Interview Billy Bragg "Ich will über Liechtenstein singen"


Moment mal! Billy Bragg, das ist eine der letzten Ikonen des politischen Popsongs. Sechs Jahre hat der Brite für sein neues Album gebraucht, und nun sagt er im stern.de-Interview, dass er falsch verstanden wurde? Bragg über notwendigen Patriotismus, Steuerschlupflöcher in Liechtenstein und ein großes Missverständnis.

Zeiten ändern sich: Vielen gilt Billy Bragg als einziger, ernstzunehmender Nachfolger von Bob Dylan. Allerdings verblüfft der Brite, der einst "One Man Clash" genannt wurde, nun mit der Aussage, dass er nie geglaubt habe, dass ein Song die Welt verändern könne. Vielleicht deshalb hat er nach dem 11. September 2001 und den Entwicklungen im "Krieg gegen den Terror" erst einmal ein Buch geschrieben. Das Album kam später - und ist typisch Billy Bragg. Was das heißt, erklärt er selbst.

"Mr Love&Mr Justice" ist Ihr erstes Album seit sechs Jahren. Dabei ist in dieser Zeit weltpolitisch eine Menge passiert. Doch Sie haben ein Buch geschrieben, anstatt eine Platte aufzunehmen. Was war los?

Manche Dinge brauchen mehr, als das man nur einen Song über sie schreibt. 9/11, die Anschläge in London und der Wahlerfolg der Rechten in meiner Heimatstadt, das hat mich in einen Strudel geworfen. Wie konnte das passieren? Um mit dieser Realität fertig zu werden, musste ich zurück gehen und darüber nachdenken, wer ich war und woher ich komme. So habe ich mich als Linker hingestellt und das Problem der Identität und des Patriotismus angesprochen. Traditionell sind die Linken Internationalisten, wir wollen nicht über Nationalismus reden. Aber das hat ein Vakuum hinterlassen, das sehr leicht von der extremen Rechten ausgefüllt wird. Wir haben es ihnen sozusagen überlassen. Das muss die Linke ihnen nehmen. Wir müssen benennen, was Zugehörigkeit bedeutet.

Also gibt es einen guten Patriotismus?

Es gibt einen Patriotismus, in dem die Liebe zu seinem Land zum Ausdruck kommt, ohne dabei eine fremdenfeindliche Aussage zu machen oder sich gegen ein anderes Land zu stellen, ja. Das hat man doch gerade in Berlin gesehen bei der Weltmeisterschaft. Alle kamen mit ihren Fahnen nach Deutschland und schwenkten sie. Die Deutschen wollten das nicht wegen der Konnotation des Fahneschwenkens in diesem Land. Doch letztlich war es in diesem Kontext völlig in Ordnung. Es ging nur um Fußball. Es gibt Kontexte, in denen der Ausdruck der eigenen Identität etwas Positives ist, der in der Gesellschaft durchaus einen Platz hat. Davon sollte Deutschland nicht ausgeschlossen sein wegen seiner Geschichte. Wir müssen im Jetzt leben, und wir müssen uns darum kümmern, eine bessere Zukunft zu gestalten. Die Vergangenheit kann ein Gefängnis sein. Es kann die Fähigkeit einer Gesellschaft, sich weiterzuentwickeln untergraben. Das ist kein einfaches Thema für die Linke, aber das Thema Immigration in Europa ist mittlerweile ganz oben auf der politischen Agenda, wir müssen uns damit auseinandersetzen. Und das Buch war der Versuch, das zu tun.

In Deutschland gibt es viele Jugendliche mit sogenanntem Migrationshintergrund, und einige davon lachen über die "schwächlichen" Deutschen, die nicht zu ihrem Land stehen.

Und diese Jungs sprechen deutsch, sind in Deutschland geboren. Aber das kannst du ihnen nicht sagen. Identität ist etwas Persönliches. Doch haben einige nicht das Gefühl, dass sie dazu gehören. Sie sprechen mit Londoner Akzent, sind Londoner, sind Engländer, aber sie fühlen sich nicht dazugehörig. Dabei geht es nicht um Nationalität, sonder darum, mit der Gesellschaft verbunden zu sein. Und diese Jungs, die in London die Bomben in die Züge gelegt haben, hatten diese Verbindung nicht mehr.

Hatten sie die Verbindung denn jemals?

Ja, ich glaube schon. Wir müssen ihnen klar machen, dass es ihnen etwas bringt, dazu zu gehören. Der wirkliche Grund für dieses Buch ist der: Es ist mir egal, woher du kommst, was dein Hintergrund ist, ich will nicht mal unbedingt deine Geschichte hören. Was mir wichtig ist: Wie werden meine Kinder mit deinen klar kommen. Alles andere ist untergeordnet. Wie geben wir eine Gesellschaft an unsere Kinder weiter, die geschlossen ist, die zusammen passt, anstatt zerbrochen zu sein.

Vielfalt erlaubt Menschen auch, sich voneinander zu entfernen. Es wird immer Außenseiter geben, manche Menschen definieren darüber ihre Identität. Aber selbst diese Menschen haben eine Verbindung zur Gesellschaft, sie brauchen sie, um überhaupt Außenseiter sein zu können. Aber wenn der junge Araber in Deutschland in die Heimat seines Vaters gehen würde, würden die Leute dort sofort sehen, dass er deutsch ist: Er spricht wie ein Deutscher und er geht auch so. Das ist das Problem dieser Leute, ihre Identität hat keinen festen Ort. Aber vielleicht werden deren Kinder diese Zugehörigkeit spüren. Das braucht Zeit. Wenn Dir immer nur gesagt wird, dass du hier nicht hingehörst, dann entscheidest du dich irgendwann vielleicht für das andere Extrem. Dann sagst du, dass du gar nicht hier hingehören willst. Das ist den Männern passiert, die die Bomben gelegt haben.

Was muss denn passieren, damit sie sich zugehörig fühlen?

Die Mehrheit dieser Menschen fühlt sich zugehörig, es ist eine kleine Minderheit, die es nicht tut. Wir müssen einen Mittelweg finden, auf dem wir den Schleier akzeptieren, und die Muslime wiederum akzeptieren, dass Salman Rushdie die "Satanischen Verse" schreibt. Beide Seiten müssen ihre Identität zum Ausdruck bringen dürfen. Darum geht es in der freien Gesellschaft. In meinem Land wird auf Immigranten Druck ausgeübt, dass sie sich integrieren sollen. Aber es gibt keinerlei Vorbild, was es denn heißt, britisch zu sein. Heißt das, dass sie jeden Freitag besoffen auf der Straße rumhängen und beim Fußball rumbrüllen sollen? Wir müssen überhaupt erst einmal artikulieren, was es heißt, Teil dieser Gesellschaft zu sein. Und damit sind wir wieder beim Schleier und den "Satanischen Versen".

Sie sind ein Idol des Politpop. Sie haben Songs über Gewerkschaften und Rassismus hitparadenfähig gemacht. Das neue Album ist auch sehr persönlich, das Private anstatt der große Zusammenhang. Haben Sie einen Paradigmenwechsel hinter sich?

Die wechseln immerzu. Denken Sie an das Ende des Kalten Krieges in Deutschland. Da hat es eine große Verschiebung in der Wahrnehmung von Gesellschaft gegeben. Ehrlich gesagt würde ich lieber über meine persönlicheren Songs definiert werden als über "Between the Wars". Die sind mir näher. Doch ich akzeptiere das, weil so wenige Menschen politische Lieder schreiben.

Wie? Ist der politische Billy Bragg ein Missverständnis?

Das Image von Billy Bragg hat sich seit den 80ern nicht geändert. Dabei verändert sich die Welt und genauso Billy Bragg. Wir leben in der Zeit nach den Ideologien. Die Sprache von Marx hat ausgedient, auch wenn die Probleme, die Marx angesprochen hat, nicht gelöst worden sind. Wir müssen eine neue Sprache finden, neue Paradigmen.

Das neue Album beginnt mit dem Song "I keep Faith" (Ich halte an meinem Glauben fest), Ich glaube an die Menschlichkeit als Gegenmittel zum Zynismus. Denn es ist der Zynismus, der unsere Gesellschaft und die Politik vergiftet. Dieses Gefühl, dass man nichts ändern kann, dass eh alles egal ist, das ist unser größter Feind. Er nährt sich am Gefühl der Hilflosigkeit des Einzelnen. Sozialismus ermutigt die Menschen, sich als Teil einer Gemeinschaft zu sehen. Und wenn ich Sozialismus sage, meine ich damit die Idee, dass das Individuum sein Potential nur dann bestmöglich ausschöpfen kann, wenn vom Staat freie Bildung, freie Gesundheitsversorgung, vernünftiger, bezahlbarer Wohnraum und eine angemessene Rente gestellt werden. Nimmt man das weg, können nur die Reichen und Mächtigen ihre Individualität zum Ausdruck bringen und beuten den Rest von uns zu diesem Zweck aus. Das heißt jetzt nicht, dass der Kapitalismus abgeschafft werden muss, aber jeder muss seine Steuern zahlen. Vor allem die Reichen. Kein Schlupfloch in Liechtenstein! Nachdem man seine Steuern gezahlt hat, kann man mit seinem Geld machen, was man will. Dickes Haus, dicker BMW, kein Problem. Aber vorher musst du deinen Beitrag leisten, und dieser Beitrag muss deinen Einkünften entsprechen, je mehr Geld du verdienst, desto mehr musst du zahlen.

Fühlen Sie sich also wie ein Dinosaurier, wenn sie von Ideologien singen?

Nein, denn ich habe nur in Zeiten der Ideologien über Ideologien gesungen,

Aber Sie singen diese Lieder doch immer noch.

Ich singe immer noch "There's Power to the Union" (Die Gewerkschaft hat Macht), weil ich daran glaube. In der Gesellschaft haben sich Dinge immer nur geändert, wenn die Menschen sich organisiert haben. Warum haben wir ein Wochenende? Weil die Gewerkschaften sich organisiert haben. Warum haben wir einen Acht-Stunden-Tag? Weil die Gewerkschaften sich organisiert haben. Aber die großen marxistischen Ideen, die die Politik im 20. Jahrhundert geformt haben, habe ich nie unterschrieben. Ich war nie Marxist. Und ich habe nicht viel von dem gehalten, was in der DDR passiert ist. Das war ein ziemlich kaputter Ort. Ich war nie ein Ideologe, auch wenn ich diese Sprache benutzt habe. Heute würde ich keine Songs mehr in ihr schreiben. Mein Job ist es, die Welt zu reflektieren, den Ort, an dem ich jetzt bin. Warum sollte ich heute noch über Margaret Thatcher schreiben? Ich will über Liechtenstein schreiben und singen. Das passiert gerade! Was für eine Gesellschaft ist das, die so etwas macht? Es sagt eine Menge über die deutsche Gesellschaft aus, dass es die Leute aufregt.

Sobald es ums Geld geht...

Es geht um Verantwortung. Dass Leute das Geld verstecken, weil sie nicht akzeptieren wollen, dass sie Verantwortung gegenüber der Gesellschaft haben, dass unsere Leben miteinander verbunden sind, dass sie als Teil der Gesellschaft ihren Beitrag zu leisten haben. Die Gesellschaft ist nicht umsonst. Es kostet, dazu zu gehören. Das ist reine Gier. Reiche Menschen denken häufig, Steuern seien etwas für die kleinen Leute. Das Geld, das die Regierung ausgibt, um der Gesellschaft zu helfen, ist das, was uns das Gesetz des Dschungels erspart, wo jeder gegen jeden kämpft.

Glauben Sie noch an das Gute im Menschen?

Ich vertraue darauf, nur so halte ich meinen eigenen Zynismus in Schach.

Wenn man anfängt, über die ungerechte Verteilung der Reichtümer auf der Welt nachzudenken, die verhungernden und verdurstenden Menschen in Afrika, während wir unser Klo mit Trinkwasser spülen, wird man wahnsinnig...

Wenn man die ganze Zeit darüber nachdenkt, ja. Du als Individuum kannst die Welt nicht ändern. Die Leute reden immer von Songs, die die Welt verändern: Das ist bescheuert! Seien wir doch mal ehrlich, natürlich können sie das nicht. Aber ein Song kann dir einen anderen Blickwinkel auf die Welt geben. Durch die Worte eines Songs kannst du von Dingen erfahren, über die du vorher nicht nachgedacht hast - über die Liebe von Smokey Robinson oder über Politik von Billy Bragg. Mehr kann Musik nicht. Musiker verändern nicht die Welt, worauf es ankommt, ist doch das, was nach dem Konzert passiert.

Interview: Sophie Albers

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