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Jugendkultur: Warum Rapper Schwule erniedrigen

Der Berliner Rapper Bushido legt dieser Tage seine Autobiografie vor - ein Mann, der das, was ihm missfällt, "schwul" nennt. Und er steht damit ganz und gar nicht alleine da. Leidtragende sind junge Homosexuelle, für die ein Outing inzwischen wieder gefährlich werden kann. Die Geschichte einer Hassfloskel.

Von Sophie Albers und Johannes Gernert

"Schwule Sau" ist die häufigste Beschimpfung auf deutschen Schulhöfen. Das hat die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaften 2007 festgestellt. Damit bekommt "schwul" eine neue Bedeutung. Es ist nicht mehr nur die Bezeichnung für eine sexuelle Orientierung, sondern ein gängiges Schimpfwort. Diesen Bedeutungswandel hat ein Aufsichts-Gremium des britischen Medienriesen BBC bereits vor zwei Jahren offiziell anerkannt und für die Mitarbeiter zur Nutzung freigegeben. "Schwul", so die Sprachrichter, bedeute mittlerweile soviel wie "Mist". Und dieser "Mist" hat sehr viel mit Rap-Musik zu tun. Denn da kommt die Popularität von "schwul" als Schmähung her.

Seitdem es Rap gibt, wird diskutiert, wo die Kunst aufhört und die Beleidigung beginnt, wenn die harten Kerle sich batteln - wie der wortreiche Kampf um die dickste Hose genannt wird. Homosexuelle Zuschreibungen in allen Variationen gehören zu den Songtexten wie das Maschinengewehrgeknatter zum Soundmix. In der Hitliste der Beschimpfungen kommt "schwul" gleich nach der Beleidigung der Mutter. Allerdings bedeutet es im Gangsta-Rap definitiv mehr als "Mist". Denn der Schwulenhass ist eine Genre-Geste und zwar eine sehr erfolgreiche, die sich quer durch die Charts zieht: Eminem "hasst Schwuchteln", auch The Game und Busta Rhymes hetzen. Ice Cube pöbelte, dass "echte Niggas nicht schwul" sind. Und auch wenn 50 Cent mit eingeöltem, nackten Oberkörper ein prima Schwulen-Pin-Up abgibt, will er mit "Tunten" nichts zu tun haben.

"Alle MCs sind schwul"

Das hört sich im deutschen Geschäft mit den harten Reimen nicht anders an - und das nicht erst seit Berlins Straßenrap in der Szene das Sagen hat: Das reicht von Kool Savas' 2001 indiziertem Rundumschlag "Alle MCs sind schwul" bis zu G-Hots Mordaufruf in dem Song "Keine Toleranz", in dem er seinen Gewaltfantasien gegen Homosexuelle freien Lauf lässt. Neben Protesten aus Politik und Musikbranche hat ihm das immerhin eine Anzeige eingebracht, in deren Folge sich das sicherlich nicht homophile Label Aggro 2007 von dem Rapper trennte.

Selbst die Szenestars Bushido und Sido stimmen in den Hassrap ein, auch wenn sich beide in Interviews verständnisvoll präsentieren und auf die Umdeutung des Wortes verweisen. "Berlin wird wieder hart/ denn wir verkloppen jede Schwuchtel" oder "Es ist ganz normal/ Männer lutschen keine Schwänze" rappt Bushido. Dessen Konkurrent Sido findet ebenfalls alles und jeden "schwul". Beide sind damit so erfolgreich und mainstreamtauglich, dass Bushido nun mit gerade mal 29 Jahren seine Biografie vorlegt, während Sido als Juror in der Castingshow "Popstars" kleine Mädchen ganz ohne Musik zum Weinen bringen darf. Und ach ja, laut Bushido ist Sido natürlich auch "schwul" - und das meint er im ganz klassischen Wortsinn. Womit wir bei den Gründen für den genreüblichen Homosexuellen-Hass wären und der gängigen Vermutung, dass aggressive Homophobie ein Indiz für die eigene unterdrückte Homosexualität ist. 1996 erschien die Studie einer Forschergruppe an der US-Universität von Georgia, laut der acht von zehn der getesteten aggressiv-homophoben Männer durchaus homosexuelle Gefühle haben.

Dazu passt die in diesem Jahr erschienene Offenbarungsbiografie des ehemaligen MTV-Mitarbeiters Terrance Dean, der in "Hiding in HipHop" nicht nur schreibt, dass "schwul" auch in Vorstandsetagen ein beliebtes Schimpfwort sei, sondern dass es in den USA eine perfekt organisierte homosexuelle Subkultur unter Rap- und HipHop-Stars gebe. Will sagen: Während der Woche spucken sie Hass von den Bühnen und zeigen der Weiblichkeit, wer den Größten hat, und am Wochenende geht's zur Sexparty unter Männern. Namen nennt Dean keine, doch Gerüchte, dass einige Rapper das Gegenteil von dem tun, was sie sagen, gibt es schon lange. Das will Szene-Kenner und Rap-Label-Gründer Marcus Staiger auch für das deutsche Verbalkampfgebiet nicht ausschließen, wie er im Interview mit stern.de ausführt. [Siehe Kasten] Doch sieht er auch deutliche Unterschiede zu den Rappern in den USA.

In der Heimat des Rap, den Schwarzen-Ghettos der USA, war die Musik immer auch stark von der Kirche beeinflusst. Für Teile der christlichen Religion gilt Homosexualität bis heute als Sünde. HipHop und Rap als stärkste Stimme der schwarzen Kultur hätten diesen Glauben angenommen und weitergegeben, schreibt Dean. Auch die Geschichte der Sklaverei hat Einfluss genommen: Homosexualität gilt vielen als Instrument der "weißen Unterwerfung", als Werkzeug des Rassismus, denn männliche Sklaven wurden mit Vergewaltigung erniedrigt. Diese Erklärung wird unter anderem auch als Grund für die jamaikanische "Mördermusik" angeführt - den zum Teil extrem homophoben Dancehall eines Beenie Man oder Bounty Killer. Und schließlich findet sich auch noch ein eher praktischer Grund: Ihr Lebensstil führe Rap-Musiker immer wieder ins Gefängnis. Wenn dort nicht von vornherein klar sei, dass es sich um einen ganz harten Kerl handelt, bestehe die Gefahr des Missbrauchs, meint ein amerikanischer Konzertmanager. Homophobie als Präventivmaßnahme?

Hetero von Berufs wegen

Auf jeden Fall funktioniert Homophobie als Abwehr der ultimativen Bedrohung für die Männlichkeit. "Je mehr hetero jemand ist, desto mehr wird er akzeptiert", schreibt Dean. Heterosexualität ist also eine Berufsanforderung für Rapper. Und die würden einige sogar trainieren, behauptet der Autor. Wer hat eigentlich gesagt, dass Rap eine progressive Jugendkultur sei?

Die traurige Wahrheit ist, dass es unter anderem wegen der Popularität dieser Musikrichtung heute für junge Schwule in Deutschland schwieriger geworden ist, ein angstfreies Coming Out zu haben, wie die "taz" jüngst feststellte. "Dieser Hass hat großen Einfluss auf die Jugendkultur", bestätigt die Sprecherin des Lesben- und Schwulenverbandes in Deutschland. Die schlechte Nachricht ist, dass es rein gar nichts bringt, die Künstler und ihre Musik verbieten zu wollen, so wie es Politik und Interessenverbände immer wieder fordern. Eminem wusste bereits vor acht Jahren: "Je mehr ich angegriffen werde, desto mehr Alben verkaufe ich." Der Warnaufkleber auf CDs gilt als Adelsschlag. Denn wie Sido 2003 schon bemerkte: "Als Jugendlicher hast du keinen Bock auf positive Vorbilder".

Die gute Nachricht: Die große Aggressivität des Pöbelpersonals spricht dafür, dass die Gesellschaft ein gutes Stück weiter gekommen ist. Die Hassraps wären demnach das verzweifelte Aufbäumen der Zurückgebliebenen, die fürchten, von der liberalen Gesellschaft überholt zu werden. Angstbeißen als Reaktion auf die zunehmende Gleichstellung von Homosexuellen, den Wandel des klassischen Rollenbildes und dessen Femininisierung. Also Hände in den Schoß legen und aufs Ende der populären wie gefährlichen Dummheit hoffen? Wenn auch keine Selbstkorrektur, so ist doch eine auch von langsam einbrechenden Zahlen im Rap-Geschäft befeuerte Besserung in Sicht: Die Hoffnungsträger kommen wieder aus Amerika, nennen sich HomoHopper und bedienen sich des guten alten wie auch schwulen Popwerkzeugs Travestie: Ihr bekanntester Vertreter ist Deadlee. Er sieht zwar aus, als sei er der beste Kumpel von 50 Cent, doch steht dieser tätowierte Fleischberg offen zu seiner Homosexualität. Die Helden seiner Songs sind schwul. Er dreht die Bedeutung des Wortes ins Positive um. Richtig, genauso wie die Ur-Rapper N.W.A. das einst mit "nigga" gemacht haben, um dessen rassistische Bedeutung ad absurdum zu führen. Seitdem ist es in fast jedem Rap-Text zu hören. Demzufolge wäre ein Erfolg des HomoRap nur logisch. Und dann ist die "schwule" plötzlich auch die "coolste Sau" auf dem Schulhof.

Mitarbeit: Christian Weiß