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Interview mit Morten Harket: "Videoclips sind eine Qual"

Fast 40 Millionen verkaufte Alben, Nummer-eins-Hits in 36 Ländern und "Take On Me", der Song, der Musikclip-Geschichte schrieb - mit a-ha hat Morten Harket alles erreicht. Warum er heute trotzdem lieber Handy-Werbung als Musikvideos dreht, erklärte er stern.de.

Von Verena Stöckigt

Während die ehemaligen Teenager-Idole New Kids On The Block gerade in biederen Zweireihern für ihr Reunion-Album werben, tritt der a-ha-Sänger die Promotionreise für sein Soloalbum "Letter From Egypt" wie ein junger Hüpfer an: Blau-weißes Ringelshirt, unter dem sich Bizeps und Waschbrettauch geschickt abzeichnen, abgewetzte Jeans und Segelschuhe (natürlich ohne Socken), um den Hals eine Kette mit Elefantenzahnanhänger, neben sich eine schwarze Akustikgitarre - so bittet der 48-jährige Womanizer zum Interview.

Auch wenn Morten Harket mit glatter Stirn und markanten Wangenknochen noch wie auf dem "Bravo"-Starschnitt von einst aussieht, die Popwelt hat sich weitergedreht. Ob mit ihm oder ohne ihn, ist schwer zu sagen. Während die Plattenfirma in einen "funky Clip" der neuen Teenie-Sensation Jonas Brothers investiert - die bringen bei ihren Gigs die Mädchenherzen übrigens mit einer Coverversion von "Take On Me" zum Schmelzen - schaut der a-ha-Sänger in die Röhre. Zur ersten Single seines Soloalbums wird es keinen Clip geben. Zu alt sei der Protagonist inzwischen. Glatte Stirn hin oder her.

Tut so etwas nicht weh, wo a-ha 1985 mit einem animierten Bleistift-Comic doch Videoclip-Geschichte geschrieben hat?

Nee. Es stimmt zwar, dass "Take on Me" den Musikclip etabliert hat, aber es geschah unter widrigen Umständen. Wir wurden zur Waffe im Kampf zwischen Warner Bros und MTV. Damals stand die Frage im Raum: Sollten die Plattenfirmen MTV bezahlen, damit sie Clips ausstrahlen oder sollte MTV Warner Bros bezahlen, weil es mit Clips sein Programm bestritt? Mir bedeutete das Video zu "Take On Me" nicht viel. Als ich begann, Platten zu hören, gab es keine Videoclips. Mir waren sie fremd, und ich bedauere, dass die Clipproduktion noch heute eine essenzielle Methode ist, Musik bekannt zu machen.

Aber so negative Erinnerungen können Musikvideos bei Ihnen doch gar nicht hervorrufen, schließlich lernten Sie beim Dreh zu "Take On Me" Ihre damalige Freundin kennen.

Stimmt. Ich war mit dem Mädchen aus dem Clip zusammen. Ohne Zweifel gab es Musikvideos, die uns gut getan haben. Aber manchmal blieb nicht die Zeit, einen künstlerisch anspruchsvollen Clip zu drehen, und dann wurde der Dreh zu einer lästigen Qual.

Ihren Song "Movies" haben Sie in der norwegischen Version von "DSDS" vorgestellt. Sind Castingshows ein Fluch oder Segen für junge Musiker?

Sie sind beides. Sie sind ein Fluch, weil sie den Kandidaten nur einen limitierten Spielraum lassen. In diesen Shows wird das Talent der Teilnehmer in leicht verdauliche Würfel geschnitten, die perfekt zwischen die Werbepausen passen. Die Jury und die Zuschauer bewerten nur die Fähigkeit, die Töne zu treffen. Um den vorgetragenen Songs eine tiefere Bedeutung zu geben, bleibt keine Zeit. Andererseits ist eine Castingsendung für junge Musiker natürlich eine fantastische Möglichkeit, einfach mal auszuprobieren, wie sich Ruhm anfühlt. Brutal ist dabei nur der Fokus, in dem plötzlich Leute stehen, die keinerlei Übung im Umgang mit Medien haben. In einem sehr jungen Alter ist so etwas ziemlich ungesund. Wenn der Ruhm zu früh kommt, kann Potenzial im Keim erstickt werden.

Als "Take On Me" 1985 die internationalen Charts eroberte, waren Sie 25. Hat Ihnen der frühe Ruhm geschadet?

Ach, mein Charakter ist verdorben. Er war es schon immer, da kann man nichts machen (lacht). Nein - mal ehrlich: Fast alle Topstars dieser Welt würden den Test in einer Talentshow nicht bestehen. Ihr Talent hätte man nicht erkannt, sie wären durch das System gefallen.

Man kann nicht nur als Castingkandidat scheitern. Auch viele etablierte Künstler, die sich von ihren Bands emanzipieren, scheitern als Solisten. Warum versuchen so Viele trotzdem ihr Glück?

Weil es nicht ums Geschäft geht. Man macht das nicht, um erfolgreich zu sein. Man macht es, weil einen die Musik in ihren Bann zieht. Natürlich muss jedes Projekt ein klein wenig erfolgversprechend sein, sonst kann man es nicht finanzieren, aber am Ende ist es die Hingabe, die einen dazu führt, ein Album aufzunehmen.

Was können Sie in Ihren Solosongs ausdrücken, was mit a-ha nicht geht?

Gegenfrage: Was kann man mit einem neuem Bild ausdrücken, das man nicht auf anderen Bildern konnte? Warum packt man nicht all seine Gefühle, Ansichten, Ideen in ein einziges Gemälde? Ich bin ein ganz anderes Gebilde als a-ha. Sting ist auch nicht Police. Mal so als Beispiel. Es gibt Bands, wie die Rolling Stones, die nur als Gruppe eine Einheit sind. Deshalb strebt auch niemand ernsthaft eine Solokarriere an. Sting und Police sind Gegenpole.

Sonderlich gegensätzlich ist der Sound von a-ha und der Ihres Solomaterials aber nicht.

Oh, das haben mir noch nicht Viele gesagt. Und so ist es auch nicht. Nehmen wir mal an, man würde einen Gentest bei meinen Solostücken durchführen und das Ergebnis mit dem von a-ha vergleichen, der Biologe würde "Letter Of Egypt" eine völlig andere DNA bescheinigen.

Worin liegt denn der Unterschied?

Den entdeckt man nur, wenn man sich das Album anhört. Es ist falsch, es im Vorfeld zu erklären. Jeder reagiert anders auf den Vibe einer Platte. Warum muss man seinen Geist immer formatieren?

Sie haben die Songs von "Letter From Egypt" auf verschiedenen Kontinenten geschrieben.

Richtig. Ich habe immer mein Mobiltelefon dabei. Sobald ich eine Idee habe, nehme ich sie damit auf.

Haben Sie deswegen im Werbespot eines Mobiltelefonherstellers mitgewirkt?

Ja. Die Firma wusste, dass ich ihr Produkt benutze, also haben sie bei mir angefragt.

Schadet so etwas nicht der Glaubwürdigkeit eines Musikers? Zu Beginn des Gesprächs erwähnten Sie, es gehe Ihnen beim Musikmachen nicht um das Geschäft.

Das Mobiltelefon ist ein wichtiger Bestandteil meines Songwritingsprozesses. Was in der Werbung gezeigt wird, bildet die Realität ab. Ich war tatsächlich in Marrakesch, um zu komponieren. Ich habe meine Ideen - wie in dem Spot dargestellt - via Handy direkt an meinen Kollegen Ole Sverre geschickt. Später haben wir die Aufnahmen im Studio benutzt. Heute kann man sich den Track mit seinem Handy downloaden. Das Ganze gleicht einem Kreislauf, der da endet, wo er begonnen hat. Das ist doch faszinierend.

Aber welcher Fan möchte schon den Song, bei dem er zum ersten Mal seine Freundin küsste, in einer Werbung hören?

Aber die Werbung verändert den Song nicht. Das Stück bleibt stets dasselbe. Ich denke, die meisten Konsumenten sind in der Lage, zu differenzieren. Keine Frage: Es schadet der Glaubwürdigkeit, wenn man seine Musik einem Zweck zur Verfügung stellt, den man nicht vertreten kann, einer politischen Kampagne zum Beispiel. Wenn mit einem Song allerdings eine Armani Hose beworben wird, die gerade in ist, dann mögen die Leute den Spot plötzlich, die die Verquickung von Musik und Produkten immer abgelehnt haben.

Welcher ist Ihr Lieblingssong auf "Letter From Egypt"?

Das ist der Titeltrack "Letter From Egypt". Er hat starke Lyrics. Moment, ich spiele ihn Ihnen vor (greift zur Gitarre und singt).