestellt. Um einer von ihnen zu zeigen, dass sie die Nummer eins ist, dass sie ihr besonders vertrauen, würden sie mit ihr auch ohne Kondom schlafen.

Das alles erzählten sie Kautz, während sie in kleinen Gruppen ihre Reime schrieben, in denen es um ähnliche Dinge ging, aber auch um grausame Geschichten, in denen Väter ihre Töchter vergewaltigen. Dem Straßenleben kam der Berliner Rapper näher, als einige ihm die Bäume zeigten, in deren Kronen sich obdachlose Jungs nachts zum Schlafen festbinden, um sich vor der Polizei zu verstecken. Unten lagen leere Geldbeutel. Reste der Tagesbeute. Kautz fielen die Graffitis in der Gegend auf: "Don't give up!" oder "Peace" stand da. Keine coolen Fantasienamen, wie man sie in Berlin sprühen würde.

Rap als Sprachrohr

Für viele der Jugendlichen gehörte das Rappen schon auf der Straße zum Alltag, bevor sie in das Dogodogo Center kamen. Sie schienen Kautz damit viel mehr auszudrücken als manche deutschen Teenager, deren Texte häufig nur die Überlegenheitsgesten der Gangsta-Vorbilder kopieren. Auch Fid Q nutzt seine Songs, um auf Missstände aufmerksam zu machen. Er rappt etwa über die Armen vom Viktoriasee, die von den Fischen, die dort gefangen werden, nur die Köpfe und Schwänze, den Abfall also, abbekommen. In einem anderen Stück beschäftigt er sich mit dem Schulsystem, mit teuren Büchern und Uniformen, die viele um ihre Bildungschancen bringen. Rap als Sprachrohr, aus dem eine klare Botschaft dringt.

HipHop ist im Senegal Sprache der Jugend

Andere afrikanische Künstler nutzen HipHop ähnlich. Im Senegal hat der Präsident der Jugend sogar einen eigenen Rap-Kanal im Fernsehen eingerichtet. "HipHop ist die Sprache der Jugend", sagt die Regisseurin Fatoumata Kandé Senghor, die dort Filme zum Thema dreht. Wenn eine Kampagne im senegalesischen Fernsehen zeigen soll, dass es wichtig ist, sich oft die Hände zu waschen, um sich keine Infektionen einzufangen, dann funktioniert es am Besten, wenn jemand das rappt.

In Tansania, Malawi, Namibia und Südafrika, wo die "Virus Free Generation"-Tour auch gastiert, soll die Anti-Aids-Botschaft so vor allem in die Dörfer gelangen, wo die Leute manchmal deutlich weniger wissen als die ehemaligen obdachlosen Jungen in Dar es Salaam. Friedrich Kautz glaubt, dass HipHop die Nachricht weit tragen kann: "Den meisten gefällt diese Musik einfach." Auf dem Abschlusskonzert hat er seine Stücke über HIV-Infektionen und geleckte Sex-Glitzerwelten auf deutsch gerappt. Die Leute sagten ihm später, sie hätten es trotzdem irgendwie verstanden.