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Interview mit Take That: "Früher haben wir uns zerstört"

Das Comeback-Album von Take That stürmt die Charts, heute Abend sind die Jungs zu Gast bei "Wetten, dass..?". stern.de traf Robbie Williams und Co. in Berlin zu einer lebhaften Teestunde.

Von Klaus Bellstedt

In einem Berliner Hotel am Potsdamer Platz traf stern.de die britische Band Take That, die nach fast 15 Jahren erstmals wieder in voller Besetzung - also mit Robbie Williams - ein neues Album aufgenommen hat. "Progress" schoss unmittelbar nach dem Erscheinen an die Spitze der deutschen Album-Charts. Dementsprechend gut gelaunt und gesprächig präsentierte sich die ehemalige Boygroup. Nur einer fehlte bei der fröhlichen (Ingwer-)Teestunde: Gary Barlow. Der ließ sich wegen einer Erkältung entschuldigen.

Mr. Williams, Mr. Owen, Mr. Donald, Mr. Orange, Sie waren lange nicht in dieser Besetzung in Berlin. Wie gefällt Ihnen die deutsche Hauptstadt?


Mark Owen:

Es ist wunderbar hier, weil sich so viel tut. Das ist eine neue Stadt. Es passiert an jeder Ecke etwas. Berlin wird mehr und mehr zu einer echten Metropole. Das merkt man. Und: Alles ist so billig hier. Also ich meine jetzt die Preise.

Robbie Williams:

Wusstet Ihr, dass ich in Berlin eine Wohnung besitze? (Erstauntes Kopfschütteln in der Runde). Sie liegt in der Nähe vom Checkpoint Charlie. Mehr verrate ich aber nicht.

Kommen wir zu Ihrer neuen Platte. "Progress" stürmt in Deutschland die Charts. Und das, obwohl das Album gar nicht mehr nach Take That klingt. Es ist ja mehr eine Dance-Platte mit vielen Elektro-Einflüssen. Überrascht Sie der Erfolg?
Howard Donald: Nein, ich bin eigentlich nicht überrascht. Ich hatte schon im Studio beim Einspielen der Songs ein gutes Gefühl, dass das ein gutes Album werden könnte. Ich war letzte Woche in Münster im Fitnessstudio. Da wurde einer unser neuen Songs gespielt. Und danach gleich noch einer. Das war ein cooles Gefühl. Deutschland ist ein riesiges Land. Und unsere Platte steht hier auf Platz eins. Das macht mich glücklich - und auch ein bisschen stolz.
Robbie Williams: Ich befinde mich in einer Art Liebesbeziehung zu Deutschland. Hier lief es für mich auch als Solokünstler schon immer besonders gut. Dass das Album so einschlagen würde, ist unglaublich, und dafür bin ich dankbar. Aber genau wie Howard bin ich auch nicht vollends überrascht. Als die Idee entstand, ein gemeinsames Take-That-Album aufzunehmen wusste ich: Hier entsteht etwas Besonderes.

Wenn man sich das Album anhört, könnte man meinen, dass jeder von Ihnen seinen eigenen Song darauf eingespielt hat. Viele Lieder klingen wie Solonummern. Ist "Progress" von jedem einzelnen Bandmitglied auch ein bisschen eine Selbstverwirklichung?


Robbie Williams:

Für die Beantwortung der intelligenten Fragen ist Jason Orange verantwortlich. (Gelächter in der Runde).

Jason Orange:

Ja, also ich finde schon. Selbstverwirklichung trifft es ganz gut. Wir haben im Vergleich zu früheren Alben viel mehr ausprobiert. Jeder von uns. Es waren in erster Linie gesangliche Versuche. Und aus den Versuchen wurde dann irgendwann Realität. Die hört sich ganz gut an, finde ich. (Anerkennender Applaus vom Rest der Gruppe).

Robbie, wenn Sie einmal tief in Ihr Inneres blicken: Was hat Sie wieder zusammengeführt? Welche Motivation steckte dahinter, es mit Take That noch einmal zu versuchen?


Robbie Williams:

Bei mir waren vor allem zwei Dinge ausschlaggebend: Ich hoffte auf die Vergebung meiner Schwachsinnigkeiten, und ich wollte den Vieren mit meiner Rückkehr etwas zurückgeben. Aber das ist es nicht allein. Was können wir als Band noch einmal gemeinsam erreichen: Das herauszufinden ist mein Ehrgeiz. Der wirtschaftliche Aspekt spielt eine untergeordnete Rolle. Als in England bekannt wurde, dass wir wieder gemeinsam als Take That auftreten werden, dachten viele, wir würden in finanziellen Schwierigkeiten stecken. Die Wahrheit ist: Die Jungs würden ohne mich mehr verdienen. Und ich würde ohne sie auch viel mehr Kasse machen. Darum geht es uns nicht. Schauen Sie uns an, wir sitzen hier mit strahlenden Gesichtern in der Runde - weil wir wieder vereint sind.

Und was ist mit den Risiken der Wiedervereinigung? Die gibt es doch auch.
Mark Owen: Ich will es mal mit einem Bild versuchen. Take That ist ein großer Kochtopf, in den permanent die unterschiedlichsten Zutaten reingeworfen werden. Es besteht immer die Gefahr, dass die ganze Sache überkocht. Natürlich, davor sind wir nicht gefeit. Sie dürfen nicht vergessen: Hier sind fünf Kreative am Werk. Aber im Moment kommt nur der Duft von positiver Energie aus dem Kochtopf. Man kann es auch so ausdrücken: Es ist das Gegenteil von Zerstörung, was wir gerade erleben. Früher haben wir uns zerstört. Jetzt erschaffen wir etwas.
Jason Orange: Ich will noch mal zu den Gründen unserer Wiedervereinigung zurückkehren. Warum wir es noch mal probieren? Warum denn nicht! So simpel ist das. Und zu den Risiken: Dass es beide Seiten auch ohne einander schaffen, haben wie ja schon bewiesen. So viel gibt es also gar nicht zu verlieren. Im Gegenteil: Derzeit herrscht bei uns Jackpot-Stimmung. (Gegröhle).
Robbie Williams: Ich sehe schon auch Risiken. Wir stehen in einer Beziehung zueinander. Wir sind eine Band. Das ist ähnlich wie eine Beziehung zu seiner Ehefrau oder Freundin. Oder auch zu seiner Mutter. Das kann natürlich krachen. Es gibt ein Gefahrenpotenzial überall da, wo Menschen zusammen sind. Und zwar enger zusammen sind. Also gibt es das auch bei Take That. Aber daran verschwende ich kaum einen Gedanken. Mark sprach von diesem explosiven Gemisch in dem Kochtopf. Im Hinterkopf habe ich das schon, aber es dominieren ganz klar die positiven Gedanken.

Es gab während der Aufnahmen des neuen Albums im Frühjahr 2010 in New York eine Phase, als Sie, Robbie, sich eine kurze Auszeit gegönnt haben. Was war da los? Wollten Sie hinschmeißen?


Robbie Williams

: Ich bekam kurzzeitig kalte Füße. Ich kann es gar nicht groß erklären. Es hatte auf jeden Fall nichts mit den Jungs zu tun. Ich fragte mich, ob ich das alles schaffen würde. Ich fühlte mich extrem gefordert und etwas überlastet. Man kann meine Situation im Frühjahr 2010 mit der Ende 2009 vergleichen, als ich mein achtes Studioalbum "Reality killed the Videostar" promotet habe. Damals brauchte ich auch eine Pause, weil ich müde war. Jetzt war die Pause viel kürzer und so etwas wird mir auch nicht wieder passieren - zumindest nicht in den nächsten zwölf Monaten. Es war in der Zeit gut, dass ich mich von New York, wo wir "Progress" ja aufgenommen haben, nach Los Angeles zurückziehen konnte. Das hat mir geholfen. L.A. hat sowieso vieles in mir verändert. Dort habe ich meine Hunde, meine Frau und das Wetter ist auch immer gut. Da frage ich mich schon manchmal: Warum soll ich Amerika eigentlich verlassen?

Howard Donald:

Deshalb lassen wir Rob jetzt auch nicht mehr zurück nach L.A. Sonst kommt er ja nicht wieder.

Wie soll denn eigentlich Ihr Leben mit 65 ausschauen? Was ist mit Träumen?


Mark Owen:

Mir wäre es am liebsten, wenn wir vier hier im hohen Alter uns alle um ein Klavier versammeln würden, auf dem Gary Barlow spielt und wir dazu singen. Das wär's doch, oder?

Robbie Williams:

Soweit möchte ich gar nicht gehen. Das Wichtigste für mich ist, dass wir uns in guter Erinnerung behalten - bis zum letzten Tag und egal, ob man den Weg gemeinsam oder für sich allein bestreitet.