Interview "Bei uns geht's um Fanta 4, nicht Hartz 4"


Sie hatten Angst davor, eine "uncoole" Platte zu machen - eine unbegründete Sorge. Die Fantastischen Vier melden sich mit ihrem neuen Album "VIEL" zurück und sprechen erstmals über das Altern und Jugendsünden, verlorene Ideale und gefundene Gelassenheit.

Von Oliver Link und Hannes Ross

Die Fanta 4 gelten als die Erfinder des deutschsprachigen HipHop. Sie veröffentlichen jetzt, nach fünfjähriger Pause, Ihr neues Album "VIEL". Wie groß war der Druck, der auf Ihnen lastete?

Smudo: Es gab sicherlich die Angst, dass wir eine uncoole Platte machen, von der alle sagen: "Warum machen diese Millionäre da so eine Platte? Die brauchen wir nicht."
Michi Beck: Hätten wir die Platte nicht hingekriegt, dann wäre es das gewesen mit uns. Es war voher eine ganze Weile die Frage, ob wir als Band überhaupt weitermachen können. Wir mussten uns erst mal wieder zusammenraufen...
Thomas D: ... dafür sind wir Ende 2002 für zwei Wochen auf eine Hütte im Vorarlberg gefahren, haben uns da zusammen eingeschlossen und sind jetzt wieder an einem Punkt, an dem wir meiner Meinung nach lange Zeit nicht mehr waren.
Michi Beck: Wir haben uns jetzt wieder sehr gut kennen gelernt. Die ersten drei Tage der Session dachte ich, das wird nichts. Ich war wahnsinnig deprimiert, habe ständig mit meiner Freundin telefoniert und der was vorgeheult. Für mich selbst war klar: Ich mach nicht diese Scheißplatte, nur um eine Platte zu machen.

Als Sie Anfang der 90er Jahre zu HipHop-Stars wurden, machten Sie den Eindruck einer unzertrennlichen Gang. Heute leben Sie in vier verschiedenen Städten. Würden Sie sich noch als Freunde bezeichnen?

Smudo: "Freunde" trifft es nicht mehr. Familie passt besser. Wir haben gemeinsam Karriere gemacht, eine eigene Plattenfirma gegründet, Geld verdient, sind gemeinsam mit Blumen und Tomaten beworfen worden. Doch ich mache mit den dreien nicht mehr die Dinge, die ich mit Freunden machen würde. Wir gehen sehr selten gemeinsam einen trinken.
And.Y: Die Individualisierung gab es schon ab 1993. Ab da entwickelte es sich bei uns auseinander. Thomas D: Wenn wir uns treffen, dann treffen wir uns inzwischen, weil wir gemeinsam arbeiten wollen oder müssen.
Michi Beck: Freunde kann man sich aussuchen, Familie nicht. Das ist bei uns ähnlich. Wie gut kennst du deinen Bruder, wenn er fünf Jahre in einer anderen Stadt gewohnt hat? Du kennst seine Vergangenheit, aber inzwischen lebt jeder sein eigenes Leben. Und trotzdem liebt man sich...
Thomas D: ... und verletzt sich auch gegenseitig. Gewalt gab es bis jetzt aber noch keine.
Smudo: Ein fliegender Stuhl in 15 Jahren. Das geht doch noch.

Sie sind jetzt bereits alle Mitte 30. In Ihrem Geschäft ein Alter, in dem man schon fast zum alten Eisen gehört. Wie sehr beschäftigt Sie das?

Thomas D: Ich denke da gar nicht so sehr drüber nach. Eigentlich seltsam. Ich weiß zwar: In 16 Jahren ist meine Tochter alt genug, um ihren eigenen Weg zu gehen. Aber ich stelle mir nicht vor, dass ich dann selbst anders sein werde als jetzt. Ich hoffe, dass ich noch ich sein werde. So, als würde meine Alterung nicht stattfinden.
Michi Beck: Mein Schiss vor dem Alter ist, dass ich irgendwann als Berufsjugendlicher ende. In unserem Job gibt es diese Restgefahr, dass du irgendwo reingerätst, wo du eigentlich nicht hingehörst. Bei meiner Soloplatte hat Scorpio von Grandmaster Flash mitgearbeitet. Der ist über 40 und ist mit übergroßen Hosen herumgelaufen, die wie Strampelanzüge aussehen. Ich fand das würdelos. Gruselig.
Thomas D: Coolio ist auch so einer, der seine Würde verloren hat...
Smudo: ... der macht mit Jazzy und Chris Norman einen Song und rennt in die Comeback-Show bei ProSieben mit Arabella Kiesbauer! Der ist oder war eindeutig ein besonderer Künstler mit einer besonderen Stimme. Bei solchen Leuten denke ich: Der kann doch was! Der ist doch was! Und jetzt verhält er sich so bescheuert. Der wird im Fernsehen interviewt und sagt: "Yeah! Mein neues Album kommt raus. Es heißt Return of a Gangsta." Da muss ich ausschalten. Da krieg ich Augenkrebs.

Fühlen Sie sich erwachsen?

Michi Beck: Mir geht es so, dass ich mich nicht richtig aus dem Discoleben eines Mittzwanzigers verabschieden kann. Gleichzeitig merke ich, dass sich unser Umfeld dramatischer verändert als in den Jahren zuvor. Die Leute heiraten, kriegen Kinder, werden gesetzter.

Thomas D, Sie sind der einzige Vater in der Band. Was hat sich für Sie geändert?

Thomas D: Ich verspüre eine Liebe zu meiner Tochter, die ich noch nie in meinem Leben gekannt habe. Das lässt mich instinktiv Dinge tun, die ich sonst nie auf mich nehmen würde. Ich würde für sie töten, und ich würde für sie sterben. So einen Satz hätte ich früher nie gesagt. Es gab bei mir einen Wandel vom großen Plan auf den kleinen Plan, der mich und mein privates Umfeld betrifft. Früher war das anders. Früher war ich wirklich davon überzeugt, wir als Band könnten die ganze Welt retten. Das bin ich nicht mehr.
Smudo: Die Welt retten? Was meinst du denn damit?
Thomas D: Früher ging es mir um den Weltfrieden.
Smudo: Das hast du im Ernst geglaubt?
Michi Beck: Das kannst du doch nicht mit ein paar deutschsprachigen Rap-Platten erreichen!
Thomas D: Ich habe eben ein bisschen länger gebraucht, um das zu begreifen. Ich fürchte, unsere Generation wird es nicht mehr schaffen, die Welt zu retten. Ich habe mich da von den stürmischen Idealen meiner Jugend verabschiedet.
Smudo: Ich habe wirklich erst heute erfahren, dass du das damals wirklich ernst gemeint hast.

HipHop wird überwiegend von einem jungen Publikum gehört. Ist es ein Problem für Sie, den Ton und die Sprache eines 16-Jährigen zu treffen?

Smudo: Das muss ich nicht. Vor zehn Jahren dachte ich noch, ich muss immer Jüngere ansprechen. Weil ich ja selbst immer dachte: Was interessiert es mich, was dieser ältere Musiker da macht? Aber das ist vollkommen illusorisch. Das könnte ich auch gar nicht leisten. Aus meiner heutigen Sicht - und das mögen jetzt 16-Jährige vielleicht nicht so gern hören - ist 16 ein beschissenes Alter. Da kannst du als Texter nur übers Wichsen, Weiber und süße Getränke schreiben.
Michi Beck: Ich mache Musik für mich und meine Freunde, weil ich nur darüber reden kann. Wenn wir eine Platte machen, dann ist das eine Selbsttherapie. Ich kann mich nicht in jemanden in Ostdeutschland hineindenken, der sich seit zehn Jahren zweitklassig vorkommt und jetzt wirklich um seine Existenz bangt wegen Hartz IV. Bei uns geht es um Fanta 4, nicht um Hartz IV. Die Platte könnte auch heißen: "We are from the Mittelstand."

Sie kokettieren. Sie haben mehr als 4,5 Millionen CDs verkauft. Sie haben ausgesorgt.

Michi Beck: Neulich hatten wir ein Treffen mit unserem Anwalt. Der hat uns ausgerechnet, was wir hätten, wenn wir jetzt aufhören würden, Musik zu machen. Das war nicht so viel Geld, dass ich damit den Rest meines Lebens verbringen könnte.
Smudo: Wenn ich in einer Eineinhalbzimmer-Studentenwohnung in der Nähe meiner Eltern wohnen würde, dann würde das Geld vielleicht reichen. Aber das will man ja auch nicht.

Mit "Die Da" waren Sie 1992 die Ersten, die mit einem deutschen HipHop-Song in den Top Ten waren. Wollten Sie schon immer Popstar werden?

Thomas D: Ja! Ganz klar! Ich habe den Entschluss gefasst, als ich die Jungs noch gar nicht kannte. Ich war auf meinem ersten richtigen Konzert hier in Stuttgart, in der Hanns-Martin-Schleyer-Halle, bei Peter Gabriel. 12.000 Leute. Und dann steht dieser Typ da oben allein auf der Bühne. Der kriegt frisches Wasser. Der hat frische Luft. Den gucken alle an. Da wusste ich: Da will ich hin. Das ist mein Platz. Später, als ich mein Abitur nachmachen wollte, saß ich im Französischunterricht und sollte mich vorstellen. Ich also: Ich bin Thomas Dürr, dem einen oder anderen vielleicht besser bekannt als Thomas D. Ich bin nur so lange hier, bis ich Popstar werde. Da hat die ganze Klasse gelacht.
Smudo: Zu Recht!
Thomas D: Ein Jahr später musste ich gehen, weil ich tatsächlich Popstar geworden war.
Michi Beck: Ich hatte meine erste Band mit 14, zusammen mit meinem Nachbarn Eddi Mutschelknaus...
Alle: Mutschelknaus?!
Thomas D: Also den Namen höre ich jetzt auch zum ersten Mal.
Michi Beck: ... der hieß wirklich so. Alle haben immer gesagt: "Du bist musikalisch." Ich habe das zwar nie so empfunden, habe Keyboard gespielt und wollte einfach immer Musik machen. Das war das Einzige, was mir Spaß gemacht hat.

Wie haben Sie sich kennen gelernt?

And.Y: Smudo und ich haben uns als Erstes kennen gelernt. So mit 15, 16. Und irgendwann hat Michi Beck im Jugendheim Degerloch bei einer HipHop-Party Platten aufgelegt. Überall hingen Plakate, auf denen stand: HipHop-Party II.
Smudo: Wir dachten: Wow! Da müssen wir hin.
Michi Beck: Thomas und Andy waren auf der Party, Smudo konnte nicht, der war mit seinen Eltern bei der Cebit. Und Thomas gab mir, nachdem ich aufgelegt und gerappt hatte...
Thomas D: Moment mal! Du lagst betrunken auf dem Boden und irgendjemand hat dir Bier in den Hals geschüttet.
Michi Beck: ... jedenfalls hat mir Thomas eine Karte gegeben, auf der "Talentstudio" stand. Da dachte ich: Wow! Ein Talentscout! Doch als ich da angerufen habe, stellte sich heraus: Das war der Friseursalon, in dem Thomas gearbeitet hat.
Smudo: Das wusste ich ja gar nicht. Du dachtest wirklich, Thomas ist ein Künstleragent?
Michi Beck: Ja! Ich dachte, der hat es schon geschafft. Der hat ein Tonstudio.

Ab wann ging es richtig los?

Thomas D: Als wir den Plattenvertrag hatten. Ich bin rumgelaufen und habe gesagt: "Wir haben's geschafft! Ich sehe meinen Namen in Leuchtbuchstaben! Überall, an jedem Haus: Thomas D!" Dann kam "Die Da", wir waren auf Platz zwei in den Charts. Das war der Moment, in dem ich zum ersten Mal wusste, was eine Depression ist.

Warum?

Thomas D: Weil alles an "Die Da" aufgehängt war. Wir waren für die Leute nicht die Band mit den tollen Texten wie etwa "Es wird Regen geben", wir waren die lustigen, bunten Jungs. Das ging mir total gegen den Strich. Ich dachte damals: Wir sind nicht diese Typen, die ihr da gerade durch die Medien scheucht. Ich bin also nicht einfach morgens wach geworden und war Popstar. Ich war immer noch der gleiche kleine Pups wie gestern.

Haben Sie den Pop-Zirkus unterschätzt?

Michi Beck: Mit Sicherheit. Aber wenn wir nicht mit dieser Naivität an uns geglaubt hätten, wäre das auch alles nicht so gelaufen.
Thomas D: Da bin ich ganz sicher. Dieser unbedingte Glaube, der nichts anderes zulässt, um dahin zu kommen, wo wir jetzt sind. Wenn du da schon Zweifel hast, dann kannst du es vergessen. Die Zweifel haben die anderen. Du bist der, der die anderen überzeugen muss.
Michi Beck: Aber ist das nicht erstaunlich? Wir waren doch alle in der Schule nicht gerade die, die so ein Selbstbewusstsein aufbauen konnten.
Smudo: Die Kleinen, die Normalos waren wir.
Michi Beck: Wir waren nicht die Killesberg-Typen mit Lacoste-Hemden. Ich war dazu auch noch zu spät in der Pubertät, schlecht in der Schule, hatte kein Glück bei den Mädchen. Alles Gründe, die eigentlich gegen mein Selbstbewusstsein sprechen. Wieso waren wir als Band so selbstbewusst?
And.Y: Weil wir für uns eine neue Identität aufgebaut haben.
Thomas D: Das hat uns besonders gemacht.

Hat Ihre Naivität Sie zu Fehlern verleitet? Sie wurden von anderen Musikern sehr dafür kritisiert, dass Sie mit "Die Da" für "Hohes C" geworben haben.

Michi Beck: Klar, das würden wir nicht mehr machen. Wir haben dafür Ohrfeigen eingesteckt...
Thomas D: ... aber die Ohrfeigen haben uns weitergebracht, nicht der Hohes-C-Deal.
Michi Beck: Es war auch ein Fehler, bei Dieter Thomas Hecks Sendung "Musik liegt in der Luft" aufzutreten. Und erst diese bescheuerte Geschichte da in der "Bravo"...
Thomas D: Peinlich! Wir haben uns da für die "Bravo" fotografieren lassen und sollten denen Tanzschritte vormachen. In der "Bravo" stand so in etwa: "Michi Beck zeigt uns seinen Knie-Move... danach hüpft er dann lustig durch die Gegend und hebt die Arme, um einen Kranich zu imitieren." Unfassbare Scheiße.

Ist die Unbefangenheit, die Sie am Anfang Ihrer Karriere auszeichnete, unterwegs verloren gegangen?

Thomas D: Die haben wir ein Stück weit verloren, klar. Irgendwann hast du dein Konzert in der Schleyer-Halle, hast deinen Nummer-eins-Hit, hast den MTV-Preis mit nach Hause genommen. Ich wusste echt nicht mehr genau, was die nächste Motivation ist. Irgendwann wirst du müde.

Wie haben Sie die Sinnkrise überwunden?

Thomas D: Ich nehm mich nicht mehr so ernst. Wir waren unglaublich verbissen früher. Diese Verbissenheit ist einer gewissen Ruhe gewichen. Wir haben keine Angst mehr, unser Image zu ruinieren, bloß weil wir Leute aller Altersstufen erreichen wollen.
Michi Beck: Hier spielt vielleicht auch unser Alter wieder rein. Früher haben mich zum Beispiel diese Teeniegirls wahnsinnig abgestoßen. Ich habe es kaum ertragen, dass die zu unseren Konzerten kamen und uns gut fanden. Mittlerweile freue ich mich, wenn ich diese 16-jährigen Mädels sehe, ich krieg da richtig Vatergefühle. Die sind richtig süß. Ich gebe denen inzwischen auch sehr gern Autogramme. Eigentlich ein schöner Effekt des Alters. Ich muss mich nicht mehr schämen für so was. Werden Sie noch mit 60 auf der Bühne stehen? Smudo: Also mit 60 einen alten Hit zu trällern...
Thomas D: ... das ist schon hart.
And.Y: Ich glaube, solange wir bestimmte Songs aus dem Repertoire herausnehmen und dafür nicht das richtige Gefühl verlieren, sind wir zeitlos glaubwürdig.
Thomas D: Seh ich auch so. "Tag am Meer" zum Beispiel. Das könnte ich mir auch noch mit 60 vorstellen. Weil es um ein Gefühl geht, das zeitlos gültig ist. Im Gegensatz etwa zu "Die da", das textlich sehr platt ist und dessen Witz sich auch sehr schnell abnutzt. Das kickt uns einfach nicht mehr.
Michi Beck: Wenn wir aufhören würden, neue Songs und neue Platten zu machen, dann müssten wir auch aufhören, als Band zu existieren. Alles andere ist Jürgen-Drews-Scheiße.

Was soll auf Ihren Grabsteinen stehen?

Michi Beck: Die da.
Smudo: Hier liegen die da. Die, die es fast geschafft hätten, die Welt zu retten.
Thomas D: Hier liegen vier geile Typen. Endlich sind sie weg.
Alle: Jetzt sind sie weg! Das muss da draufstehen.

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