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Interview mit Sido: "Ich bin nicht wie Hitler"

Sido, Aushängeschild des Berliner Rap-Labels Aggro, darf alles, sogar Frauenkleider tragen. "Ich&meine Maske" heißt sein drittes Album. Der Staatsfeind mit dem Herzchen überm i hat stern.de seine Welt erklärt. Darin trifft Goethe auf Hitler und Charlotte Roche - und die Sonne scheint übrigens blau.

Von Sophie Albers

Der "Arschficksong" und die glänzende Totenkopfmaske haben ihn berühmt und zum Elternschreck gemacht. Als der Berliner Rapper Sido vor drei Jahren das Chrom vom Gesicht nahm, kam ein freundliches Gesicht mit Bänkerbrille zum Vorschein. Im Video "Augen auf" zur ersten Single seines neuen Albums "Ich&meine Maske" rappt der Star des Labels Aggro Berlin über verantwortungsvolle Kindeserziehung und trägt Frauenkleider. Sido ist derzeit der kreativste und unterhaltsamste Künstler im deutschen Rapgeschäft - und er interessiert sich für Feminismus.

Das erste Album hieß "Maske", das zweite "Ich" und das dritte nun "Ich&meine Maske". Ist Sido jetzt vollständig?

Ich bin jetzt vollständig angekommen in der deutschen Musikszene. Ich bin nun nicht nur ein Teil der HipHop-Szene, sondern der ganzen deutschen Musikszene.

Die Schizophrenie ist aufgelöst?

Das ist ja nicht wirklich 'ne Schizophrenie. Ich hab' damals ganz gerne mal erzählt, dass es da so was gibt wie ein zweites Ich.

Auf dem neuen Album gibt es einen Song über das Eigenleben der Maske.

Da redet die Maske mit mir. Aber der Typ, der mit euch redet, bin immer ich. Ihr hört' sie nicht reden.

Muss Sido eigentlich noch kämpfen? Die Widerstände gegen den Asphalt-Rap sind gewaltig geschrumpft.

Das einzige Mal, wo ich überhaupt gekämpft hab', war beim zweiten Album. Da war ich nicht frei von allem. Da wollte ich mir was beweisen, wollte es besser machen, wollte krass sein, den Erfolg wiederholen und halten. Ich wollte den Leuten zeigen, dass ich keine Eintagsfliege bin. Jetzt, beim dritten Album, war ich völlig frei von allem! Es ist mir egal, ob es sich verkauft oder nicht. Das kann mir im Grunde auch egal sein, finanziell. Erstmal. Außerdem kann ich mit meinem Namen mittlerweile auch was anderes als Musik machen.

Zum Beispiel?

Ich hab' mit meinen Entertainerqualitäten überzeugt, man hat mich den Cometen moderieren lassen, Ende des Jahres drehe ich 'nen Kinofilm [Rapper-Geschichte, produziert von Oliver Berben, Anm. Red.]

Der berüchtigte "Arschficksong" ist vier Jahre her, der Weg bis zum aktuellen Titel "Augen auf" war ein sehr langer. War der erste Song nötig, um die Aufmerksamkeit für den neuen zu bekommen?

Darüber hab' ich mir damals und heute keinen Kopf gemacht. Der "Arschficksong" ist zu einer Zeit entstanden, wo es mir nicht gut ging. Es ging mir scheiße, ich hätte morgen tot sein können, ich hatte keine Perspektive, ich wusste nicht, wohin mit meinem Leben, wie wird es enden, keine Ahnung. Ich hatte nichts. Deswegen hat sich der Song auch entsprechend angehört. Darin geht es nicht um meine sexuellen Vorlieben. Das ist einfach reines Punkertum. Ich wollte den Leuten, die sagen: Du redest ja nur über Sex und benutzt Fäkalsprache, du redest nur über Ärsche und Ficken, den Soundtrack zu ihrem Gequatsche liefern. Hier habt ihr den Song, jetzt könnt ihr sagen, ich rede nur darüber. Gegen den Strom schwimmen, obwohl es ja eigentlich mit dem Strom schwimmen war. Dabei ist der Song an sich schon ziemlich gegen den Strom schwimmen. Eigentlich voll schlau von mir. [lacht] Aber wie gesagt: Damals war mir alles scheißegal. Der war zum Schockieren. Mittlerweile hat sich mein Leben gewandelt. Ich hab' was, wozu es sich zu leben lohnt. Ich weiß jetzt, dass es besser ist, krankenversichert zu sein, dass es besser ist, einen Ausweis zu haben, gemeldet zu sein in Deutschland. Es gibt einfach Sachen, um die ich mich kümmern muss, Pflichten. Deswegen klingt das wahrscheinlich alles ein bisschen vernünftiger als damals, weil ich jetzt vernünftig sein muss.

Ihre Biografie heißt "Gib mir mein Lied zurück"...

Das Buch heißt so, weil sie einen Song von mir verbieten wollten, und ich bin vor Gericht dagegen vorgegangen, um Deutschland davon zu überzeugen, dass das nicht stimmt, was die da erzählen. Hat nicht funktioniert. Aber ich hab's versucht. Aber um das noch mal klar zu stellen: Von mir ist bisher nur ein Song auf dem Index gelandet. Darauf bin ich stolz. Ich wäre auch stolz, wenn's keiner wäre.

Ist eine Indizierung also keine Auszeichnung? Es heißt doch, dass man erfolgreich gegen die Regeln verstoßen hat, und das bringt Aufmerksamkeit.

Es ist nicht meine Intention, gegen Regeln zu verstoßen. Wenn ich etwas sage, das die Leute verärgert, dann habe ich das nicht extra gesagt - außer beim "Arschficksong". Da sage ich auch jedes Mal, das es so ist.

Auf dem neuen Album heißt es unter anderem: "Deutschland kann nicht ohne mich". Können Sie nicht ohne Deutschland?

Ich könnte wahrscheinlich auch ohne Deutschland. Ich weiß es nicht. Viele Leute denken doch darüber nach, mal irgendwo im Ausland zu wohnen, aber ich könnte es mir gar nicht richtig vorstellen. Wo denn? Spanien? [Lacht] Das ist nix für mich. Ich fühl' mich hier schon wohl. Hier hab' ich meine Gepflogenheiten, und hier weiß ich, woran ich bin. Ich meine, ich merke ja jetzt schon Unterschiede: Ich wohne in einer anderen Gegend, nicht mal eine wirklich bessere Gegend, aber es ist kein Hochhausviertel mehr, nicht ghettomäßig. Untere Mittelklasse wohne ich jetzt. Also die Gegend, meine Wohnung ist natürlich was Besonderes.

Ist es das einst anvisierte Penthouse?

Genau, oben auf dem Dach mit Terrasse und dem ganzen Scheiß. Aber eben in einer immer noch nicht ganz guten Gegend. Trotzdem merke ich, wie ich da nicht so mit den Leuten klar komme. Im Viertel fühl' ich mich wohl, egal wie dreckig, wie gemein, vielleicht auch manchmal hinterhältig und nichts gönnend die Leute da sind. Aber ich weiß, woran ich bin. Ich kann mit den Leuten aus der neuen Gegend nicht richtig umgehen und die auch nicht mit mir.

Woran merken Sie das?

Ich komme unten in den Fahrstuhl rein, und die Leute steigen aus und gucken auf den Boden. Ich sag' freundlich hallo, die laufen an mir vorbei. Ich ruf' noch hinterher hallo, und die laufen weg. In dem Moment merkst du, dass da was nicht stimmt. Wenn im Viertel jemand rauskommt, und ich sag' hallo, und der will mit mir nicht reden oder nichts mit mir zu tun haben, dann sagt er "Halt die Schnauze". Aber bei denen weiß ich einfach nicht, woran ich bin, was das bedeutet, dieses auf den Boden gucken.

Wie lange wohnen Sie da schon?

Zwei Jahre. Und ich hab' noch keine Leute kennen gelernt außer meine direkten Nachbarn, wo meine Freundin auch mal hingehen und nach einem Ei fragen kann. Ansonsten kenne ich keinen bei mir im Haus. Keinen.

Überlegen Sie, ins Märkische Viertel zurück zu ziehen?

Ich würde locker zurückziehen, ich bin auch sehr oft da, aber es geht nicht. Das ist wie ein kleines Dorf. Jeder weiß in zwei Minuten, wo ich wohne, und das spricht sich dann auch in ganz Deutschland rum. Damals sind wirklich Schulbusse voll mit Kindern vorbei gefahren, haben Zwischenstopp gemacht bei mir vorm Block, haben gewartet, bis ich morgens runterkomme, mein Treppenhaus vollgeschmiert, die Wohnungstür vollgeschrieben mit Telefonnummern und Nachrichten. Es war verrückt, es ging nicht mehr. Deswegen musste ich da wegziehen.

Haben Sie Angst, den Block - als soziale Herkunft und Markenzeichen, die Sie berühmt gemacht haben - in sich zu verlieren?

Den verlier' ich nicht. In meinem Leben war es doch mein größter Traum, da weg zu kommen, raus aus der Scheiße und ein anderes Leben haben. Im Grunde hätte ich nichts dagegen, aber ich weiß, dass es ein wichtiger Teil in meinem Leben ist, und ich werde ihn sowieso nie vergessen. Der hat mich geprägt. Der macht, dass ich mit solchen Leuten, die jetzt meine Nachbarn sind, nicht klar komme.

Und Sie verdienen ja auch Ihr Geld mit dem Block.

Na ja, jetzt immer weniger.

Aber Sie müssen doch Sido gerecht werden.

Nee, muss ich nicht, warum sollte ich. Ich mach' einfach Musik.

Laut kritischer Stimmen aus der Politik und von anderen Sittenwächtern verderben Sie die Jugend. Wenn man sich Ihre Texte anhört, loben Sie die "Dikatur der Mutter", die Flausen austreibt, halten Familienwerte hoch, preisen Loyalität. Alles eigentlich konservative Werte.

Ja, aber von mir wollen die das nicht hören! Die wollen so weit wie möglich von so jemandem wie mir weg sein. Für die bin ich ein Neureicher, der es nicht verdient hat, Geld zu haben. Das merkt man bei solchen Leuten extrem.

Ist das Neid?

Ich weiß nicht, ob das Neid ist. Ich guck' mir manchmal ein Haus an, rechts wohnt ein Anwalt, links ein Doktor, und ich seh' die in ihrem Garten, und die beten zu Gott, dass ich dieses Haus nicht kaufe. Das kann doch aber nicht Neid sein. Der Typ hat 'nen Haus, das ist drei Mal so groß wie meins, und da stehen zwei Autos vor der Garage.

Vielleicht Angst vor lauten Parties?

Wahrscheinlich das, keine Ahnung. Das ist wie, wenn ich im Puff bin. Ich denke dann zu viel nach.

Gehen Sie noch in den Puff?

Nee, ich war grundsätzlich nicht oft im Puff. Viele Leute haben da Spaß und finden es geil, aber ich grüble da zuviel. Ich sitze bei der Frau und denke: Warum macht die das, schämt die sich nicht? Hat die keine Kinder zuhause? Was denkt ihr Mann? [Lacht] Wird sie überhaupt je nen Mann kriegen, der sie richtig lieben kann?

Und dann kuscheln Sie?

Meistens gehe ich gar nicht mit der aufs Zimmer. Ich trinke meinen Piccolo und mache meine Späßchen. Ob ich dann einen hoch kriege oder nicht, will ich gar nicht erst probieren.

Sind Sie ein Frauenversteher? Mit Mutter und Schwester aufgewachsen, seit 2005 in festen Händen...

Ja, das ist so. Siehste, ich versteh' die Frauen einfach.

Ein Song heißt "Herz", da geht es auch eher gefühlvoll zu .

Die wichtigste Meinung, die du dir einholen kannst, ist die deines Herzens. Du kommst öfters mal an so 'nen Punkt, wo du nicht weißt, wo es lang geht, wo du 'ne Entscheidung treffen musst. Dann will man sich Rat einholen, fragt seine Freunde, seine Familie, irgendwelche Leute, denkt die ganze Zeit darüber nach. Ich aber sage: Die Meinung, mit der du am Ende am Besten leben kannst - ob's jetzt gut ist oder nicht - ist dein Herz. Du hast auf dein Herz gehört, du musst damit leben. Du hast die falsche Entscheidung getroffen, du kannst niemandem die Schuld geben.

Macht man es sich damit nicht sehr einfach, wenn man sagt: So ist es eben?

Man muss doch mit der Entscheidung leben, du kannst sie ja nicht mehr rückgängig machen. Du kannst daraus lernen, wenn du einen Fehler gemacht hast, aber den Fehler hast du gemacht. Und was machst du jetzt? Du musst damit leben. Es ist leichter, mit dem Fehler zu leben, wenn du sagen kannst, mein Herz hat entschieden und nicht: Ich habe auf meine Mutter gehört.

Wie wichtig ist Ihnen Bildung?

Du gehst in die Schule, und egal wie viel du lernst, du wirst einfach nach diesem komischen Schulsystem erzogen. Ob es bei Dir funktioniert oder nicht, ist egal. Wenn dieses System bei dir nicht funktioniert, dann bist du dumm. Dann kriegste ne Sechs und fällst durch. Aber vielleicht gibt es für diese speziellen Individuen eben ein individuelles System. Das Einmaleins, Schreiben, Lesen, diese Grunddinger, die sind okay. Aber danach sollte sich jeder sein eigenes Bild machen.

Wenn Ihr Sohn mittags aus der Schule kommt, sagen Sie ihm dann, wie die wahren Dinge des Lebens aussehen?

Das ist ja wieder genau dasselbe. Warum soll ich ihm sagen, wie die wahren Dinge des Lebens aussehen. Die soll er selbst herausfinden!

Aber Sie helfen ihm dabei?

Im Grunde kann er machen, was er will. Ich unterstütze ihn bei allen seinen Vorhaben. Und wenn ich eine Idee dumm finde, kann ich auch versuchen, ihn davon abzubringen. Aber im Grunde höre ich ihm bei allem zu und versuche, ihn auf seinen eigenen Weg zu führen, egal was er machen will. Ist doch scheiß egal, wenn du findest, dass die Sonne blau ist, ist sie blau. Natürlich wird dir irgendwann einer sagen: Dicker, die Sonne ist gelb, und du solltest für dich schon wissen, dass diese Farbe hier [zeigt auf Streichholzpackung] gelb ist. Aber die Sonne, die ist blau. Dann ist es okay.

Sehen Sie sich als Künstler?

Natürlich. Wenn es Rap nicht geben würde, und ich hätte vor 100 Jahren gelebt, dann hätte ich Gedichte geschrieben. Goethe war ab und zu auch ein bisschen dirty. Er hat sich mitunter auch gehen lassen und nicht darauf geachtet, was die Leute davon halten. Er hat es einfach geschrieben. Und genauso ist es bei mir auch.

Sind Rapper die neuen Dichter unserer Zeit?

Viele sind einfach die neuen Spinner. Wirklich jetzt. Es gibt viele, die denken, sie könnten auf diesen Rap-Zug aufspringen, schnell Geld verdienen.

Wo beginnt Mainstream?

Wenn du viele Platten verkaufst, Preise gewinnst und viele Leute dich kennen.

Und das ist unabhängig vom Inhalt?

Klar. Zille, der Maler, war Mainstream. Früher hatten viele alte Leute ein Bild von dem bei sich hängen. Ein Zille-Bild war einfach modern, musste man haben. Aber das waren nackte Kinder! Also auch unabhängig vom Inhalt war Zille Mainstream. Weil jeder ein Zille-Bild haben wollte, hat sich jeder ein Bild von nem kleinen, nackten Mädchen hingehängt, was ich schon echt schlimm finde.

Im neuen Booklet ist ein Bild mit Ihnen als Tod mit Sense zu sehen, neben Ihnen stehen Darth Maul aus "Star Wars", Freddy Krüger, ein Gartenzwerg, ein Typ von Slipknot, und Hitler. Was soll diese Reihung?

Das sind alles - icke würd' mal sagen - nicht sehr angesehene Typen.

Und der Gartenzwerg?

Der steht für die Spießergesellschaft, der steht nicht unbedingt auf diese Bösewichte.

Und deshalb köpfen Sie ihn?

Ja.

Und Sie sind wie Hitler?

Natürlich bin ich nicht wie Hitler. Aber die Leute denken das Gleiche von mir, was ich auch bescheuert finde. Das sind alles Bösewichte von irgendwoher. Ich stehe auf der Seite der Bösewichte und köpfe den Gartenzwerg, der für die Spießergesellschaft steht. [Pause] Kunst. [grinst]

Was halten Sie eigentlich von Lady Bitch Ray?

Ich weiß nicht, warum ich immer wieder danach gefragt werde.

Weil es nahe liegt.

Ich versteh' den Hype um sie nicht, weil es bei mir nicht das bewirkt, was sie bewirken möchte. Den Stein des Anstoßes bewegt sie bei mir nicht. Es bringt bei mir nichts, wenn sie ihre Titten rausholt oder über ihre Muschi redet. Da finde ich Charlotte Roche schon interessanter mit ihrem komischen Buch. Bei Lady Bitch Ray ist mir das einfach zu plump gestellt.

Und was finden Sie an "Feuchtgebiete" interessant?

Weil ich es ihr einfach abkaufe. Ich kaufe es der Türkin nicht ab. Das einzige, was ich an Lady Bitch Ray gut finde, ist, dass sie für die Frauenbewegung kämpft. Aber warum macht sie das so? Bei mir zumindest erreicht sie damit nichts. Bei mir funktioniert Roche eher. Die ist für mich so die neue Alice Schwarzer, mit der ich auch umgehen kann. Alice Schwarzer hat versucht, das ganze Thema Sexualität durch die Blume zu bequatschen. Im Grunde ist es aber das wichtigste Thema für die Freimachung der Frau. Sexualität, über die man als Frau auch sprechen kann, die man ausleben kann. Über was rede ich hier eigentlich gerade?! [lacht]

Aber Sie denken da schon darüber nach?

Das mache ich, während wir hier darüber reden. Im Grunde habe ich keine Zeit für so 'nen Scheiß. [grinst]

"Ich&meine Maske" erscheint am 30. Mai bei Aggro Berlin/Universal