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Kante: Musik jenseits der Schwerkraft

Auf ihrem dritten Album "Zombi" hat die Hamburger Band Kante endgültig ihren Stil gefunden: Zehn Stücke, die schillernd zwischen New Wave, Art-Pop und Jazz oszillieren.

"Wo uns die Stille in den Ohren liegt, (...) da will ich bei dir sein." Dies ist nur eine Zeile aus dem neuen Album "Zombi" der Hamburger Band Kante - und doch beschreibt das zerrissene Kurzzitat aus "Wo die Flüsse singen" die Musik Kantes treffender als viele Worte. Denn die Stille, aus der Kante ihre leisen, gedämpften, aber dennoch bestimmten musikalischen Epen herausschälen, kommt hier ebenso zur Sprache wie die Geborgenheit, die Kante noch in ihren dunkelsten Momenten zu vermitteln vermögen.

Auf "Zombi", ihrem dritten Album, hat das Quintett offenbar seinen Schwerpunkt gefunden. Was auf "Zwischen den Orten" als tastendes Suchen und bedächtiges Experimentieren begonnen hat, auf "Zweilicht" zu einem musikalischen Groß-Werk zwischen poppigen Stücken und ambitionierten Soundmalereien herangereift ist, gelangt nun auf "Zombi" zur vollen Blüte: Kante konnten bei den Aufnahmen ihre bislang verschiedenen Herangehensweisen zu einem einheitlichen Stil zusammenziehen.

Gestraffter Klang mit klarem Ziel

"Auf 'Zombi' kommen nicht mehr ganz so viele unterschiedliche Stilistiken vor. Es liegt alles ein bisschen dichter zusammen", erläutert Peter Thiessen, der Kopf der Band, das neue Werk. Tatsächlich: Der spezielle Kante-Klang wirkt hörbar gestrafft. Zwar schweift er weiter von der Schwerkraft nur wenig eingeschränkt umher, scheint aber im Gegensatz zu früher ein Ziel zu kennen. So entstanden zehn Stücke, die schillernd zwischen New Wave, Art-Pop, traumwandlerischen Klanglandschaften, Robert-Wyatt-Rock und ECM-Jazz oszillieren.

Eindrucksvolle Pop-Lyrik

In acht von zehn Stücken schlüpfen in diese Soundwelten Texte Peter Thiessens, eine eindrucksvolle Pop-Lyrik, die zwar eine gekünstelte Sprache vermeidet, aber dennoch offen bleibt für verschiedene Deutungsmuster. Peter Thiessen ist bei Pop-Texten kein Freund konkreter Parolen: "Wenn ich einen Text verfasse, bemühe ich mich, etwas Mehrdeutiges zu schreiben, etwas, das auf verschiedenen Ebenen gelesen werden kann", erklärt er. Er wehre sich dagegen, Pop-Texte so zu konstruieren, dass sie unter dem Strich einen klaren Sinn ergeben. "Es gibt ja dieses Verlangen: Sag' doch mal in einem Satz, was du sagen willst! Dagegen sollte sich Popmusik zur Wehr setzen. Mehrdeutigkeiten, Spannungen, Widersprüchlichkeiten zu formulieren, das ist meiner Meinung nach der wesentliche Vorteil der Pop-Song-Sprache."

Wenig Festgelegtes

Auch in ihrer musikalischen Arbeitsweise haben Kante es offensichtlich zum Stilprinzip erhoben, sich wenig festzulegen. "Wir haben sehr lange an der Platte gearbeitet", sagt Thiessen. Über ein Jahr lang - mit einigen Unterbrechungen - feilten Thiessen, Schlagzeuger und Mit-Bandgründer Sebastian Vogel (Percussion), Bassist Andreas Krane, Thomas Leboeg ( Klavier, Electronics) und Felix Müller (Gitarre, Percussion, Keyboards) an "Zombi". Wie schon bei "Zweilicht" unterstützte sie der stark in die Arbeit involvierte Produzent Tobias Levin.

Das Ergebnis gibt ihnen Recht: Wie keine andere deutsche Band übersetzen Kante den beinahe mit Händen zu greifenden Zustand der Unsicherheit und des Übergangs in Musik. Vielleicht, weil sie selbst von Umwälzungen, von denen in der Pop-Industrie nämlich, selbst bald betroffen sein könnten. Peter Thiessen: "Ja, wir sind auf eine gewisse Weise eine sehr altmodische Band. Wir sind fünf Leute, gehen zusammen ins Studio. Gehen richtig lange ins Studio, und das wird teuer. Ich bin mir nicht sicher, wie lange das noch von so kleinen Szenen, die unsere Musik anspricht, getragen werden kann."

Markus Schwarz, AP / AP
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