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Justin Timberlake: "Pizza Face" räumt ab

Schön ist er nicht. Aber schon bei 'N Sync hatte er die beste Stimme und die größte Ausstrahlung. Justin Timberlake macht damit Teenies weltweit verrückt - und auch einige Traumfrauen.

Über seine Musik, mein Gott, was soll er da viel sagen? Muss man doch hören! Irgendwie maulig steht er auf, dreht die Anlage auf, so laut es geht, "Senorita" wummert und knallt es durchs Zimmer, er läuft herum, einer seiner Freunde läuft auch herum, beide in Egal-Garderobe, lange T-Shirts, Zelthosen, Dreck an den Schuhen. Justin bleibt stehen, zuckt ein bisschen mit den Beinen, als wollte er tanzen, setzt sich wieder, man will weitersprechen, er steht wieder auf, "Last Night", ganz laut, bloß nicht reden. Vielleicht, weil ihn vorhin ein Journalist ernsthaft fragte, welche Unterwäsche und welches Aftershave er benutze. Und natürlich, wie das war mit Britney, Britney Spears. Über seine Musik, dachte er, will hier wohl niemand reden.

Das war vor einem Jahr in Köln. Wenn man Justin Timberlake dann doch nach seiner CD "Justified" befragte, kamen seine Antworten mit einem leicht beleidigten Unterton, "wir haben das alles selbst im Studio eingespielt, manches beinahe live, ohne große Proben und ohne viele Computer". Manchmal stockt er beim Sprechen, den Mund halb offen, dreht er das Ohr zu den Lautsprechern, es war eine Vorab-CD und ja, eben an der Stelle muss er noch mal ran, da hing ein halber Ton schief oder so. Vielleicht war Justin vor einem Jahr auch deshalb bockig, weil er in den Fragen der Interviewer Geringschätzung spürte: Ex-Boyband-Sänger will jetzt solo, na ja. Und ausgerechnet Timberlake, der mit den Locken und der hohen Stimme, macht jetzt auf dreckigen Jungen und sagt über das Ende seiner Band 'N Sync, das Management habe sie "gefickt", geschäftlich, versteht sich. Er spürte, dass ihm in der Musikindustrie und unter Kritikern wenige einen Durchbruch zutrauten. Einem, der auch noch Britney liegen lässt.

Vergangenes Wochenende,

"Wetten dass..?", ein sinnleerer Boris Becker, ein wie immer spaßarmer Götz George, sehr viel deutsches Gemüt neben Gottschalk. Und dann Justin Timberlake. Singt live, bewegt sich ganz leicht in den komplizierten Konstruktionen seiner Songs, spielt Klavier - das ist kein Pop-Junge, das ist ein Beethoven gegen den deutschen Pop-Discounter Dieter Bohlen. Und er ist ein Showprofi, der mit wenigen Sätzen Charisma auf die Gottschalksche Couch zaubert. Was ist in dem einen Jahr passiert? Nicht viel, jedenfalls nicht mit Justin Timberlake. Aber mit seinen Zuhörern. Die brauchten Zeit, seine Musik zu entdecken. Zu viel Pop-Müll versperrte die Ohren, zu viel Meterware Musik war im Weg, um sich auf "Justified" einzulassen.

Mehr als sechs Millionen Mal wurde die CD verkauft, Timberlake ist in den Charts mit "Senorita" und davor mit "Cry Me A River" ganz oben, seine Konzerte (ab nächste Woche in Deutschland) sind ausverkauft, auf der Bühne führt der 22-Jährige eine fugendichte Show vor, seine Choreografie ist die Weiterentwicklung der alten, etwas roboterhaften Michael-Jackson-Kunst hin zum lässig Lebendigeren. Aber vor allem ist es die Ausstrahlung und die Erfolgsgeschichte des Sohnes früh geschiedener Eltern aus der B.-B.-King-Musikstadt Memphis, die ihn in den USA zum Superstar machen.

Justin Timberlake verkörpert auch den Triumph der nicht ganz so hübschen Jungs in einem weltweiten Pop-Markt aus Sexsymbolen, Muskel-Rappern und Latino-Beaus. "Pizza Face" hätten sie ihn früher wegen seiner Akne genannt. Als Zwölfjähriger trat er mit Freunden auf Kindergeburtstagen auf und imitierte Boybands. Die anderen bewegten nur den Mund, Justin sang selbst. Der Mickey Mouse Club, der amerikanische Star-Brutkasten im Kinder-TV, entdeckte ihn, zusammen mit Britney Spears und Christina Aguilera moderierte er die Sendung.

Spears und Aguilera werden Teenie-Stars, verkaufen Lolita-Pop, zeigen Bauchnabel und Busen. Justin arbeitet bei 'N Sync, ist nicht der Bestaussehende in der Band, aber der Bestsingende. Er feilt und komponiert an seinem Sound, studiert schwarzen HipHop und weißen Blues, verwebt die Stile und geht "meist mit gesenktem Kopf herum", wie seine Mutter Lynn erzählt. Die Teenager-Liebe zwischen Britney Spears und ihm halten beide versteckt, das Management findet, das sei besser für den Markt. Nächtelang operiert Justin im Studio herum, lässt sich nichts von der Plattenfirma sagen. In den USA moderiert er große TV-Shows, führt durch ein langweiliges Celine-Dion-Konzert und zieht junges Publikum, geht nach dem Ende von 'N Sync seinen Weg, ignoriert musikalische Ratgeber, trennt sich schließlich von seiner Teenie-Liebe Britney Spears.

Die kokettierte lange mit ihrer angeblichen Jungfräulichkeit, bis Justin in einem Interview erzählte, dass das natürlich ein Schmarren gewesen sei, schließlich seien sie junge Menschen mit einem Sexleben. Amerika amüsiert sich, endlich einer, der sagt, was alle sowieso dachten. Neuerdings ist Justin mit der neun Jahre älteren Schauspielerin Cameron Diaz zusammen und spricht aus, was viele Jungs denken - die habe ich schon als Kind verehrt und jetzt kann ich sie ... Genau.

Das Publikum liebt die Echtheit dieses musikalischen Garagenjungen Justin Timberlake. Das ist alles sehr amerikanisch, sicher. Aber ausnahmsweise sehr echt in einer Pop-Kultur, die eigentlich das Unechte feiert. "Ich hab das alles vor den Augen der ganzen Welt gemacht, ohne meinen Kopf zu verlieren", sagte Justin vor einem Jahr. Und hockte sich ganz dicht vor die Lautsprecher. Da war noch immer ein Ton, der ihm nicht gefiel.

Jochen Siemens

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