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Interview mit Sido zum Kinostart von "Blutzbrüdaz": "Ich bin nicht mehr das Sprachrohr der Jugendlichen"

Sido kann auch Kino. Das beweist der Rapper in seinem ersten Film "Blutzbrüdaz". Im Gespräch mit stern.de gibt der 31-Jährige Erziehungstipps, verkündet das Ende des deutschen Straßenraps und trauert seinen 20ern hinterher.

Von Sophie Albers

Im Rap geht es darum, es ganz nach oben zu schaffen. Sie haben es längst allen gezeigt, und jetzt auch noch im Film. Was nun, Sido?
Ich bin - und das glaube ich wirklich - für all das hier gemacht. Ich stecke den ganzen Stress auch ganz gut weg. Aber mittlerweile merke ich doch Magengeschwüre und sehne mich danach, einfach nach Amerika zu fliegen und drei Wochen nichts zu tun. Kein Studio sehen, nur die Straßen runterfahren und gar nicht wissen, wo ich ankomme.

Und zufrieden und stolz auf das blicken, was Sie alles geschafft haben?
Ich habe ja auch viel dafür getan! Ich weiß, wo es herkommt. Das sage ich auch immer wieder Leuten, die mich fragen, wie sie berühmt werden können: Tu was dafür! Das habe ich all die Jahre gemacht. Und dafür habe ich viel aufgegeben.

Was haben Sie aufgegeben?
Meine 20er - die schönste Zeit meines Leben, die ich hätte genießen können - habe ich komplett verschwendet. Die habe ich vollgepackt mit Arbeit und Drogen. Jetzt bin ich 31, und das ist kein Feiertag. Ich glaube, dass ich alles verpasst habe.

Was haben Sie denn verpasst?
Ich habe nicht intensiv erlebt, ich war nur dabei. Ich kann mich nur an wenig erinnern. Die 20er waren für mich ganz kurz. Es war immer nur dasselbe: Rumreisen in irgendwelchen Autos, in irgendwelchen Fliegern. Das sind die Bilder, die ich habe. Wenn Sie mich jetzt nach etwas individuellem Schönen fragen, fällt es mir schwer, Ihnen zu antworten.

Und der Erfolg?
Der Erfolg ist nicht das Schöne an der Zeit. Ich denke nicht an Preise, wenn Sie mich nach was Schönem fragen. Die wären irgendwo ganz hinten in meinem Kopf.

Was wäre denn das Schönste?
Wenn ich den Erfolg genießen konnte: Als ich das erste Mal in Amerika war von dem Geld zum Beispiel. Daran kann ich mich erinnern. Das war großartig, und ich werde es nie vergessen.

Glauben Sie, dass Rap mehr verändert als das Leben des Rappers?
Rap hat auf jeden Fall eine ganze Generation beeinflusst. Jeder fängt jetzt an zu rappen und jeder denkt, dass Rap etwas aus ihm machen kann. Leute konnten sich damit identifizieren, weil die Musik ihnen aus dem Herzen spricht.

Und gesellschaftlich?
Ich kann Ihnen sagen, dass sich seit meinem Song „Mein Block“ allein in meinem Viertel viel verändert hat. Die kümmern sich seitdem extrem um die Infrastruktur: Häuser werden gestrichen, Grünanlagen werden gebaut, nun wurde auch noch das Einkaufszentrum erneuert. Das schlechte Bild soll weg. Es kamen damals richtig Touristen bei mir ins Viertel, die sich die Gegend angeguckt haben, busweise. Und das hat meine Musik gemacht. Die Kunst. Nicht so versteckte Kunst, die du selbst interpretieren sollst. Meine Texte sind auf den Punkt. Ich sage, was ich zu sagen habe auf leicht verständliche Weise. Ein Lied wie „Mein Block“ ist politisch. Das ist ein politisches Stück Kunst. Auf Sido-Art, mit zwinkerndem Auge: Hier ist doch alles toll, alles schön, aber trotzdem werden die Missstände aufgezeigt.

Aber das war damals nicht die Intention...
Nein, war es nicht. Das sind so Sachen, die ich mittlerweile rausgekriegt habe.

Der Film-Soundtrack klingt wie eine Rückkehr zu den Sido-Wurzeln.
Ja, es ist mir schon ein bisschen schwergefallen, solche Sachen zu schreiben. Das ist einfach nicht mehr mein Sprachgebrauch. Mittlerweile treffe ich mich mit meinem Sohn und bin froh, dass ich nicht mehr so rede wie früher.

Wie alt ist der jetzt?
Elf.

Dann kommt ja bald die Pubertät. Wie soll er eigentlich gegen so einen Vater rebellieren? Bänker werden?
Im Moment will er Erfinder werden. Ich glaube nicht, dass er rebellieren wird.

Muss man das nicht?
Nicht, wenn der Papa selbst ein Rebell ist. Ich bin ja kein Vater im konventionellen Sinne. Ich wohne nicht mit ihm zusammen, es gibt keine tägliche Routine. Ich bin etwas Besonderes für ihn. Das Gerede über seinen Vater in der Schule und so, das ist schon was anderes.

Mag er das Gerede?
Natürlich mag er das. Aber wir reden da nicht so drüber. Wir wollen lieber Vater und Sohn sein, wenn wir miteinander reden.

Hat er denn einen Vater zuhause?
Nein, hat er nicht.

Hat er an der Schule wirklich keine Probleme mit seinem berühmten Vater?
Das geht schon. Ich habe eine gute Taktik. Ich bin einfach mit der ganzen Klasse befreundet. Wir machen Ausflüge und so was. Wenn mein Sohn Geburtstag hat, laden wir alle ein. Dann gehen wir bowlen oder ins Kino oder hängen rum. Ich nehme die öfter mal mit zu Konzerten. Dann sind die alle seine Freunde, und egal wer aus der ganzen Schule Ärger macht, der hat die ganze Klasse gegen sich.

Und die Lehrer?
Die finden das auch okay. Ich rede mit denen aber nicht so viel. Ich war einmal bei einem Elternabend, und da saßen Eltern, die mir die Zeitung mit der neuesten Skandalmeldung über mich entgegengehalten haben. Das war mir zu affig. Da möchte ich nicht mehr hingehen. Aber trotzdem wissen die Lehrer, dass ich ein ganz normaler Vater bin und meine Kinder nicht zum Saufen animiere oder was auch immer für komischen Scheiß sich manche Leute ausdenken.

Nach dem Film fragt man sich, ob die Zeit des Straßenraps nicht längst vorbei ist.
Die Zeit dieser Ideologie ist vorbei. HipHop als Antrieb, diese Musik und diese Kunst, das Tanzen und Sprühen. Wegen dieser Ideologie haben wir das alle gemacht. Nicht weil wir die großen Megastars werden wollten, die wir heute sind. Heutzutage fangen die Leute aber überhaupt nur deswegen an zu rappen - wegen Fame, wegen Geld. Da geht es nicht mehr um HipHop als Kultur und Kunst.

Und was kommt nach dem Ende der Ideologie?
Die muss wiederkommen, sonst wird das nichts mehr. Ich spüre das bei einigen noch, aber bei vielen merke ich, dass es verschwendete Energie ist. Ich weiß nicht, was kommt. Ich überlass das den anderen. Ich will nicht der Retter sein.

Was heißt das für Ihre Musik?
Als ich 18 war, als mein Leben mir selbst nichts wert war, und ich einen Groll gehegt habe gegenüber der Gesellschaft, klang meine Musik auch so. Jetzt wird meine Musik so klingen, wie ich jetzt bin.

Und wie klingt das?
Von mir wirst du keinen Song mehr darüber hören, wie scheiße es auf der Straße ist. Meine Musik wird dem entsprechen, was ich gerade tue. Ich bin nicht mehr das Sprachrohr der Jugendlichen. Das ist nicht mehr meine Aufgabe. Das wäre nicht mehr glaubwürdig.

"Blutzbrüdaz" läuft seit dem 29. Dezember im Kino.
Der Soundtrack "Blutzbrüdaz - Die Mukke zum Film" ist seit dem 2. Dezember im Handel

Sophie Albers
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